Hier erst hat sich alles aufgeklärt. Einige Zeit nachdem wir fort waren, ging die Sonne, einen schwachen Bogen am Firmament bildend, hinter dem Felsen unter, so daß sich der Wagen im Schatten befand. Woodbell begann vor Kälte zu zittern. Martha fuhr daher weiter um den Felsen herum und blieb mehr nach Süden stehen, wo die Sonne den Kranken genügend erwärmte. Als wir zurückkehrten und über das Verschwinden des Wagens entsetzt waren, suchten wir ihn in der ganzen Umgegend, aber es fiel uns nicht ein, hinter dem Felsen nachzusehen, der sich dicht neben uns befand. Martha hatte uns vom Wagen aus bemerkt, dachte aber, als wir uns von neuem entfernten, daß wir eine andere Seite der Gegend erforschen wollten und wartete geduldig auf unsere Rückkehr. Erst als wir uns, zum zweitenmal zurückkommend, dem Fahrzeug nicht näherten, kam sie uns entgegen, ohne zu ahnen, daß wir den Wagen nicht wieder fanden. Der ganze Vorgang endete also mit einem Lachen, obwohl er für uns mehr als verhängnisvoll hätte werden können.
Woodbell trafen wir in verhältnismäßig gutem Zustand an. Während unserer Abwesenheit war er nur viermal ohnmächtig geworden. Jetzt ist er ruhiger und sagt, daß er sich besser fühle. Sein leichenblasses und jammervoll abgemagertes Gesicht sieht zwar nicht danach aus, aber Gott gebe es, daß er der Genesung entgegengeht. Für den Anfang ist es schon genug der Opfer — und des Schreckens ...
Wir fahren weiter nach dem festgesetzten Plan, bis jetzt immer nach Osten zu, stets den mächtigen Gipfel des Plato vor unseren Augen. Bald werden wir an der Alpenkette angelangt sein.
Mit Rücksicht auf Tomas’ Gesundheit tut die größte Eile not. Je eher wir eine Zone erreichen, wo er den geschlossenen Wagen verlassen und frei atmen und sich bewegen kann, desto wahrscheinlicher ist seine Rettung. Wir werden auch Tag und Nacht dahinsausen, um uns nur immer weiter von dieser Wüste zu entfernen und dem Pole näher zu kommen, wo wahrscheinlich Luft und Wasser ist.
Unter den Alpen, 3° westlicher Länge, 47° 30’ nördlicher Mondbreite, einhunderteinundsechzig Stunden nach Sonnenaufgang des dritten Tages.
Unsere Hoffnung Woodbell am Leben zu erhalten wird immer geringer. Wir fahren so schnell es das Terrain nur erlaubt, aber der Pol ist noch weit und Tomas stirbt uns indessen unter den Händen. Wir zittern vor Unruhe und Ungeduld und nun zwingt uns diese vermaledeite Alpenkette, die den Weg versperrt, uns in nordöstlicher Richtung zu halten, so daß wir uns, statt dem ersehnten Pol näher zu kommen, zunächst noch von ihm entfernen müssen. In einigen Stunden werden wir am Ausgang des Quertals sein; wenn man nur wenigstens nach Norden ablenken könnte! Bis jetzt haben wir zur Linken immer nur die steilen Wände der Alpen, neben denen unser Wagen wie ein winziger Käfer hinter der Mauer einer riesigen Festung aussieht. Wir warten mit Sehnsucht, daß sich das Tor dieser Mauer vor uns öffne und mit ihm ein hundertfünfzig Kilometer langer Felsengang, der zum Mare Frigoris führt. Schon begegnen wir vereinzelten kleinen, aber steilen Felsen, die wie Säulen vor dem Eingang dieses Tales stehen, ein Zeichen, daß wir uns ihm nähern.
Woodbell fragt fortwährend, ob es noch weit sei. Er möchte so schnell wie möglich auf den Pol gelangen, und dabei haben wir vom Sinus Aestuum kaum den halben Weg zurückgelegt! Eine gräßliche Angst befällt mich, wenn ich daran denke! Er hat, scheint’s, die Entfernung ganz vergessen. Er sprach mit Sehnsucht von dem Polarlande, von Luft und Wasser wie von Dingen, die wir schon morgen finden werden! Statt dessen wird der nächste Mondmorgen, obwohl er noch so weit ist, noch immer nichts davon bringen, das ist gewiß! Tomas glaubt immer fester an seine Genesung — je mehr er die Kräfte verliert. Er schmiedet Pläne für die Zukunft und legt sich schon sein Leben mit Martha zurecht ... Mich beunruhigt diese Zuversicht; auf der Erde sagt man, daß das ein böses Zeichen bei einem Kranken ist.
Martha hört all dem geduldig zu, mit dem gleichen traurigen Lächeln. Gott, was muß sie leiden! Es ist doch unmöglich, daß sie nicht weiß, wie es um ihn steht ...
Im Quertal, zweiundachtzig Stunden nach Mittag.
Eine innere Stimme sagt mir, daß alles vergebens ist. Die Verzweiflung packt mich, denn ich will, daß er lebt. Ich will es um so mehr, weil ich in meinem Hirn eine giftige Schlange fühle, die mir trotz meines Aufbäumens dagegen zuflüstert: Wenn er stirbt, wird Martha einem von euch gehören — vielleicht dir. Nein, nein, er muß leben, er muß! Und wenn er sterben sollte, weiß ich, daß Martha ihm folgen wird. Was dann? Was dann? Wozu werden wir hier bleiben, zu welchem Zweck? ... Ich klagte einst, daß wir zwei diesen beiden dienen und jetzt fühle ich, daß dieser Dienst die einzige Berechtigung unseres Daseins hier ist. Mit ihrem Tode wird unser Dahinsterben beginnen, denn wir werden nicht fähig sein, aus uns selbst etwas zu schaffen, unser Leben und unsere Arbeit werden niemandem etwas nützen, nicht einmal uns selbst! Denn wozu, wozu? ...