Im Quertal, einhundertachtundsechzig Stunden nach Mittag, dritter Mondtag.

Wir haben seit Sonnenaufgang schon fünfhundert und einige Kilometer zurückgelegt und nähern uns dem Ausgang des Quertales. Die ungeheure Felsgurgel verengt sich immer mehr und die Wälle zu beiden Seiten werden immer niedriger. Der Ausgang der Klamm auf das Mare Frigoris, deutlich vor uns sichtbar, scheint sich in dem Maße als wir uns ihm nähern zu erweitern und die Felsen, die dieses Tor bilden, wachsen vor unseren Augen. Bei Sonnenuntergang werden wir abermals auf eine Fläche hinausfahren — gebe Gott, daß wir alle hinausfahren ...

Oh, welch ein furchtbarer Kreuzesgang war unsere heutige Reise! Wohl dreißig Stunden zitterten wir, bei dem kleinsten Geräusch auf Woodbells Lager blickend: — etwa jetzt? ... Es geht mit ihm zu Ende, darüber besteht kein Zweifel. Er ist still und ruhig geworden und sieht uns nur immerwährend an, mit flehenden Augen, in denen die Sehnsucht liegt, — die glühende Sehnsucht zu leben! Und wir können ihm nicht helfen ...

Die letzte Erschütterung bei der Fahrt durch die Spalte hat ihm den Rest gegeben. Wir hatten fast zwei Drittel des Weges hinter uns, als wir, unter dem 3.° östlicher Länge ungefähr, auf ein Hindernis stießen, das uns beinahe gezwungen hätte auf das Mare Imbrium zurückzukehren. Die Sonne stand schon tief am Horizont und die ganze westliche Seite des Quertales war in undurchdringlichen Schatten gehüllt, der kaum hie und da durch schräge schwache Lichtstrahlen der Erde erleuchtet war. Wir mußten uns am Fuße des östlichen Walls halten, um uns nicht in der Nacht zu verlieren. Der Wall erreicht hier die größte Höhe; er erhebt sich steil und riesenhaft, beinah wie die senkrechte Alpenwand, unter der wir vormittags hindurchfuhren.

Da plötzlich erblickten wir einige hundert Schritte vor uns einen schwarzen Streifen, der uns den Weg auf der ganzen Breite versperrte. Vorher hatten wir ihn infolge der leichten Erhebung des Grundes nicht gesehen. Als wir uns ihm näherten, zeigte es sich, daß dieser Streifen eine Spalte war, die beide Felsenwälle und den Grund des Tales quer durchschneidet. Sie lag bis an die Ränder im Schatten, so daß wir nicht in ihre Tiefe sehen konnten. Tausende Meter hohe Felswände waren bis zum Fuße durch sie zerrissen.

Ratlos standen wir vor diesem neuen, unüberwindlichen Hindernis.

Auf der Karte hatten wir diese Spalte allerdings gesehen, auch daß sie die Hochebene durchschneidet, die das Mare Imbrium vom Mare Frigoris bis zu den nördlichen Abhängen des Plato, in südöstlicher Richtung, trennt; aber wir nahmen nicht an, daß sie sich bis auf den Grund des Quertales erstreckte, das zwei- bis dreitausend Meter tiefer als die Oberfläche der benachbarten Höhen, die sich hinter den Wällen ausdehnten, lag. Ich fühlte, daß mir beim Anblick dieser Untiefe der Schweiß auf die Stirne trat. Peter begann leise zu fluchen.

Tomas, durch unser Benehmen wie durch das Halten des Wagens beunruhigt, fragte uns, was geschehen sei. Wir wagten nicht, ihm die Wahrheit zu sagen; er jedoch, unseren Ausflüchten scheinbar keinen Glauben schenkend, strengte den Rest seiner Kräfte an, erhob sich und blickte durch das Fenster. Eine Zeitlang sah er schweigend hinaus, dann legte er sich wieder und sagte fast gleichgültig:

— Sie wollen nicht, daß ich lebe ...

— Wer? frug ich erstaunt.