Aber nein, meine Kräfte werden noch genügen! Ich wundere mich manchmal selbst über die Frische und Unverbrauchtheit meines Organismus. Ich nähere mich nun fast dem hundertsten Jahre, und es scheint, daß mich jeder Tag, statt meine Kräfte zu erschöpfen und meine Gesundheit zu untergraben, nur noch mehr stärkt und fester macht.

Und wiederum denke ich unwillkürlich an jene zugleich lächerliche und entsetzenerregende Überlieferung, die unter diesem Volke verbreitet ist, daß ich niemals sterben werde.

Ein furchtbarer Gedanke! Denn leider kann sich nur die physische Natur des Menschen an ihr Widersprechendes gewöhnen, die Seele niemals! Mein Schmerz und meine Sehnsucht werden nie verblassen, im Gegenteil, sie wachsen unaufhörlich ins Ungeheure, Riesenhafte.

Ich jage diesen Gedanken von mir und denke nur noch mit einem heißen Glücksgefühl daran, daß ich in einigen Mondtagen die Erde sehen werde. Das Herz schlägt mir dabei, als wenn ich ein zwanzigjähriger Jüngling wäre, der zu einem Stelldichein mit einer erträumten und über alles geliebten Beatrice geht, mit der er bisher nur in Träumen zu sprechen gewagt hat.

Aber ich weiß, meine Geliebte wird kalt sein, stumm und unerreichbar; ich werde sehnsuchtsvoll die Arme nach ihr ausbreiten und sie durch die undurchdringlichen Himmelsräume rufen, sie wird weder meine Stimme hören noch mir irgendeinen Gedanken, noch eine Erinnerung weihen.

Es ist etwas Seltsames und zugleich Ungeheuerliches, den Gegenstand seiner Sehnsucht am Himmel zu haben. Es dünkt mich, daß ich an diesen entfernten, von hier aus unsichtbaren heimatlichen Stern mit einem langen Faden, der um mein Herz geschlungen ist, gebunden bin, der sich in die Unendlichkeit ausdehnen, aber niemals reißen kann. Und so an diese unerreichbare Welt gebunden, fühle ich, daß mir der Boden unter den Füßen fremd ist und immer fremd bleiben wird.

Ja, es ist etwas Furchtbares um die Liebe zu den Sternen! Denn die Erde ist für mich nur noch ein Stern, den ich über alles liebe. Wenn es Geister gibt, die von erhabeneren und lichteren Welten, von flammenden Sonnen vielleicht auf dunkle Planeten herabfallen, so erdulden sie in der Tat, wenn sie die Erinnerung bewahrt haben, die schrecklichsten Qualen, wie auch ich sie erdulden muß.

Wie oft am Tage wiederhole ich mir, daß jenes armselige, von mir so bemitleidete Mondvölkchen der Zwerge, das fast im Staube vor mir, dem Alten Menschen, kriecht, doch tausendmal glücklicher ist als ich.

Jetzt, nachdem sie ihre Arbeit beendet haben, gehen diese Leutchen um ihre kleinen Häuser herum, unterhalten sich, lächeln einander zu und sind heiter und zufrieden. Jan, der durch das natürliche Recht des Ältesten ihr Oberhaupt ist, ruft sie vor dem Abend, wie ich das ein für allemal vor Jahren angeordnet habe, zwecks gemeinsamen Lesens einiger Abschnitte aus den ihnen von mir bezeichneten Schriften, zusammen. Früher, zu Toms Lebzeiten, als Jan noch ein kleiner Knabe war, habe ich diese Abendversammlungen gewöhnlich geleitet, ihnen die Bibel oder andere zum Lesen bestimmte Bücher erklärt und von der Erde erzählt und von den Menschen; aber jetzt zeige ich mich nicht einmal mehr am Versammlungsort, dort unter dem Kreuze, dessen Bedeutung sie kaum verstehen. Warum soll ich zu ihnen sprechen, da sie sich jedes meiner Worte doch nur nach ihrem Sinne deuten und jede Wahrheit durch phantastische Legenden entstellen und verwirren?

Und dennoch, ich muß es mir immer wieder sagen: Sind sie schuld daran? Ist es ihre Schuld, daß sie alles, was sie hören, auf sich beziehen, unfähig, sich in Gedanken über diesen Landstreifen zu erheben, den sie bewohnen? Sind sie schuld daran, daß sie beim Lesen der Bücher der Genesis an ihren Großvater Peter denken, dessen Grab sie auf der Friedhofinsel kennen, und die Augen mit dem Ausdruck einer Götzenanbetung auf mich richten? Daß Menschen eine andere Welt bewohnen können, einen Stern, der denjenigen gleicht, die in der Nacht über ihnen leuchten, halten sie für etwas, woran man glauben muß, weil ich es gesagt habe, aber was sich vorzustellen unmöglich ist.