Jedoch wirkte diese herrliche Umgebung ungemein belebend auf uns und wir waren glücklich und guter Dinge. Wir vergaßen Kummer und Sorgen, die Krankheit Tomas’, die überstandenen Mühen und Unglücksfälle, die Gefahren, die uns noch drohten, sogar die gänzlich unsichere Zukunft, der wir entgegengingen. Wir freuten uns wie die Kinder über diesen einzig schönen Morgen! An die etwas unbequemen Luftbehälter hatten wir uns schon vollständig gewöhnt, und auch der Gedanke an die Gefahr, der wir durch die uns umgebende Leere ausgesetzt waren, trübte, trotz des neuerlichen Vorfalls mit Woodbell, unsere Fröhlichkeit nicht.
Von unserm leichten Körpergewicht auf dem Monde und einer nicht geschwächten Muskelkraft profitierend, setzten wir über mächtige Felsen oder sprangen von hohen Wänden herab.
Diese Ausbrüche der guten Laune wurden allein durch die Notwendigkeit der baldigen Umkehr eingedämmt. Luft und Nahrung hatten wir nur für vierzig Stunden mitgenommen und wir mußten bedenken, daß irgend etwas Unvorhergesehenes eintreten konnte, das uns zu einem längeren Aufenthalt nötigte.
In ungefähr zehn Stunden standen wir auf der Einsattelung. Vor uns öffnete sich der Blick auf das geheimnisvolle Innere des Plato. Der nördliche Wall des Ringes, der von uns gegen hundert Kilometer entfernt lag, erschien wie eine mächtige Säge, die in unzählige Zacken zerrissen war. Bis zu dieser Grenze erstreckte sich eine glatte Fläche, dunkelgrau, erloschen und still. Hie und da nur zerschnitten sie hellere, breite Ketten, mit einigen kleinen Kratern, die darauf zerstreut lagen und flachen Mulden ähnlich waren. Zu unsern Füßen brach der Felsen im Innern außerordentlich scharf ab; es war keine Rede davon, daß wir hier mit dem Wagen vordringen konnten.
Eine unsagbare Trauer wehte uns aus dieser trostlosen Öde an. Es wäre unmöglich, sich eine Landschaft vorzustellen, in der mehr Schweigen und mehr Starrheit lag. Die Felsen sogar senkten sich hier langsam und träge zur Tiefe, — die Gipfel starrten traumverloren und so finster in den Sonnenschein, als wenn sie sich nur mit Mühe und ungern erhoben hätten, weil man sie auf Wache stehen hieß und jene mächtige, graue Ebene zu umgrenzen.
All unsere Fröhlichkeit war spurlos verschwunden ...
Seltsam, wie eine Landschaft auf das menschliche Herz wirkt! Ich schaute lange, in Schweigen versunken, und konnte die Augen von dieser Wüste nicht abwenden, und ein immer größeres Leid bedrückte mich, ich weiß nicht, warum und um wen ... So gleichgültig war mir alles geworden, so wertlos, und so überflüssig erschien mir jede Anstrengung und so verlockend der Tod-Erlöser, der mich doch vor kurzem noch mit einer so höllischen Angst erfüllte.
Ich fühlte, daß mich dieser Anblick mordet; ich konnte ihn nicht länger ertragen und bedurfte doch der ganzen Willensanstrengung, um mich von ihm loszureißen.
Ich wandte den Blick nach Süden, der am Himmel leuchtenden Erdsichel zu. Über den Gipfeln des Kraters, der uns beim Eingang als Wegweiser gedient hatte und jetzt in der Tiefe versank, tauchte das Regenmeer vor mir auf. Diese mächtige zurückgelegte Strecke! Ich schaute auf sie, wie einst von der Einsattelung unter dem Eratosthenes, nur daß sie damals noch vor mir lag, ein unbekannter Weg, der zu dem unbekannten, ersehnten Lande führte — jetzt hatte ich sie schon hinter mir ...
Grau war sie, tot und unermeßlich wie damals; aber statt der in der Sonne flammenden Gipfel des Timocharis und Lambert erhoben sich die in Schatten gehüllten Spitzen: Pico und weiter nach Osten Piton vor meinen Augen.