Die Erdsichel stand über diesem Meere, dem Horizont schon näher als der Himmelswölbung. Und so schien mir die ganze Ebene wie eine breite Straße, die von dieser Erde hierherführt. Welch ein furchtbarer, beschwerlicher Weg und wie weit! Während wir ihn zurückgelegt haben, ist zweimal die Sonne über uns dahingegangen wie eine glühende und lebendige Flamme, zweimal umhüllten uns kalte, endlos lang andauernde Schatten. Und wieviel Mühen, Ängste und Qualen! Der Abstieg vom Eratosthenes, die tödliche Sonnenglut, dann eine entsetzliche Kälte und dieses Gespenst des Todes, das uns so viele Stunden begleitete; der Tod der Brüder Remogner, der unglückselige Vorfall und Woodbells Krankheit ... Mit dem Tode O’Tamors hat unser Weg begonnen — aber er ist noch nicht zu Ende ...
Ich war in diese finsteren Gedanken vertieft und erfüllt von einer immer stärker aufkeimenden, unbezwinglichen Sehnsucht nach der Erde, die in der Ferne über der unabsehbaren Fläche sichtbar war, als mich ein Schrei Varadols aus meinem Nachdenken aufschreckte. Ich wandte mich schnell um, schon fürchtend, daß wieder irgendein Unglück herannahe, aber Peter stand wohlbehalten neben mir und deutete nur mit der Hand nach der Richtung, in der sich der weite nördliche Wall des Plato entlangzog. Ich blickte dorthin und bemerkte etwas wie eine Wolke, nein, kaum wie den flüchtigen Schatten einer Wolke, die den Fuß der Berge verhüllte, den man noch vor kurzem deutlich sehen konnte.
Ich bebte an allen Gliedern bei diesem Anblick. Es sah indes nicht aus, als wenn sich die Wolke bewegte, sondern die Berge schienen sich von der Stelle zu rühren und vor uns herzuschreiten. Und Peter schrie wie besessen durch das Rohr:
— Eine Wolke! Also dort ist Atmosphäre, dort ist Luft, dort wird man atmen können!
Eine wahnsinnige Freude klang aus diesen von der Hoffnung geschwellten Worten. Wahrhaftig, über dieser Ebene des Todes, wie ich sie nannte, zeigte sich uns der erste Strahl der Hoffnung und des Lebens! Die Wolke beweist zwar noch nicht, daß der Mensch bei dieser Atmosphäre schon atmen kann, aber es unterliegt keinem Zweifel, daß die Luft dort dichter ist als in den bisher durchquerten Gegenden, da sich dort Wolken bilden und halten können, wenn auch nicht allzu hoch über der Oberfläche. Der Rauch der Krater senkte sich außerhalb des Eratosthenes sofort zu Boden wie Sand.
Durch diese Erscheinung in der Hoffnung bestärkt, daß auf der anderen Seite des Mondes und vielleicht schon früher genügend dichte Luft sein müsse, begaben wir uns wieder zum Mare Imbrium hinab. Wir waren in freudigster Stimmung, obwohl der eigentliche Zweck des Ausfluges nicht erreicht worden war, da wir den Weg durch den Platoring nicht gefunden hatten. Beim Hinuntersteigen sprachen wir darüber, was weiter zu tun sei. Vielleicht würden wir im Westen des Plato eine Stelle ausfindig machen, durch die wir auf den steilen Rand der Erhöhung gelangen konnten, aber es schien fast unmöglich, dies zu wagen. Wenn es uns nämlich nicht gelingen sollte, müßten wir tausend Kilometer zurücklegen, um die Grenze des Mare Imbrium von Westen her zu umkreisen. Es ist also bedeutend sicherer, sich sofort nach Osten zu wenden. Am Ende gelingt es uns, das schon erwähnte Quertal in der Alpenkette zu durchdringen und sollte sich auch dies als undurchführbar erweisen, so werden wir, selbst um die ganze Kette herumfahrend, verhältnismäßig keinen allzu großen Umweg machen.
Unter diesen Erwägungen stiegen wir in das Tal hinab. Wie groß war jedoch unser Entsetzen, als wir den Wagen nicht an der Stelle bemerkten, an der wir ihn verlassen hatten. Zunächst glaubten wir, uns verirrt zu haben, aber nein — die Gegend war dieselbe; es waren genau die Felsen, unter denen wir den Wagen zurückließen. Trotz der Ermüdung stürmten wir vorwärts, unseren Augen noch nicht trauend. Der Wagen war nicht da. Wir bemühten uns, die Spuren seiner Räder zu entdecken, um zu wissen, in welcher Richtung wir ihn suchen sollten, aber auf diesem Steinboden war keine Spur zu erkennen. Da packte uns die Verzweiflung. Unsere Nahrungsmittel waren bereits verzehrt, von dem mitgenommenen Wasser hatten wir ebenfalls nur noch einen kleinen Rest und Luft kaum mehr für einige Stunden. Varadol begann zu rufen; er vergaß, daß ich das einzige Wesen war, das sein Schreien hier — durch das Sprachrohr mit ihm verbunden — hören konnte.
Wir suchten, von grenzenloser Angst getrieben, die ganze Gegend ab, sechs Stunden damit verlierend; der Wagen war wie verschwunden. Als wir nach all den fruchtlosen Nachforschungen zu der alten Stelle zurückkehrten, begann uns der Hunger zu peinigen, das Wasser war zu Ende und der Luftvorrat an der Neige. Ratlos warfen wir uns auf die Erde — den Tod erwartend. Varadol fluchte laut und ich zerbrach mir in wilder Verzweiflung den Kopf, was sie dazu veranlassen konnte, vor unserer Rückkehr davonzueilen.
Plötzlich schoß es mir durch den Kopf, daß Tomas vielleicht absichtlich geflohen war, um uns dem sicheren Verderben preiszugeben. Die krankhafte Eifersucht, die ich bei ihm bemerkt hatte, als er von seinem Tode und von Martha sprach, konnte ihn auf diesen Gedanken gebracht haben. Die Wut schüttelte mich. Ich sprang auf und wollte davonstürmen, ihm nach, mich rächen, morden ...
Da erblickte ich einige Schritte von mir entfernt Martha. Sie kam uns langsam entgegen und sah uns durch die Glasmaske mit ihrem sich immer gleich bleibenden traurigen Lächeln an. Wir stürzten beide auf sie zu und redeten abwechselnd voll Entrüstung und Freude auf sie ein. Martha blickte eine Zeitlang ruhig auf unsere Lippen und als wir uns endlich heiser und gegenseitig taub geschrien hatten, begann sie Zeichen zu geben, daß sie nichts verstehe. Wir hatten ganz vergessen, daß sie infolge des Luftmangels nichts hören konnte und plötzlich war alle Wut und Aufregung verschwunden und wir brachen in ein herzliches Lachen aus. Dann gaben wir ihr durch Gesten zu verstehen, daß wir zu dem Wagen zurückkehren wollten. Martha führte uns hin; der Wagen stand nicht weit hinter dem Felsen, der ihn verdeckte.