Bei Sonnenaufgang traten wir die Reise an, mehr aus Gewohnheit, als aus irgendeinem wohlüberlegten Grunde. Wir waren sicher, daß wir den Abend dieses langen Tages nicht erleben würden. Wir fuhren schweigend mit diesem Gespenst des Todes, das in unserer Mitte saß und ruhig auf den Augenblick wartete, wo es uns in seine kalte, würgende Umarmung nehmen sollte. Wir fühlten seine Gegenwart, als wenn es ein greif- und sichtbares Wesen wäre — und wir sahen uns erstaunt um, daß wir es nicht tatsächlich bemerkten.

In diesem Augenblick ist das alles nur noch Erinnerung, aber damals war es eine über alle Beschreibung furchtbare Wirklichkeit. Ich kann es nicht begreifen, wie wir in dieser wahnsinnigen Angst über dreihundert Stunden leben konnten! Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß wir in jeder Stunde starben, bei dem Gedanken, daß wir unabwendbar sterben müssen. Denn auf eine Rettung hoffte niemand von uns.

Jetzt kommt mir das alles wie ein wüster, grauenhafter Traum vor und ich muß meine ganze Energie zu Hilfe rufen, um daran zu glauben, daß es Wirklichkeit war.

Ich erinnere mich nicht mehr genau des Weges, den wir zurückgelegt haben.

Eine Stunde schleppte sich nach der anderen dahin; der Wagen fuhr immer gleichmäßig schnell nach Norden — und wir sahen wie im Traume auf die vorüberfliegenden Landschaften. Jetzt fühle ich erst, daß alle Eindrücke in mir in einen zusammengeflossen sind, — in diesen Eindruck des unerbittlichen Todes. Ich kann mich aus diesem Chaos nicht herausfinden. Alles, woran ich mich erinnere, ist furchtbar. Anfangs bewegten wir uns auf der Grenze zwischen Palus Putredinis und Mare Imbrium, zu unserer rechten Seite eine bergige und wilde Gegend. Zur Linken, gegen Westen, dehnte sich eine Ebene, die in der Ferne in nicht hohe, wellenförmige Berge überging, sich parallel der Richtung unserer Fahrt erstreckend. Hinter diesen Bergen glänzten die Gipfel des Timocharis, die von den gerade auf sie herabfallenden Sonnenstrahlen beleuchtet waren.

Nur das Grauen blieb mir im Gedächtnis und der sich so seltsam damit verbindende unerhörte Farbenreichtum dieser Landschaft. Die höchsten Spitzen des Kraters waren weiß, aber von ihnen aus erstreckten sich nach unten Streifen und Kreise, die in allen Regenbogenfarben spielten. Ich weiß nicht, wie das zu erklären ist; sollte der Timocharis, ein Ringberg von der Höhe des Eratosthenes, einstmals ein tätiger Krater gewesen sein? Sollten diese Farbenstreifen von auf den Kratern ausgeworfenem Feldspat, Trachit, Schwefel, von Lava und Asche herrühren? Ich kann diese Rätsel nicht lösen und damals dachte ich nicht darüber nach. Ich hatte nur den Eindruck von etwas Unwahrscheinlichem — von Märchen und Zauberländern — von Bergen, aus Edelsteinen erbaut ... und starrte auf diese von Topasen, Rubinen, Amethysten und Diamanten besäten, in der Sonne erglühenden Gipfel. Gleichzeitig schüttelte mich ihre frostige Starrheit. Es war etwas unbarmherzig Grauenhaftes und Unerbittliches in diesem kalten, harten Glitzern des farbigen Gesteins, in diesem grellen, durch nichts gemilderten Schimmern ...

Eine Pracht des Todes wehte von diesen Bergen.

Einige Stunden nach Sonnenaufgang, stets die Gipfel des Timocharis vor uns, fuhren wir in den Schatten des Kraters Beer; nachdem wir ihn passiert hatten, weiter, längs dem Fuße des dicht neben ihm liegenden Kraters Feuillée und kamen auf eine unabsehbare Ebene, die sich sechshundert Kilometer vor uns erstreckte, bis zur nördlichen Grenze des Mare Imbrium. Nach Norden gewandt, hatten wir die Gipfel des Timocharis fast hinter uns; dafür zeigte sich uns gegen Nordosten an der Grenze des Horizontes der weite, in Schatten gehüllte Wall des Ringes des Archimedes.

Ich hatte plötzlich den Eindruck, daß wir durch ein mächtiges Tor jagen, das gegen die Ebene des Todes weit geöffnet war. Wieder erfaßte mich eine grenzenlose, würgende Angst. Ich wollte den Wagen anhalten, ihn zwischen die hinter uns sich verlierenden Felsen lenken — nur nicht in diese weite Ebene hineinfahren, die wir — ich wußte es — nicht lebendig verlassen würden.

Ich glaube, daß dieses Gefühl nicht nur in mir erwachte; die drei andern sahen ebenfalls mit finsteren Blicken auf diese sich vor uns öffnende Steinwüste.