Stunden und Erdentage gingen vorüber; der Zeiger des Manometers fiel stetig, aber wir waren ruhig und mit unserm Schicksal ausgesöhnt. Wir sprachen, aßen, tranken sogar, als wenn nichts vorgefallen wäre. Ich fühlte nur ein seltsames Drücken in der Gegend des Herzens und der Gurgel — wie ein Mensch, der einen großen Verlust erlitten hat und sich vergebens ihn zu vergessen bemüht ...

Gegen Mittag befanden wir uns zwischen dem 31. und 32. Parallelkreis. Die Glut, obwohl sie sehr stark war, quälte uns nicht mehr so wie am vorhergehenden Tage, da sich unter diesem Grade die Sonne nur zirka 60° über dem Horizonte erhebt. Die Erde, die seit Mittag in der gleichen Höhe am Himmel steht, war verblaßt, als die strahlenlose Sonnenscheibe, den flammenden Reifen ihrer Atmosphäre berührend, langsam hinter ihr zu versinken begann.

Wir hatten Sonnenfinsternis, die hier gegen zwei Stunden dauerte und sich den Erdbewohnern als eine Mondfinsternis darstellte.

Der leuchtende Reifen der Erdatmosphäre wurde in dem Augenblick, als die Sonne ihn berührte, einem Kranze blutigroter Blitze ähnlich, in dessen Mitte ein mächtiger schwarzer Fleck lagerte, — die einzige Stelle am Himmel, auf der keine Sterne leuchteten. Fast eine Stunde brauchte die Sonnenscheibe, um hinter diesem schwarzen Kreis inmitten der flackernden Flammen unterzugehen. Während dieser Zeit wurde der Kranz immer intensiver und breiter. In dem Augenblick als die Sonne verschwand war das Licht bereits so stark, daß man die Linien der Landschaften erkennen konnte, die in einem orangegelb schillernden Feuer auftauchten. Der schwarze Fleck der Erde sah jetzt wie der gähnende Schlund eines seltsamen Brunnens aus, der am sternenbesäten Himmel ausgehöhlt, von einem schmalen, blutigrot flammenden Hof umkränzt war; dieser ging stufenweise in ein rotes, dann orangegelbes Licht über, um sich schließlich am schwarzen Hintergrund in einem schwachen weißen Leuchten zu verlieren. Und hinter diesem Kranze schossen nach Westen und Osten zwei Strahlengarben, zwei Fontänen goldenen Lichtstaubes hervor: es war das Zodiakallicht, das man während der Finsternis sehen konnte, ähnlich wie nach dem Untergang der Sonne.

Die Beleuchtung auf dem Monde gestaltete sich indessen, als wenn Blutströme über die vor uns in Dämmerung gehüllte Wüste ausgegossen würden.

Wir mußten halten, da es unmöglich war, in diesem schwachen rötlichen Licht den Weg zu erkennen. Gleichzeitig mit dem Schatten trat nach Schwinden der Sonne eine empfindliche Kälte ein. Nachdem wir uns eingehüllt hatten, schmiegten wir uns aneinander und warteten, daß sich die Sonne wieder zeige. Über uns brannte in unerhörter Pracht der leuchtende Kranz der verschiedenfarbigen Flammen, als plötzlich die Hunde zu bellen begannen, erst leise, dann immer lauter und verzweifelter. Ein eisiger Schauer überflog uns bei diesem Bellen. Wir erinnerten uns der Nacht vor dem Tode O’Tamors, als Selena ebenso bellte, den Tod begrüßend, der in unseren Wagen eintrat. Und wir alle empfanden im Angesicht dieser Erhabenheit am Himmelsdome das ganze, grenzenlose Elend unserer Lage noch furchtbarer; es schien uns, daß diese Feuer dort oben wie zum Hohn über den Häuptern von uns Sterbenden flammten ...

In dem Behälter hatten wir nur noch Luft für ungefähr zwanzig Stunden.

Nach Verlauf von zwei Stunden wurde ein Segment der Sonne auf der westlichen Seite der schwarzen Erdscheibe sichtbar, und die leuchtende Aureole verengerte sich und begann langsam zu erlöschen. Beim Anblick der Sonne überkam mich zunächst ein Gefühl des Erstaunens; ich hatte mich schon so an diese blutig leuchtende Nacht gewöhnt, sie erschien mir als die Verkünderin einer tieferen Nacht, einer ewigen, die uns während der Abwesenheit der Sonne einhüllen sollte, daß der strahlende Tag für mich etwas ganz Unfaßbares war. Und dann plötzlich — ich weiß nicht woher — stieg eine neue Hoffnung in mir auf, als wenn mit dem Erscheinen der Sonne irgendein Wunder uns erretten müsse.

— Wir werden leben! rief ich so plötzlich und mit einer solchen Überzeugung, daß aller Augen fragend — wie gebannt — an meinem Munde hingen.

Da geschah etwas Seltsames. Aus der Kiste, in welcher der jetzt unbrauchbare telegraphische Apparat eingeschlossen war, vernahmen wir ein Pochen. Anfangs wollten wir unseren Ohren nicht trauen, aber das Pochen wurde immer deutlicher. Wir warfen uns auf die Kiste, und nachdem wir sie aufgerissen, zeigte es sich, daß der Apparat wirklich klopfte, als wenn er eine Depesche entgegennehmen wollte. Vergeblich bemühten wir uns, den Sinn der Depesche zu verstehen. Etwas war nicht in Ordnung oder hatte sich verwirrt. Kaum konnten wir einige abgerissene Worte erfassen: Mond ... in einer Stunde ... vom Mittelpunkt der Scheibe ... unter dem Winkel ... möge ... Frankreich ... die andern ... und wenn ... der Tod ...