Führt nicht der Weg auf die Erde dort durch die luftlose Wüste? ...

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Ich war vor kurzem auf dem Berge, von dem aus ich mit Peter auf die Sonnenfinsternis geschaut habe und dann auf den See, der plötzlich die ganze Polarmulde überflutete.

Ich habe Ada auf diesen Ausflug mitgenommen; sie bat mich darum, als sie gesehen, daß ich öfter auf die benachbarten Berge steige, um auf die Erde oder die Wüste zu blicken, die hier schon an der Grenze des Horizontes sichtbar ist. Sie drängte mich, daß ich sie einmal mitnehmen möchte, damit auch sie betrachten könne, worauf ich schaue und wonach ich mich sehne. Als sie heute mit mir ging, legte sie die feierlichsten Priestergewänder an und sagte zu Jan, daß sie auf die Heimat des Alten Menschen schauen werde. Unterwegs mußte ich über ihre Würde lachen; wenn man sie ansah, schien es, daß sie auf diesen Berg schreite, um ein heiliges Opfer darzubringen. Ich glaube, daß die Leute, die wir in dem Zelt im Tal zurückließen, zum wenigsten davon überzeugt waren. Sie blickten ihr mit Bewunderung und Ehrfurcht nach. Schweigend erstiegen wir den Berg. Das Lachen, das sich unwillkürlich in mir geregt hatte als ich Adas Priestergewänder gewahrte, ist davongeflogen, weit, weit fort von mir; ich habe sogar vergessen, daß dieses Geschöpf hinter mir ging. Ich sah nur noch die Erde, die sich langsam, je nachdem ich vorwärtsschritt, über dem Horizonte erhob, und auf die Sonne, die, hier schon sichtbar, wie eine rote Kugel auf der gegenüberliegenden Seite des Horizontes stand. Unter meinen Füßen breitete sich ein wahrer Teppich von Pflanzen, die dem Heidekraut ähnlich und von der Sonne rosig gefärbt waren, über meinem Haupte der blasse, erloschene Himmel.

Eine seltsame Empfindung überkam mich! Es schien mir, daß ich mich, diesen Berg ersteigend, schon für immer von den Mondleuten entfernte und von dieser ganzen mir so widerwärtigen Welt; es schien mir, daß ich wirklich ein geheimnisvoller Alter Mensch bin, der sein schweres Werk vollbracht hat und jetzt zu der Heimat zurückkehrt, dort inmitten der Sterne ... Und die rotglühende Sonne liegt schon in meinem Rücken und nimmt Abschied von mir auf dieser Welt, die mir nur Mühe und Schmerz und Qual gewesen, und die Erde erhebt sich vor mir, mächtig, hell erstrahlend, bereit, mich in ihren lichten Schoß aufzunehmen ...

Ich stand auf dem Gipfel des Berges und erkannte, mich in den Anblick der Erdscheibe versenkend, in der klaren Luft den vorübergleitenden hellen Keil Europas. Er war deutlich sichtbar, obwohl Wolken, die über Frankreich und England glitten, seine Konturen von dieser Seite her verwischten ... Aber die breiten polnischen Ebenen im Osten glänzten wie ein glatter silberner Spiegel, von der einen Seite an den dunklen Streifen des Baltischen Meeres gelehnt, von der anderen an die Kette der Karpathen, deren Gipfel jetzt wie eine Schnur kostbarer Perlen schimmerten. Die Erscheinung meiner Heimat an dem blauen Himmel war so unerwartet und bezaubernd für mich, daß ich einen Augenblick mit zurückgehaltenem Atem, ganz Auge geworden, dastand, bis ich plötzlich wie ein Kind in Weinen ausbrach und auf mein Antlitz fiel — dort oben auf dem Gipfel des Mondberges.

Als ich mich nach geraumer Zeit erhob, sah ich mit Staunen, daß Ada zu meinen Füßen kniete und helle Tränen über ihr Gesicht herabflossen.

— Was ist dir? frug ich fast gedankenlos.

Sie aber, statt mir zu antworten, umfaßte meine Knie und weinte herzzerreißend. Endlich hörte ich aus ihrem Schluchzen die abgerissenen Worte heraus:

— Du bist unglücklich, Alter Mensch.