Wir fürchten nur sehr, daß die Hunde mit ihrem Bellen Lärm machen könnten, — denn Tomas jetzt aufzuwecken, hieße ihn morden. Infolgedessen wachen wir abwechselnd bei den Tieren, wenn eins von ihnen bellen sollte, wird es aus dem Wagen geworfen. Aber zum Glück verhalten sich die Hunde ganz ruhig. Selena, seine geliebte Hündin, sitzt neben dem Lager wie zur Wache und wendet keinen Blick von ihrem kranken Herrn. Ich bin überzeugt, daß dieses kluge Tier versteht, was mit Tomas vorgeht. Wenn wir uns dem Kranken nähern, brummt Selena leise, wie warnend, daß sie wacht und ihm kein Unrecht zufügen läßt, und dann schwänzelt sie wieder, um zu erkennen zu geben, daß sie an unsere guten Absichten glaubt und über unsere Sorgfalt erfreut ist. Und bei alledem liegt so viel Angst und Trauer in ihren treuen Augen.
Auch Martha weicht nicht von Tomas’ Seite. Fast hundert Stunden bereits spricht sie kein Wort. Sie öffnet den Mund nur, wenn sie sich mit uns bezüglich der Pflege verständigen muß. Ich kann mir keinen größeren Schmerz vorstellen. Sie weint nicht, sie klagt nicht, im Gegenteil, sie ist ganz ruhig, aber in dieser Ruhe, in diesen zusammengebissenen, trockenen Lippen, den weitgeöffneten Augen liegt etwas so Trostloses, daß es uns geradezu das Herz zerreißt. Wir möchten sie beruhigen, ihr Hoffnung und Mut zusprechen — und wagen nicht, uns ihr zu nähern, so achten wir sie und ihren großen Schmerz. Und sie blickt so seltsam gleichgültig auf uns; wir fühlen, daß wir sie nur so weit angehen, als wir ihr bei Tomas’ Rettung behilflich sind. Außerdem existieren wir nicht für sie.
Am Pico, vor Sonnenaufgang am dritten Tage.
Der höchste Gipfel des Pico flammt in der Sonne auf! Drei oder vier Stunden — und der Tag wird auch schon hier in der Tiefe leuchten. Die ganze Nacht hindurch sahen wir im Schein der Erde die silberne Wand des mächtigen Berges vor uns; jetzt ist diese Wand durch den Kontrast mit dem in der Sonne glühenden Gipfel grau und dunkel.
Wie die „Drei Köpfe“ ist auch der Pico kein Krater, sondern vielmehr die letzte mächtige Felsenpartie eines zerstörten Ringberges. Wir stehen unter seinem höchsten Gipfel, der sich im Nordwesten erhebt. Er bricht hier fast senkrecht zur Ebene ab. Man kann schwindlig werden beim Anblick dieser enormen Höhe, die sich noch stärker dadurch abhebt, daß sich ringsherum eine glatte Fläche ausdehnt. Der Gipfel erhebt sich über zweitausendfünfhundert Meter.
Es ist schwer zu erraten, was den Zerfall dieses Ringberges, von dem nur die vor uns liegenden Reste übrig blieben, veranlaßt hat. Vielleicht ist der Felsen, aus einem weicheren Material gebildet, unter dem Einfluß der Temperaturveränderungen zerbröckelt — oder hat ihn das Wasser unterspült?
Schon das zweitemal während unserer Fahrt kommt uns diese Vermutung. Auch der Umstand spricht dafür, daß man nirgends einen Wall von Felsstücken sieht, der hätte entstehen müssen, wenn diese Berge durch Kälte und Sonne zerfressen wären.
Dort, wo sich einst scheinbar der Kamm des Ringes erhob, befindet sich jetzt kaum eine kleine, glatte Erhebung, die im Lichte der Erde unklar vor uns auftaucht. Peter hat sich trotz der großen Kälte für einen Augenblick aus dem Wagen herausgewagt, um den Boden zu erforschen. Er konnte sich nicht länger aufhalten, aber er brachte ein Stück Gestein mit, dem ähnlich, das sich im Wasser ansetzt ...
Wenn die Sonne aufgeht und diese Gegend erhellt, werden wir vielleicht Näheres erfahren.
Tomas schläft andauernd fast seit dreißig Stunden. Wir sind dadurch etwas freier, aber andererseits beginnt uns ein so langer Schlaf zu beunruhigen. Eine beklemmende Angst befällt uns, wenn wir auf dieses totenblasse Gesicht blicken. Die Augen hat er geschlossen, die Wangen sind eingefallen, die Lippen vertrocknet und blutleer. Er liegt regungslos da. Die Rippen heben sich kaum beim leisen Atmen. Manchmal glaube ich, daß ich keinen lebenden Menschen, sondern eine Leiche vor mir sehe. Wie froh wäre ich, wenn er endlich aufwachte.