Um seine Lippen lagerte sich ein schmerzliches, aber ruhiges Lächeln und die Augen begannen sich langsam zu schließen. Noch einmal öffnete er sie für einen Augenblick, schaute auf die Erde und auf die Sonne, von der nur noch ein schmaler Streifen über der Wüste sichtbar war — seufzte leise und verschied mit dem letzten Leuchten des erlöschenden Tages ...

In der Dunkelheit haben wir ein Grab gegraben und ihm die Augen mit Sand bedeckt.

Und wiederum sind wir seit fast zwanzig Stunden unterwegs.

Wir fahren auf ebener, sandiger Wüste und passierten schon beim Ausgang aus dem Quertale den fünfzigsten Parallelkreis; die Erde erhebt sich nur noch 40° über dem Horizont, aber zum Glück gibt es auf dieser Fläche keine schattenwerfenden Erhöhungen. Wenn es geht, wollen wir die ganze Nacht ohne Unterbrechung vorwärtseilen.

Eine namenlose Trauer bedrückt uns. Martha sitzt ganz erschlafft da, fast wahnsinnig vor Schmerz, und zu ihren Füßen heult Selena nach ihrem verstorbenen Herrn. Wir geben dem Tier zu fressen, um es zu beruhigen, aber Selena nimmt nichts; sie war gewöhnt, nur von Tomas gefüttert zu werden.

Auf Mare Frigoris, 0° 6’ östlicher Länge, 55° nördlicher Mondbreite, nach Mitternacht, zu Beginn des vierten Tages.

Wir wenden uns direkt nach Norden, zum Pol. Seit hundertsiebzig Stunden, das heißt, seit dem Tode Woodbells, bewegten wir uns in nordwestlicher Richtung. Jetzt ist sein Grab schon weit zurückgeblieben, sehr weit ... Auf der Erde ist bereits eine Woche verflossen, seit wir ihn begraben haben.

Die ganze Zeit über fließt der Sand durch die Räder unseres Wagens, während nur das Zischen des Motors die lautlose Stille und das bleierne Schweigen unterbricht, das auf uns lastet. Martha weint nicht; sie sitzt da, stumm, mit zusammengepreßten Lippen und weit aufgerissenen Augen, in denen die Tränen schon vertrocknet sind.

Selena lebt nicht mehr. Seit Woodbells Tod wollte sie nicht mehr fressen, heulte stundenlang und lief im Wagen herum, alle ihm gehörigen Gegenstände und was seine Hand nur einmal berührt hatte beschnüffelnd. Schließlich legte sie sich in eine Ecke, wurde schwach und knurrte, wenn einer von uns sich nähern wollte. Wir fürchteten, daß sie die Tollwut bekäme, und mußten sie töten, obwohl es uns unendlich leid tat. Übrigens bin ich überzeugt, daß sie auch so nicht mehr lange gelebt hätte.

Ach, es ist so entsetzlich still in unserem Wagen, denn wir — was können Peter und ich miteinander sprechen? Es ist etwas Furchtbares geschehen. Der Tod Woodbells bedeutet in diesem Falle nicht nur den Verlust eines Menschen, eines treuen und teuren Freundes: nein, dieser Tod ist ein unermeßliches Unglück, — eine wahnsinnige Ironie des Schicksals, das zwischen uns beide diese Frau geworfen hat, die wir in gleichem Maße heiß begehren. Ich kann nicht auf sie sehen, ohne daß mich ein Schauer erfaßt und gleichzeitig empfinde ich den ganzen Ekel dieser — Schändung, gegenüber dem frischen Grab des Freundes. Es scheint mir, daß Woodbells Geist uns noch nahe ist, daß er mir ins Herz sieht, diese meine Gedanken lesend, aber ich kann dennoch nicht widerstehen — ich kann nicht! Das Fieber verzehrt mein Hirn, das Blut rast wild durch alle Adern, und mein Inneres ist so ganz voll von ihrem Bilde, daß ich sie vor mir sehe — immer — mit einer furchtbar unerhörten Deutlichkeit, auch wenn ich die Augen schließe. Ich versuche meine Gedanken von ihr abzulenken, sie mit Gewalt zurückzudrängen wie eine Meute toller Hunde, aber sie reißen sich los von der Kette meines Willens, werfen sich auf sie, reißen ihr die Kleider herunter, reiben sich an ihren Formen, schlängeln sich um ihren Leib und beschmutzen ihn mit den lüsternen Schnauzen, und da sie sehen, daß sie unnahbar und kalt ist, beginnen sie zu bellen, mit den Zähnen zu fletschen, nach ihr zu beißen und sie hin und her zu zerren ... Oh, diese schändlichen Gedanken, wie sie mich peinigen und quälen!