Höchstens wenn Martha nach seinem Tode am Leben bliebe, wenn sie einem von uns, vielleicht mir, ihre Arme so um den Hals schlänge, ihre Lippen so auf den Mund preßte wie jetzt Tomas ... Ich habe das Gefühl, als wenn eine Kugel voll heißer Luft mir in der Brust zerplatzte, den Atem zurückhielte und Feuer in alle meine Adern ergösse ...

Fort, fort mit diesem Gedanken! Übrigens könnte dieser Eine auch Varadol sein ... Nein, es wäre besser, wenn diese Frau nicht unter uns wäre. Ich bemerke zu meinem Entsetzen, daß ich den Tod Woodbells herbeizusehnen und Varadol zu hassen beginne ... Und sie sitzt ruhig da und starrt in die Züge des sterbenden Geliebten.

Tomas will nicht sterben, er wehrt sich verzweiflungsvoll gegen den Tod. Jeden Augenblick erzählt er, wie um seiner eigenen Überzeugung zu trotzen, daß er leben wird und läßt uns dem beipflichten. Wir tun es ihm zuliebe, unehrlicherweise; und Martha nickt ihm in festem Vertrauen zu und antwortet wieder und wieder mit tiefer, singender Stimme: „Ja, du wirst leben, du mein Einziger“ ... Dabei verschleiern sich ihre Augen in einem Nebel der Wonne und des Rausches. Kann sie es denn wirklich für möglich halten, daß in diesem ausgetrockneten Körper ohne Kraft, ohne einen Tropfen Blut in den Adern, noch Leben ist!? Und dennoch, was würde ich dafür geben!

Mittags hielten wir nicht an. Die Glut war nicht so groß wie an den vorhergehenden Tagen, infolge der bedeutenden Mondbreite. Wir müssen uns, aus Rücksicht für Tomas, außerordentlich beeilen. Jetzt sind wir in der Mitte des Quertals; vor Sonnenuntergang müssen wir bis zum Mare Frigoris vordringen.

Gegen Mittag befanden wir uns, nachdem wir kleinere, auf der Ebene zerstreut liegende Felskuppen passiert hatten, plötzlich bei dem breiten Auslauf der Ebene. Die senkrechte Wand der Alpen bricht hier ab und weicht nach Osten zurück, durch die Gurgel der mächtigen Klamm unterbrochen. Die Fläche des Mare Imbrium verengt sich in einem großen Halbkreis zu dem eigentlichen Tal, das anfänglich durch einen terrassenförmigen Abhang verdeckt ist, der spitz hervortritt, wie ein mächtiges, einige hundert Meter hohes Felsenstockwerk. Auf der anderen Seite jenes Halbkreises erhebt sich der Mond-Montblanc gegen viertausend Meter über der benachbarten Fläche.

Wir zögerten einen Augenblick, ehe wir in die Ebene einfuhren. Jenes Stockwerk erschreckte uns, denn wir dachten, wenn wir unterwegs mehrere solcher Hindernisse anträfen, würde unsere Reise sich immer mehr verlängern, da wir jedesmal steile Abhänge erklimmen müßten.

Varadol vertiefte sich wieder in die Photographien der Mondoberfläche, obwohl sie uns schon öfter getäuscht haben; das letztemal auf dem Plato. Aber es gab kein anderes Mittel der Orientierung in dieser Gegend. Endlich wagten wir, nach kurzer Überlegung, in das Tal einzubiegen. Zu diesem Entschlusse hat auch Tomas beigetragen. Er drängte mit der Hartnäckigkeit eines Kranken, der keinen Widerspruch duldet, daß man sich nach Norden wenden solle, da er wisse, daß die zeitraubende Umkreisung der Alpen und die lange Fahrt durch den Palus Nebularum ihn zweifellos töten würde.

Was hat die Krankheit aus diesem Menschen gemacht! Früher ruhig, entschieden, voll Überlegung und von einem unbeugsamen Willen, ist er jetzt ein launenhaftes, trotziges Kind. Er schilt uns wegen jeder Kleinigkeit und dann entschuldigt er sich wieder oder fleht uns an, ihn zu retten ... Jedoch ist uns das lieber als die Zeiten der vollständigen Apathie und Kraftlosigkeit, wo er stundenlang auf dem Rücken liegt, einer Leiche ähnlicher als einem lebenden Menschen. Oft spricht er auch unaufhörlich, als wenn er sich durch den Klang der eigenen Stimme versichern wollte, daß er noch lebt. Nur sobald einer von uns unvorsichtigerweise den unglücklichen Vorfall erwähnt, verstummt er sofort und beginnt am ganzen Leibe zu zittern. Vergeblich zerbreche ich mir den Kopf, was das für ein Geheimnis sein kann ...

Es war schon Nachmittag, als wir unter dem Felsenstockwerk anhielten, das den Eingang zu dem Tal versperrt. Mit großer Mühe fanden wir einen Weg, der es uns zu erklimmen ermöglichte. Als wir auf der Höhe standen, blickten wir noch einmal auf das hinter uns liegende Mare Imbrium, das wir bald für immer aus den Augen verlieren sollten. Was mich betrifft, so muß ich gestehen, daß ich nicht ohne ein gewisses Weh von dieser Ebene Abschied nahm, obwohl sie uns nur Mühen, Qualen und Verzweiflung gebracht hat ... Wie seltsam ist doch das menschliche Herz! Wir durcheilten diese endlose Fläche während voller sechzig Tage, von einem Mondmittag bis zum anderen, nur von dem einen Wunsche beseelt, sie so schnell wie möglich hinter uns zu haben — und jetzt blicke ich fast mit Sehnsucht nach ihr zurück ...

Im Tale kommen wir ziemlich schnell und verhältnismäßig leicht vorwärts; die breiten Stockwerke treffen wir nicht mehr an und kleinere Berge, die nicht seine ganze Breite einnehmen, lassen sich umgehen. Die Sonne steht jetzt so am Himmel, daß sie die Ränder des Tales erleuchtet. Zu beiden Seiten erhebt sich ein mächtiger, gegen viertausend Meter hoher Gebirgswall. Das am Eingang einige Kilometer breite Tal verengt sich gegen Nordosten, was den Eindruck hervorruft, als wenn sich seine mächtigen Wände einander näherten und wir uns in einem enormen, schnurgerade unter den Felsen ausgehauenen Gang fortbewegten. Wir sehen den entfernten Auslauf dieses Ganges, der einer kleinen, aber tiefen Aushöhlung zwischen weißen Felsen gleicht, die durch ein Stück Himmel ausgefüllt ist. Ich weiß nicht, ob mich mein Blick nicht täuscht, aber es scheint mir, daß der Himmel nicht mehr so schwarz ist und die Sterne weniger zahlreich daran erglänzen. Dies würde von dem Vorhandensein einer dichteren Atmosphäre über dem Mare Frigoris zeugen ... Unser Barometer steigt ebenfalls langsam. Wenn wir nur Tomas lebend bis zu der Zone bringen könnten, wo genügende Luft zum Atmen ist! ...