Martha schweigt und weicht nicht einen Augenblick von seinem Lager. Von Müdigkeit überwältigt, schläft sie manchmal so sitzend ein. Aber das dauert nur ganz kurze Zeit; sie wacht sofort wieder auf und sieht mit weit aufgerissenen Augen auf den Kranken, als wenn sie ihn durch den Blick gesund machen wollte. Ich beginne wirklich für ihre Gesundheit zu fürchten. Gott, wenn sie uns auch noch krank würde! Aber alle Vorstellungen unsererseits sind vergebens. Nur mit Mühe können wir sie dazu bringen, etwas zu essen. Ich bin sehr in Sorge, was werden soll, wenn Woodbell vor Anbruch des Tages nicht erwacht. Wir möchten sofort weiterfahren, fürchten aber wiederum, seinen Schlaf zu unterbrechen. Anfangs hatten wir die Absicht, uns vom Pico nach Osten zu wenden, um die Alpenkette zu umkreisen, die die nordöstliche Grenze des Mare Imbrium bildet, aber schließlich fahren wir direkt nach Norden, dem mächtigen Ringe des Plato zu. Peter glaubt, nach ausführlichem Studium der Karten, daß es uns gelingen wird, durch diesen Ring hindurch direkt auf das Mare Frigoris zu gelangen, hinter dem sich ein gebirgiges Land auftut, das sich alsdann bis zum Pol erstreckt. Das würde uns den Weg bedeutend verkürzen.
Auf Mare Imbrium, 10° westlicher Länge, 47° nördlicher Mondbreite, zwanzig Stunden nach Sonnenaufgang des dritten Tages.
Wir nähern uns endlich der Grenze des unermeßlichen Regenmeeres, zu dessen Durchquerung wir fast zwei Monate brauchten. Hier sind das zwei Tage, aber dort auf der Erde hat sich der Mond indessen zweimal erneuert, zweimal ist er im Vollmond aufgeflammt und zweimal hat er sich im Neumond verfinstert.
Seit mehreren Stunden sehen wir den mächtigen Wall des Platoringes vor uns. Sein östlicher Teil schimmert bereits in der Sonne wie eine mächtige Mauer am schwarzen Himmel; in westlicher Richtung ist noch Nacht. Die höheren Gipfel flammen wie Fackeln. Es ist dies entschieden der erhabenste und mächtigste Anblick, den wir bis jetzt hatten; wir sind jedoch durch den Zustand Tomas’ so niedergedrückt, daß wir fast gar nicht beachten, was uns umgibt.
Tomas ist bei Sonnenaufgang erwacht. Er sah uns kurze Zeit erstaunt an und dann versuchte er, sich zu erheben, aber die Kräfte versagten ihm, er fiel schlaff zurück. Martha hat ihn aufgerichtet, und ich frug ihn, ob er etwas wünsche. Peter stand indessen am Steuer des Wagens.
Tomas wunderte sich zuerst, daß es Tag sei. Er erinnerte sich an nichts aus seiner Krankheit, sogar der Vorfall, der ihr vorausgegangen, war seinem Gedächtnis entschwunden. Als ich ihn erwähnte, dachte er kurze Zeit nach, und dann erblaßte er plötzlich, wenn man vom Erblassen eines Gesichtes sprechen kann, aus dem schon jeder Blutstropfen gewichen zu sein scheint. Er bedeckte die Augen mit den Händen, und mit einem Ausdruck der qualvollsten Angst wiederholte er fortwährend: Das war entsetzlich, entsetzlich! — Schauer schüttelten ihn.
Als er sich nach einer Weile etwas beruhigt hatte, versuchte ich vorsichtig zu erfragen, was ihn so entsetzt und zu dieser in ihren Folgen so verhängnisvollen Flucht veranlaßt hatte. Aber alle meine Bemühungen waren umsonst. Er schwieg hartnäckig oder fertigte mich mit Antworten ohne jeglichen Zusammenhang ab. Schließlich gab ich das zwecklose Fragen auf, als ich bemerkte, daß ich ihn nur damit peinigte und ermüdete. Statt dessen mußte ich ihm ausführlich erzählen, in welchem Zustande wir ihn gefunden und den ganzen Verlauf der Krankheit. Er hörte aufmerksam zu, nannte manchmal halblaut lateinische Namen von Medikamenten, erkundigte sich nach den kleinsten Umständen und Begleiterscheinungen, und nachdem er sich alles angehört hatte, wandte er sich zu mir und sagte mit seltsamer Ruhe:
— Ich glaube, daß ich sterben werde.
Ich widersprach lebhaft, aber er nickte nur mit dem Kopfe:
— Ich bin Arzt, und jetzt, wo ich die Besinnung wiedererlangte, sehe ich als solcher auf meine eigene Krankheit. Ich wundere mich nur, daß ich überhaupt noch am Leben bin. Als ich damals fiel, wie du sagst, zerschlug sich das Glas in der Maske des Luftbehälters. Daß ich nicht sofort gestorben bin, verdanke ich nur dem Umstand, daß ihr früh genug zu Hilfe kamt, bevor die in dem Behälter befindliche Luft nach außen gelangen und verfliegen konnte. Aus dem, was du von meinem Zustand erzählst, nehme ich jedoch an, daß die Atmosphäre in meinem Luftbehälter schon außerordentlich dünn gewesen sein muß. Durch den erhöhten inneren Druck stürzte mir das Blut nicht nur aus Mund und Nase, sondern sogar durch die Poren der Haut. Wenn ihr euch um einige Sekunden verspätet hättet, würdet ihr nur noch eine blutlose Leiche gefunden haben. Ich wundere mich übrigens, wie ich nach einem so furchtbaren Blutverlust die vielen Tage hindurch das Fieber aushielt ... Wenn es auch nicht stark sein konnte, denn woher ... bei dem Fehlen des Blutes und der so schwachen Herztätigkeit ... aber schließlich habe ich das Fieber überstanden und lebe, — doch das bedeutet durchaus noch nicht, daß ich leben werde. Ich habe kein Blut; sieh her, den Puls fühlt man kaum, leg’ mir die Hand auf die Brust, du fühlst nicht einmal, daß das Herz schlägt. Auf der Erde würde ich vielleicht aufkommen, aber hier fehlen die Bedingungen.