Die phantastische Idee Jules Vernes sollte endlich verwirklicht werden, — über hundert Jahre nach dem Tode ihres Urhebers.

An der afrikanischen Küste, zirka zwanzig Kilometer von der Mündung des Kongo entfernt, gähnte die breite Öffnung eines dafür konstruierten Schlundes aus Gußstahl, der in einigen Stunden das erste Projektil mit den darin eingeschlossenen fünf waghalsigen Forschern hinausschießen sollte. Eine besondere Kommission untersuchte noch einmal genau sämtliche komplizierten Berechnungen, wie die Nahrungsvorräte und Instrumente: alles war in Ordnung, alles war bereit!

Am andern Tage, kurz vor Sonnenaufgang, verkündete ein betäubender, durch die Explosion hervorgebrachter Knall der Welt — in einem Umkreis von einigen hundert Kilometern — den Beginn der abenteuerlichsten aller Fahrten ...

Nach den ungemein genauen Berechnungen hatte das Projektil unter der Wirkung der explodierenden Kraft eines senkrechten Wurfes, der Anziehung der Erde und der treibenden Kraft, die durch die tägliche Drehung der Erde um die Achse entsteht, im Weltenraum eine mächtige Parabel von Westen nach Osten zu beschreiben und an dem bezeichneten Punkte und in der bezeichneten Stunde in die Sphäre der Anziehung des Mondes, fast senkrecht auf die Mitte seiner uns zugewendeten Scheibe zu fallen, in der Gegend des „Sinus Medii“. Der Lauf des Projektils, der von verschiedenen Punkten der Erde aus durch Hunderte von Teleskopen beobachtet wurde, zeigte sich als ganz genau mit der Berechnung übereinstimmend. Den Beobachtenden schien das Projektil am Himmel in der Richtung von Osten nach Westen zurückzuweichen, zunächst viel langsamer als die Sonne, dann immer schneller, je mehr es sich von der Erde entfernte. Die scheinbare Bewegung war das Resultat der Drehung der Erde, der gegenüber das Projektil zurückblieb.

Man beobachtete es lange, bis es endlich, in der Nähe des Mondes, selbst durch die stärksten Teleskope nicht mehr zu sehen war. Trotzdem hörte die Verbindung zwischen der Erde und den in das Projektil eingeschlossenen Reisenden noch längere Zeit hindurch keinen Augenblick auf. Sie hatten, neben allen andern Vorrichtungen, auch einen vorzüglichen Apparat der drahtlosen Telegraphie in ihrem Fahrzeug, der, nach den Berechnungen, sogar auf eine Entfernung von dreihundertvierundachtzigtausend Kilometern, die den Mond von der Erde trennten, funktionieren mußte. Jedoch erwiesen sich diese Berechnungen als unrichtig; die letzte Depesche erhielten die astronomischen Stationen aus einer Entfernung von zweihundertundsechzigtausend Kilometern. Das Telegraphieren war entweder durch die ungenügende Kraft des Stromes der Luftwellen, oder auch eines fehlerhaften Baues des Apparates wegen auf eine größere Entfernung unmöglich. Aber die letzte Depesche klang ganz aufmunternd: „Alles gut, kein Grund zu Besorgnissen vorhanden.“

Sechs Wochen später schickte man, wie verabredet, eine zweite Expedition aus. Diesmal nahmen nur zwei Personen in dem Projektil Platz; sie hatten dafür bedeutend größere Nahrungsvorräte und notwendige Instrumente bei sich; auch einen weit stärkeren telegraphischen Apparat als ihre Vorgänger. Es war kein Zweifel, daß er zur Übersendung von Nachrichten vom Monde genügen mußte; jedoch erhielt man keine Depesche mehr von dorther. Das letzte Telegramm war ganz nahe dem Ziele der Expedition, direkt vor dem Fallen auf die Mondoberfläche, abgesandt. Die Nachricht lautete nicht besonders günstig. Das Projektil wich, aus einem unerklärlichen Grunde, etwas vom Wege ab und konnte infolgedessen nicht senkrecht auf den Mond fallen; es fiel schräg, in einem ziemlich scharfen Winkel, und da es für einen solchen Fall nicht konstruiert war, fürchteten die Insassen, zerschmettert zu werden. Diese Befürchtungen schienen sich bewahrheitet zu haben, da dieser Depesche keine weitere mehr folgte.

Unter solchen Umständen gab man eine beabsichtigte dritte Expedition auf. Man konnte sich bezüglich des Schicksals der Unglücklichen nicht täuschen; warum sollte man noch mehr Menschenleben opfern? Die begeistertsten Anhänger der „interplanetarischen Kommunikation“ verstummten, und man sprach und schrieb über die Expeditionen nur noch, daß sie Wahnsinn seien, der geradezu an Verbrechen grenze. Und in einigen Jahren endlich war die ganze Angelegenheit vergessen.

Sie lebte erst wieder in der Erinnerung auf, als der besagte Artikel des bis dahin gänzlich unbekannten, nun aber zum Tagesgespräch gewordenen Assistenten des kleinen astronomischen Observatoriums erschien. Seitdem brachte jede Woche etwas Neues. Der Assistent lüftete allmählich die Schleier seines Geheimnisses, und obwohl es an Ungläubigen nicht fehlte, begann man doch die Sache immer ernster zu nehmen. Bald interessierte sich alle Welt dafür, und schließlich legte der Assistent auch klar, auf welche Weise er in den Besitz des wertvollen Manuskriptes gekommen und wie er es abgelesen habe. Er erlaubte sogar Fachleuten, die verkohlten Überreste, wie die in der Tat wundervollen photographischen Abzüge zu besichtigen.

Mit jener Kugel und dem Manuskript verhielt es sich aber folgendermaßen: „Eines Nachmittags,“ erzählte der Assistent, „als ich bei der Aufzeichnung der täglichen meteorologischen Beobachtungen saß, meldete mir der Stationsdiener, daß ein junger Mann mich zu sprechen wünsche. Es war mein Kollege und guter Freund, der Eigentümer eines benachbarten Gutes, der nur selten in die Stadt kam. Ich mußte ihn warten lassen, um erst meine Arbeit zu beendigen; dann begab ich mich zu ihm, und er erklärte mir sofort nach der Begrüßung, daß er mir eine Nachricht bringe, die mir zweifellos viel Freude bereiten werde. Er wußte, daß ich mich seit Jahren eifrig mit der Erforschung der Meteoriten beschäftigte und kam mir mitzuteilen, daß vor einigen Tagen ein Meteor von größerer Dimension, wie es schien, auf seinem Gute herabgefallen sei. Den Stein, der sich wahrscheinlich tief in den Morast gebohrt, hätte man nicht gefunden, aber wenn ich ihn haben wolle, wäre er gerne bereit, mir Arbeiter zum Hervorholen zur Verfügung zu stellen. Natürlich wollte ich den Stein haben, und nachdem ich mir einen kurzen Urlaub genommen, fuhr ich selbst an Ort und Stelle, behufs Nachforschungen. Aber trotz zweifelloser Merkmale und schwerer Mühen konnten wir nichts finden. Nur ein Stück bearbeitetes Eisen, in Form einer Kanonenkugel, das an dieser Stelle zu finden mich sehr in Staunen versetzte, wurde hervorgeholt. Ich zweifelte schon an einem Resultat und ließ die weiteren Arbeiten einstellen, als mein Freund meine Aufmerksamkeit auf jene Kugel lenkte. Sie sah in der Tat sehr merkwürdig aus. Ihre Oberfläche war mit Schlacken bedeckt, wie sie sich auf eisernen Meteoriten bei ihrem Erglühen während des Durchganges durch die Erdatmosphäre bilden. Sollte sie etwa jener herabgefallene Meteor sein?

In diesem Augenblicke kam mir plötzlich der Gedanke an die Expedition vor fünfzig Jahren, deren Geschichte ich genau kannte. Ich muß hinzufügen, daß ich, trotz des hoffnungslosen Inhalts der letzten Depesche, die von den Mondfahrern zur Erde gelangte, niemals an ihren Tod geglaubt hatte. Es war jedoch noch zu früh, Vermutungen auszusprechen. Ich nahm die Kugel mit der größten Vorsicht an mich und brachte sie nach Hause, fast sicher, daß sie wertvolle Fingerzeige über jene Verlorenen enthalte. Aus ihrem verhältnismäßig geringen Gewicht erriet ich, daß sie hohl sei, und begab mich sofort an die Arbeit. Ich war mir klar darüber, daß Papiere, die eventuell in der Kugel eingeschlossen waren, bei dem Erglühen des Eisens in der Erdatmosphäre verkohlt sein mußten. Man durfte daher die Kugel nur so öffnen, daß die Überreste nicht vernichtet wurden. Vielleicht, dachte ich, läßt sich aus ihnen doch noch etwas entziffern.