Nachdem wir ihm den Luftbehälter heruntergerissen hatten, bot sich uns ein entsetzlicher Anblick dar. Das Gesicht war geschwollen und bläulich, ganz von Blut überströmt, das ihm aus Mund und Nase hervorquoll; an den Armen und am Halse waren ebenfalls dicke Blutstropfen sichtbar, obwohl wir nirgends eine Wunde entdecken konnten.
Martha schrie verzweifelt auf und wollte sich über den Geliebten stürzen. Nur mit Gewalt konnte Varadol sie zurückhalten. Ich begann indessen mit den Wiederbelebungsversuchen. Anfangs dachten wir, daß er einen apoplektischen Anfall bekommen habe, als jedoch Peter den Luftbehälter untersuchte, zeigte sich der wahre Grund der Ohnmacht. Das Glas in der Maske war zerschlagen, was wir nicht sofort wahrgenommen hatten. Anscheinend zerbrach es, als Tomas stolperte und fiel und infolgedessen war die Luft aus dem Behälter entwichen. Ehe wir ihm zu Hilfe kamen, hatte sich der Luftbehälter fast gänzlich entleert, was den Blutsturz und die Ohnmacht verursachte; aber aus welcher Veranlassung er so gelaufen war, blieb uns allen zunächst ein Rätsel.
Endlich nach langer Zeit gelang es uns, ihn zum Bewußtsein zu bringen. Das erste Zeichen des wiederkehrenden Lebens war ein tiefer, krampfartiger Atemzug, worauf ihm abermals das Blut aus dem Munde herausschoß. Dann öffnete er die Augen und sah uns mit irren Blicken an; er begriff scheinbar nicht, was mit ihm vorgegangen war. Plötzlich schrie er entsetzt auf und streckte die Hände aus, als wenn er etwas von sich stoßen wollte, dann wurde er von neuem ohnmächtig. Wir versuchten zum zweitenmal, ihn wieder zu sich zu bringen, aber vergebens: Er fiel in ein Fieber, das die Vorbotin einer längeren Krankheit war.
Nachdem wir Tomas aufs sorgfältigste gebettet hatten, fuhren wir weiter. An die phantastischen Berge und die geheimnisvolle Stadt dachte niemand mehr! Wir hatten nach diesem entsetzlichen Vorfall nur die eine Sorge, so schnell wie nur möglich aus dieser grauenvollen Gegend herauszukommen.
In zwanzig Stunden sind wir endlich bis zu den Abhängen des Pico vorgedrungen, wo wir augenblicklich rasten. Wir werden bis zum Morgen hier bleiben.
Der Zustand Woodbells ist sehr besorgniserregend. Der Blutsturz hat sich zwar nicht wiederholt, aber das Fieber wird immer heftiger. Manchmal springt er auf, als wenn er fliehen wollte, phantasiert und stößt unverständliche Worte hervor; oft glauben wir, die Namen der unglücklichen Brüder Remogner herauszuhören. Solchen Anfällen folgt meist eine vollständige Erschlaffung. Er sieht dann leichenblaß aus, als wenn in seinem ganzen Körper nicht ein Blutstropfen mehr vorhanden wäre.
Wir sind durch das alles im höchsten Grade beunruhigt. Martha verliert vor Verzweiflung und Angst fast den Verstand. Aber sie versucht immer wieder, sich zu beherrschen, weil der Kranke so dringend ihrer Pflege bedarf. Wir trösten sie so gut wir können und verheimlichen ihr unsere eigenen Befürchtungen.
Hinter diesem ganzen grauenhaften Vorfall steckt irgendein Rätsel. Ich begreife noch immer nicht, was Tomas zu jener wahnsinnigen Flucht veranlassen konnte, die schließlich die Ursache seines Unglücks geworden ist. Denn es ist sicher, daß sich die Glasmaske erst bei seinem Fall zerschlagen hat. Wenn ich nur damals auf den Gedanken gekommen wäre, den von ihm zurückgelegten Weg zu erforschen, vielleicht hätte uns das etwas Klarheit gebracht ... Denn es muß dort etwas Unerhörtes geschehen sein! Wenn ein Mensch sich nicht von grundloser Angst erfassen ließ, so war es Tomas, der stets so viel Geistesgegenwart und Ruhe in den fürchterlichsten Situationen bewahrte. Aber was hat ihn so entsetzt? Was konnte ihn überhaupt in dieser toten Welt entsetzen? ... Er hatte nicht einmal die Hälfte des Weges zu den Toren jener mutmaßlichen Stadt der Toten zurückgelegt ...
Am Pico, einhundertachtundvierzig Stunden nach Mitternacht.
Endlich atmen wir etwas freier! Ich glaube, daß es uns gelingen wird, Tomas am Leben zu erhalten. Jetzt ist er eingeschlafen, ein Zeichen, daß die Krisis überstanden ist. Wir verhalten uns so ruhig wie nur möglich, sprechen sogar nur im Flüsterton, um ihn nicht zu stören. Vielleicht wird ihn dieser Schlaf erretten.