Varadol ergeht es ebenso; ich weiß, ich fühle, ich sehe es! Und er weiß ebenfalls, was in mir vorgeht. Daher dieser stumme, verbissene Haß zwischen uns. Weshalb soll man sich täuschen, weshalb die Dinge mit schönen Namen belegen, wir sind beide schlecht und gemein, denn sie steht zwischen uns. Wir sind nur zu zweit auf dieser fürchterlichen Welt, und es schreit etwas in der Tiefe unserer Seele, daß einer von uns zu viel ist. Wir sprechen nicht miteinander und sehen uns nicht in die Augen. Manchmal nur begegne ich verstohlen Varadols Blick, seinem entsetzlichen Blick, aus dem der Tod leuchtet wie ein Brand durch die Fenster eines im Innern flammenden Hauses.
Ob ich ihn fürchte? Nein, nein, tausendmal nein! Obwohl ich weiß, daß er mich jeden Augenblick, ohne zu wissen, was er tut, hinterrücks niederschlagen und morden kann, wie zum Beispiel jetzt, während ich schreibe und er hinter mir steht und meinen entblößten Nacken sieht. Ein Schauer durchläuft mich, aber ich wende mich nicht um, ich will seinem Blick nicht begegnen, in dem ich, wie in einem Spiegel, meine eigene Gemeinheit sehe.
Im übrigen fürchte ich mich absolut nicht vor einem plötzlichen, unerwarteten Tode! Der Tod ist nur dann über allen Ausdruck furchtbar, wenn er sich langsam nähert und unabwendbar. Ich weiß das aus Erfahrung. Ich fürchte nur eins, daß er diese Frau besitzen könnte, auf die er kein größeres Recht hat als ich; daß er vielleicht ihre vom Kummer noch bleichen Wangen durch Küsse röten, ihre Brust, die noch in ungestilltem Schluchzen bebt, zu schnellen, leidenschaftlichen Seufzern zwingen kann. Ah, ich darf nicht daran denken! Wir verfolgen uns gegenseitig so mit unserer Eifersucht, daß sie, solange wir beide leben, ohne jegliche Gefahr ist!
Aber manchmal packt mich die Wut. Ich möchte mir ins Gesicht speien und dann vor ihn hintreten und sagen: Komm, schlagen wir uns um sie! Beißen wir uns, wie zwei tolle Wölfe um eine Wölfin, unsicher des kommenden Tages, unsicher des Lebens, verbannt auf diese entsetzensvolle Welt, kämpfen wir um die Geliebte unseres toten Freundes, die für uns nichts fühlt als Gleichgültigkeit und Verachtung. Komm, schlagen wir uns heute um sie, ehe wir morgen sterben!
Aber ich bin zu sehr Hypokrit und zu feige, um das zu tun. Oh, wie ich mich verachte!
Und ich verachte und hasse auch sie! Es gibt Augenblicke, in denen ich fähig wäre, mich auf sie zu werfen und ihren schweigenden, traurigen Mund durch Schläge zum Schreien zu zwingen, um dann diesen Schrei zugleich mit dem Leben zu ersticken! Vielleicht wäre das besser ... Wir würden allein bleiben, ohne Ziel, ohne Verlangen zu leben, am Ende dann sogar freiwillig sterben, aber zum wenigsten würde nichts zwischen uns sein ...
Wozu lebt sie? Was hält sie hier? Wie kann sie noch leben, wenn sie diesen Menschen so geliebt hat, und wenn er für sie alles gewesen ist und mit ihm für sie alles geendet hat? Wir sind gemein, aber auch sie ist gemein! Das Tier, die unvernünftige Hündin, hat mehr Anhänglichkeit gezeigt, denn sie konnte den Tod ihres Herrn nicht überleben. Und diese Hündin hat doch nicht den hundertsten Teil der Liebkosungen gekostet, hat nicht den tausendsten Teil der Liebe genossen, mit der er diese Frau überhäuft hat! Aber die Frau lebt ... und wer weiß, wer weiß, vielleicht wirft sie aus diesen Augen, die scheinbar im Schmerz erkaltet und erloschen sind, schon auf einen von uns verstohlene Blicke, vielleicht keimt in ihrem Hirn, das noch voll ist vom Bilde jenes Toten, schon der Gedanke: Welchen von diesen zwei Lebenden soll ich wählen, um das ewige Werk des Weibes zu erfüllen? ...
Vielleicht, vielleicht ist in alledem irgendein ursprünglicher, elementarer, durch die Natur in unser Wesen gelegter, also heiliger Trieb des Seins und des Zeugens, der uns nicht zurückblicken, mit der Vergangenheit nicht rechnen, noch an die Zukunft denken läßt. Und dennoch ist für mich das alles so ekelhaft — so widerwärtig — ungeheuerlich! ...
Ah, warum lebt dieses Weib? Warum?
Und ich fühle, daß ich trotz alledem ihren Tod niemals verwinden könnte.