Nach dieser kurzen Übersicht erging sich der Assistent ausführlicher über die technische Seite des Unternehmens. Er beschrieb bis ins kleinste Detail die Konstruktion der mächtigen Kanone, von der Form eines stählernen Brunnens; berichtete über den Bau des Projektils, das man nach der Ankunft auf der luftlosen Oberfläche des Mondes in einen hermetisch verschlossenen Wagen verwandeln konnte, der durch einen besonderen Elektromotor bewegt wurde. Er schilderte die Schutzvorrichtungen, die die Reisenden im Augenblick des Schusses wie beim Herabfallen auf den Mond vorm Zerschmettern bewahren sollten und endlich zählte er alle Gegenstände der inneren Einrichtung und die Vorräte des „transportablen Zimmers“ auf.
Der Mond ist keine gastfreundliche Welt. Die Astronomen wissen das schon lange, obwohl sie ihn nur aus der Ferne und — einseitig kennen. Trotz der großartigen Vervollkommnung der optischen Instrumente des zwanzigsten Jahrhunderts widersetzte sich der Mond siegreich allen Versuchen, ihn mit ihrer Hilfe dem menschlichen Auge so nahe zu bringen, daß man alle Einzelheiten seiner Oberfläche erforschen könnte. Sich in der mittleren Entfernung von dreihundertvierundachtzigtausend Kilometern um die Erde drehend, scheint er durch Gläser mit tausendfacher Vergrößerung nur dreihundertvierundachtzig Kilometer von ihr entfernt zu sein, was immerhin noch ein ganz ansehnliches Stück Wegs bedeutet. Schärfere Gläser dagegen kann man zu seiner Erforschung nicht verwenden, da man bei stärkerer Vergrößerung, infolge einer zu geringen Helligkeit der Erdatmosphäre, nur ein unklares Bild erhält, so daß es sogar unmöglich ist, die Berge zu erkennen, die man durch schwächere Gläser ganz deutlich beobachten kann.
Überdies ist der Forschung nur eine Halbkugel des Mondglobus zugänglich. Der Mond macht nämlich auf seinem Wege um die Erde in siebenundzwanzig Tagen, sieben Stunden, dreiundvierzig Minuten und elf Sekunden nur eine Drehung um seine Achse, so daß er immer mit derselben Seite seiner Oberfläche zur Erde gewendet bleibt. Diese Erscheinung ist keine zufällige. Der Mond, der keine vollkommene Kugel bildet, nähert sich, seiner Form nach, einem etwas länglichen Ei. Die Anziehungskraft der Erde bringt es mit sich, daß jenes Ei sich mit dem scharfen Ende zu ihr kehrt und derart dreht, als wenn es, angebunden, sich nicht abwenden könnte.
Die den Astronomen bekannte Hälfte des Mondes genügt jedoch, ihn ganz und gar bei denjenigen zu mißkreditieren, die vom Bewohnen anderer Planeten als der Erde träumen. Die Oberfläche unsres Satelliten, deren Ausdehnung zweimal so groß als Europa ist, stellt sich in den Teleskopen als eine wasserlose, wüste Hochebene dar, die mit einer ungeheuren Anzahl mächtiger, kraterähnlicher Ringberge besät ist. Diese Bergriesen, deren Gipfel sich bis zu 7000 Metern erheben, haben nicht selten einen Durchmesser von 100 Kilometern. Durch den nördlichen Teil der uns zugewandten Halbkugel zieht sich eine Reihe großer, kreisförmiger Flächen, die die ersten Selenographen „Meere“ nannten. Diese Ebenen mit steilen Ufern, die durch in den Himmel ragende Gebirgsketten gebildet werden, sind nach verschiedenen Richtungen von großen Spalten durchschnitten, deren Entstehung die Astronomen stets in Staunen versetzte, vor allem, weil auf der Erde keine ähnlichen Erscheinungen vorhanden sind. Diese Spalten, manchmal über hundert Kilometer lang und einige Kilometer breit, haben eine Tiefe von ungefähr tausend Metern und mehr.
Wenn wir uns noch vergegenwärtigen, daß diese Oberfläche fast gar keine Atmosphäre hat, daß der „Tag“ auf dem Monde an Zeitdauer vierzehn unserer Tage gleichkommt, daß während dieses endlosen Tages ein beständiger Sommer herrscht, dessen Glut eine unerhörte Spannung annimmt, daß hingegen die vierzehntägige Nacht einen Winter repräsentiert, der kälter ist als die Winter in unseren antarktischen Ländern, so entrollt sich uns ein Bild, das uns nicht gerade verlockt, diesen Planeten als ständigen Wohnsitz zu wählen! Um so mehr ist der Opfermut der Leute zu bewundern, die ihr Leben nichtsachtend lediglich in jenes unbekannte Land auszogen, um menschliches Wissen zu erweitern und sichere Nachrichten über das der Erde am nächsten liegende Gestirn geben zu können.
Die Reisenden hatten übrigens die Absicht, diese ungastliche Halbkugel so schnell wie möglich zu durchdringen und auf die andere Seite des Mondes zu gelangen, die von der Erde abgewendet ist, wo sie, nicht ohne Grund, erträgliche Lebensbedingungen anzutreffen hofften. Die Mehrzahl der über den Mond schreibenden Gelehrten behauptet zwar, daß auch auf der anderen Seite die Atmosphäre zu dünn sei, um atmen zu können; aber O’Tamor nahm, sich auf langjährige Forschungen und Berechnungen stützend, an, daß er dort dichtere Luft zur Erhaltung des Lebens vorfinden werde, wie auch Wasser und Pflanzen, zur notdürftigsten Nahrung genügend. Diese tollkühnen Forscher waren bereit ihr Leben zu wagen, nur um dem sternenbesäten Himmel ein einziges seiner Geheimnisse, die er so eifersüchtig vor den Menschen hütet, zu entreißen. Der Gedanke, daß dieses Opfer keinesfalls vergebens gebracht werde, da sie ihre Beobachtungen den auf der Erde Zurückgebliebenen, mit Hilfe des mitgenommenen telegraphischen Apparates, würden mitteilen können, verstärkte noch ihren Wagemut. Sie träumten, von der Größe ihres Vorhabens berauscht, daß sie auf der andern, geheimnisvollen Seite des Mondes ein märchenhaft seltsames Paradies vorfinden könnten, eine neue Welt, die ganz verschieden ist von der Erde! Sie träumten, dann neue Kameraden zum Durchfliegen jener Hunderttausende von Kilometern zu gewinnen, — von der Gründung einer neuen Gemeinschaft dort auf der hellen Seite der in die stillen Nächte leuchtenden Kugel, — von einer neuen, vielleicht glücklicheren Menschheit ...
Indessen mußte man mit der Notwendigkeit rechnen, die gebirgige, luft- und wasserlose wüste Hochebene zu durchqueren, die die ganze, der Erde zugewandte Halbkugel des Mondes einnimmt. Es war dies wahrhaftig keine Kleinigkeit! Der Umkreis des Mondes beträgt fast elftausend Kilometer; wenn sie also, wie sie annahmen, auf die Mitte der der Erde zugekehrten Scheibe fallen würden, hätten sie zum mindesten dreitausend Kilometer zu machen, bevor sie die Gegend erreichten, wo sie hoffen durften, atmen und leben zu können. Das Projektil, in der Form eines länglichen, auf der einen Seite kegelförmig geschlossenen Zylinders, war so eingerichtet, daß es sich in eine Art geschlossenes Automobil verwandeln ließ, und reichlich mit Vorräten von verdichteter Luft, Wasser, Nahrungsmitteln und Brennmaterial versehen, die für fünf Personen auf ein ganzes Jahr ausreichen konnten, das heißt also noch für länger, als man zum Gelangen auf die andere Seite des Mondes gebrauchte.
Außerdem hatten die Reisenden eine Anzahl Handwerkszeuge mitgenommen, eine kleine Bibliothek und — eine Hündin mit zwei Jungen. Es war dies eine schöne große englische Spürhündin, die Tom Woodbell gehörte, und die man vor der Reise einstimmig mit dem Namen Selena taufte.
All diese Dinge wurden durch die ausführlichen, in K.... erschienenen Artikel aufgefrischt, als quasi Ergänzung zu dem kurz darauf herausgegebenen Manuskripte.
Die Aufzeichnungen selbst, von Jan Koretzki, dem einen Teilnehmer der ersten Expedition, in polnischer Sprache auf dem Monde verfaßt, setzten sich aus drei Teilen zusammen, die zu verschiedenen Zeiten entstanden sind. Sie verschmolzen zu einem Ganzen, das eine Schilderung des wundersamsten Schicksals eines Schiffbrüchigen bildet, der an ein fremdes Land geworfen wurde, das dreihundertvierundachtzig Millionen Meter über der Erde im tiefen Himmelsblau schwebt.