Nicht an Martha habe ich in jener Zeit gedacht, sondern an Kinder, an kleine frohe Mädchen, die Tomas, wenn sie erwachsen sind, heiraten könnte, auf diese Weise einer neuen Menschheit das Leben gebend. Ich erträumte mir das als höchstes Glück, denn dann war unsere Arbeit nicht vergebens. Alles, was wir entdeckten und schufen würde denjenigen, die nach uns von Geschlecht zu Geschlecht auf dem Mondglobus leben sollten, Früchte tragen.
Ich will nicht sagen, daß diese meine Träumereien gänzlich unpersönlich waren. Im Gegenteil, indem ich an die Kinder dachte, stellte ich mir unwillkürlich vor, daß es meine Kinder wären und hinter ihren fröhlich lachenden Gesichtchen sah ich die liebe Gestalt Marthas, — meiner Martha ... Das waren erschlaffende, fast schmerzliche Gedanken, denn ihre Verwirklichung schien mir so seltsam unmöglich zu sein ...
Und dann machte ich mir, die ungastliche und nicht für Menschen geschaffene Mondwelt betrachtend, wieder Vorwürfe. Wie wird, dachte ich, das Schicksal der zukünftigen Menschheit sein, die hier leichtsinnig von uns geschaffen, um unsern Taten einen Zweck und unserm eigenen Leben eine Berechtigung zu geben? Ich hatte die Bedingungen dieses Globus genügend kennen gelernt, um zu wissen, daß sich die Menschheit auf ihm niemals würde entwickeln können wie auf der Erde. Der Mensch wird hier immer nur der Eindringling sein, der ungebeten und — zu spät gekommen ist. Ja, zu spät. Der Mond ist, wie wir die Sache auch ansehen mögen, ein absterbender Globus.
Auf das hiesige Leben blickend, das einen so unerhört kleinen Teil der Oberfläche des ganzen Gestirns einnimmt, auf die Pflanzenwelt, die großartig und üppig ist, aber viel weniger Lebenskraft als die irdische besitzt, auf die seltsamen Tiere, die degeneriert und gebrechlich sind, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß ich auf die Pracht einer untergehenden Sonne schaue. Hier hat das Leben bereits aufgehört sich zu entwickeln. Es ist reif, überreif sogar, und wartet auf das Ende. Und diese Natur, die hier seit unvergleichlich längeren Zeiten arbeitet als auf der Erde (da der Mond, als kleineres Gestirn, früher als sie erkaltet und früher „Welt“ geworden ist), hat es nicht vermocht, ein vernünftiges Wesen zu schaffen, und wenn sie es geschaffen haben sollte, ist seine Zeit unwiderruflich vorbei. Den besten Beweis liefert vor allem die Tatsache, daß dieser Globus heute nicht mehr für derartige Wesen geeignet ist.
Dem Menschen wird es hier immer zu eng sein! Derartige Reflexionen stiegen wohl in mir auf, aber das Gefühl ist stärker als der abstrakte Gedanke; trotz allem begehrte ich mit ganzer Seele, daß hier nach uns Menschen leben sollten. Manchmal betrog ich mich selbst und versuchte mir einzureden, daß ich die Menschheit für Tom wolle, um ihn vor dem schrecklichen Schicksal zu bewahren, in der Einsamkeit der letzte Mensch zu sein. Aber das ist nicht wahr; ich wollte ein neues Geschlecht für mich, um meiner selbst willen.
Ich weiß nicht, wie Peter dachte und fühlte; aber sicher ist, daß ihn dieselbe Sehnsucht beherrschte. Es ging viel Zeit vorüber, ehe wir beide uns aussprachen. Ich erinnere mich, es war gegen Sonnenuntergang. Martha war mit Tom auf dem Arme zu den warmen Quellen gegangen und wir beide saßen schweigend am Meeresstrande.
Peter blickte Martha, als sie sich entfernte, lange nach, und dann zählte er leise die Mondtage, die wir schon durchlebt hatten.
— Der dreiundzwanzigste Sonnenuntergang, sagte er endlich laut.
— Ja! antwortete ich gedankenlos, der dreiundzwanzigste; wenn wir auch die Tage rechnen, die wir auf dem Pole verbrachten und während denen wir in Wirklichkeit keine Untergänge hatten ...
— Und was weiter? fragte Peter.