Ich habe alles getan, um in diesen Menschen die Seele zu wecken, und erst dann meine Bemühungen aufgegeben, als ich mich von der gänzlichen Unmöglichkeit überzeugt hatte. Ich sollte mir daher also keine Vorwürfe machen, und trotzdem fühle ich die auf mir lastende furchtbare Verantwortung für diesen Fall des menschlichen Geschlechts, das mir anvertraut war. Und wiederum die Ironie des Lebens: Sie sind in ihrer Weise glücklich, und ich gräme mich ihretwegen und vergrößere durch eine quälende Sorge um sie meinen nagenden Schmerz und meine Sehnsucht ...
V.
Wieder sind Jahre auf der Erde verflossen, seit ich zum letztenmal diese Blätter in Händen hatte. Heute öffne ich das Tagebuch, um das Datum zu notieren, wo ich dieses Land am Meer für immer verlasse. Ich gehe endlich zum Polarland!
Seit unserm EXODUS sechshunderteinundneunzig Mondtage.
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Alles ist schon bereit. Unsern alten Wagen, bis zur Hälfte kleiner gemacht und verbessert, habe ich mit Lebensmitteln und Brennmaterial versehen, die mir für eine lange Zeit des Aufenthaltes im Polarland genügen werden — länger vielleicht, als ich es benötige ... denn ich bin alt ... Ich sollte heute früh aufbrechen, aber es ist ein Umstand eingetreten, der meine Reise wohl um einen Mondtag verzögern wird.
Die Sache verhielt sich so: Seit Toms Expedition nach Norden zum Äquator, die er fast mit dem Leben bezahlen mußte, hatte ich streng verboten, derartige Reisen zu unternehmen, denn ich war fest überzeugt, daß sie zu keinem Ziel führen und die Teilnehmer nur unnötig in Gefahr bringen. Bisher befolgte man diese meine Anordnung aufs genaueste und ich glaubte bestimmt, daß es immer so bleiben würde, besonders in Anbetracht des geringen Unternehmungsgeistes dieses Mondvolkes, das mit seinem ganzen Interesse nur an den praktischen und alltäglichen Dingen und Lebensbedürfnissen hängt.
Und dennoch habe ich mich getäuscht. Es scheint selbst hierher ein Hauch jenes Feuergeistes von der Erde gedrungen zu sein und verborgen in der Brust dieser Zwerge zu leben; jenes Geistes, der dort den Fortschritt bewirkt und die Menschen zur Entdeckung neuer Weltteile im Ozean fortgerissen hat. Seit einiger Zeit schon bemerkte ich, daß einige der Männer mit sehnsüchtigen Augen nach Norden schauen, über das weite Meer. Sie frugen mich einst, was wohl dort sein könne hinter dem großen Wasser, und ich antwortete ihnen, daß ich es nicht weiß. Sie aber, wie in ihren Mienen deutlich zu lesen war, glaubten nicht daran. Sie hatten mich vielmehr im Verdacht, daß ich es ihnen nur nicht sagen wollte.
Die letzte Nacht verbrachte ich mit Jan an den nahen Petroleumquellen, mit der Zubereitung der Vorräte für die Reise zum Polarland beschäftigt. Als ich am Morgen ans Meer zurückkehrte, mich von dem Mondvolke zu verabschieden, um fern von diesen Gegenden mein Leben zu beenden, erfuhr ich, daß drei Männer, die kräftigsten und kühnsten, meine Abwesenheit benützend, nach Norden gefahren sind, wie mir ihre Frauen erzählten. Sie bauten sich einen Schlitten, brachten darin den zweiten Elektromotor unter und nahmen außer den nötigen Lebensmitteln zwei Hunde und verschiedene Pelze mit. Sie fuhren in der Nacht auf das festgefrorene Meer hinaus, um noch vor dem Morgen an das gegenüberliegende Ufer auf der nördlichen Halbkugel zu gelangen.
Ein wahnsinniges Unternehmen! Ich bin überzeugt, daß sie niemals zurückkehren werden, aber indessen muß ich den Bitten Jans und Adas nachgeben und noch einen Tag warten, um sie zu segnen, wenn sie heimkommen sollten, ehe ich fortgehe.