Ich hörte ungeduldig ihren weitläufigen Beschreibungen zu und wollte endlich genau wissen, was sie zu dieser so ungewöhnlichen Reise bewogen hatte. Da begannen sie, von mir und Ada immer wieder befragt, sich gegenseitig unterbrechend, die Geschichte der Expedition zu erzählen.

Aus dem Durcheinander ihrer ungefügigen Sätze erfuhr ich nur so viel, daß ihre drei Kameraden bei günstigem und überaus starken Winde im Schlitten, der mit Segeln versehen war, im Lauf der Nacht das zugefrorene Meer im Fluge zurückgelegt hatten und bei Sonnenaufgang zum gegenüberliegenden Strande auf der südlichen Halbkugel gelangten. Das war klar, aber das weitere nur mit Mühe aus ihren konfusen Reden herauszufinden. Und außerdem klang es so ungeheuerlich. Zwischen Bergen, auf weiten Ebenen, sollen dort sonderbare Wesen wohnen, halb Mensch und halb Tier, die sich vor der Kälte in tiefen Höhlen verkriechen. Diese Schlupfwinkel haben sie sich um scheinbar seit Jahrhunderten verlassene, in Trümmer zerfallene Städte herum ausgegraben. Und mit diesen entsetzlichen, raubgierigen Geschöpfen mußten unsere Zwerge Kämpfe bestehen, aus denen sie, nach Verlust des einen der ihrigen, dank des Besitzes von Schußwaffen, siegreich hervorgingen. Den Heimweg legten sie in wilder Flucht zurück, denn jene Unholde verfolgten sie hartnäckig auf dem Eise.

— Das sind grauenhafte Ungeheuer, sagte der Erzähler und zitterte bei der bloßen Erinnerung dessen, was er gehört hatte; klein, aber fürchterlich! Die Unseren mußten fliehen, da ihrer viele, viele waren! Sie haben Schnäbel statt des Mundes und scheußliche, lange Hände. Kaspar haben sie mit einer Schnur gefangen und zerrissen und die Leiche dann in eine jener Höhlen geschleppt, worin sie hausen. Das Land dort ist herrlich, aber diese Geschöpfe sind furchtbar! Die beiden Heimgekehrten erzählten uns davon. Die Ungeheuer haben sie verfolgt, aber sie hatten den Schlitten mit Motor und die Hunde und so gelang es ihnen zu entfliehen, obwohl mit großer Mühe. Und seltsam ist das Land dort im Süden hinter dem Meere. Da stehen große Türme, die aber zerfallen sind, und mächtige Maschinen oder Fabriken, zerstört und überwachsen. Und diese Bestien bewachen das alles und verneigen sich vor den Türmen, es scheint jedoch, daß sie nicht wissen, was sie damit anfangen sollen. Sie wohnen in Höhlen und sind entsetzlich anzusehen.

Vergeblich frug ich die Abgesandten aus, um nähere Einzelheiten über diese neu entdeckten Wesen hinter dem Mondmeer zu erfahren; sie konnten mir keine Antwort geben. Ich hörte nur noch die Geschichte der Heimfahrt der Reisenden, eine wahrhaft grauenerregende Odyssee! Der Wind war ihnen nicht günstig; infolgedessen gelang es ihnen nicht, in einer Nacht über das Meer zu kommen. Es war schon Morgen, und das Eis begann zu schmelzen, als sie glücklich zu einer kleinen Insel gelangten; dort verbrachten sie, vor der furchtbaren Äquatorhitze Schutz suchend, den ganzen Tag in einer Höhle und erwarteten die Nacht und die Kälte, um auf dem Eise die Weiterreise anzutreten. In der zweiten Nacht hat sie dann der Sturm weit nach Westen getrieben und, um das Maß des Unglücks voll zu machen, der Motor gegen Ende der Fahrt versagt, so daß sie, mit unsagbaren Mühen kämpfend, den Weg am Meeresstrande zu Fuß zurücklegen mußten, nachdem sie den Hunden das Ziehen des Schlittens auf dem Sande überlassen hatten. Und so kamen sie endlich zu dem Land der warmen Teiche, um zu erfahren, daß der Alte Mensch sie verlassen hat.

— Was wollt ihr also von mir? frug ich, als die merkwürdige Erzählung zu Ende war.

— Schütze uns, Alter Mensch, schütze uns! riefen beide gleichzeitig; es geht uns schlecht und Unglück kommt über uns! Diese raubgierigen Ungeheuer werden jetzt, da sie von unserem Vorhandensein erfahren haben, unzweifelhaft über das Meer kommen und mit uns kämpfen, uns niederdrücken und Angst und Sorgen bereiten! Und ihrer sind viele, viel mehr, bedeutend mehr als der Unsrigen!

Sie warfen sich mir mit erhobenen Händen zu Füßen; ich fühlte ängstlich fragende, flehende Blicke Jans und seiner Brüder auf mich gerichtet, nur Ada war unbeweglich und scheinbar gleichgültig. Und ich stand, im Innersten erschüttert, zögernd und im Zweifel, was ich sagen und tun sollte. Es war nicht die Möglichkeit eines Überfalles jener Wesen auf die menschliche Mondkolonie, sondern die Kunde selbst, daß hier auf diesem Globus Geschöpfe leben und, wie es scheint, sogar verständige, die mich wanken machte. Einen Augenblick dachte ich tatsächlich daran, auf das letzte Glück zu verzichten, auf die Aussicht, euch, ihr Brüder auf der Erde, Nachrichten von mir zu übersenden, und hierzubleiben unter dem Mondgeschlecht, jene seltsamen Völker kennen zu lernen, die hinter dem Meere wohnen, und von deren Existenz ich jetzt erst erfahren sollte, nach fünfzigjährigem Aufenthalt hier, und im Falle der Not die Nachkommenschaft meiner verstorbenen Freunde vor ihnen zu schützen.

Aber dieses Zögern währte nicht lange. Was gingen mich die Mondvölker, die von der Erde gekommenen und jene, die Überreste irgendeines alten Mondstammes, an, die wie Maulwürfe in Höhlen rings um verfallene Städte wohnen, in denen scheinbar einst ihre Vorfahren stolz regierten? Mögen sie einander bekriegen, mögen sie kämpfen, sich gegenseitig vernichten. Was kümmert es mich? Ich bin alt und weiß nicht, ob ich noch lange genug leben werde, um jene weite Reise über die luftlose Wüste zu überstehen. Soll ich die letzten Kräfte jetzt eines lächerlichen Mitleids willen vergeuden oder für eine kindische Neugierde? Und wer bürgt mir dafür, daß die Erzählung dieser beiden Degenerierten wahr ist? Vielleicht stehen dort gar keine zerfallenen Städte, sondern aufeinandergetürmte Felsen? Vielleicht sind jene angeblichen Mondvölker nur unvernünftige Tiere? Ich bin alt und habe keine Zeit mehr, mich davon zu überzeugen, denn es eilt mir, dort zu sterben am Grabe O’Tamors, im vollen Schein der Erde.

— Ich kann euch nichts mehr helfen, sagte ich endlich, ihr denkt nur an euch. Ich muß eine unaufschiebbare Fahrt antreten, und mein Weg führt nach einer anderen Richtung als der eure.

— Ich wußte, daß du so antworten würdest, flüsterte Ada, während ich schon den Fuß auf die Stufen des Wagens setzte. Aber Jan berührte noch einmal meine Knie: