Manchmal fuhren wir auf das Meer hinaus, uns längs dem Ufer haltend. Der Strand nach Westen ist flach und sandig, im Osten dagegen erheben sich zahlreiche, aus vulkanischen Bergen gebildete Vorgebirge, die durch tiefe, landeinwärts einschneidende Buchten getrennt sind. Fast ein jeder solcher Ausflug, ob zu Wasser oder zu Land, brachte irgendwelchen Nutzen mit sich; wir fanden immer etwas Neues oder lernten wenigstens die Eigentümlichkeiten und Geheimnisse der Gegend kennen, in der wir wohl nun bis zum Tode bleiben werden.
Nach dreizehn Mondtagen, das heißt nach einem Erdenjahr, unseres Aufenthaltes am Meere, waren wir mit dem Lande schon ganz vertraut. Außer dem Wohnhause hatten wir Werkstätten, eine kleine Hütte, Magazine, einen Stall für die Hunde, mit einem Worte, alles, was uns für das Leben hier unentbehrlich war. Die Zeit der fieberhaften, angestrengten Arbeit nahm ein Ende, und langsam kam die Langeweile und, was noch schlimmer war, die Sehnsucht nach der verlassenen Erde über uns. Das waren qualvoll fürchterliche Zeiten; ich erinnere mich, daß wir unserer bedrückten Stimmung und unserem Heimweh ganz ratlos gegenüberstanden. Am Tage zerstreute uns noch dies und jenes, wir irrten auf den Bergen herum oder sammelten Nahrungsvorräte; aber während der Nacht packte uns die Verzweiflung. In dem kleinen Häuschen über dem warmen Teiche eingeschlossen, tatenlos und träge, bemühten wir uns, nur so viel wie möglich zu schlafen.
Aber auch das gelang uns nicht immer. Dann saßen wir schweigend da, erschöpft von Langerweile und Sehnsucht, einander feindselig betrachtend. Es ist unzweifelhaft wahr, daß nichts die Menschen gegenseitig so verbittert wie das Unglück und die Langeweile. Ich hatte leider Gelegenheit, das mehrfach bestätigt zu finden.
Man hätte sich wohl mit so manchem beschäftigen, irgendwelche Verbesserungen einführen, für die Zukunft sorgen können, aber der Gedanke, daß wir hier zum Aussterben verurteilt waren, machte uns dazu absolut unfähig. Die Menschen auf der Erde denken gar nicht daran, daß sie den größten Teil ihrer Energie, wenn auch unbewußt, dem Gefühl verdanken, daß sie nicht nur für sich, sondern auch für diejenigen, die nach ihnen kommen werden, arbeiten. Der Mensch will leben, das ist alles. Und indessen steht ihm immer der unerbittliche Tod vor Augen, und wenn er keinen Ausweg, keine Möglichkeit der Ablenkung, kein Mittel, ihn oder vielleicht auch nur sich selbst zu betrügen, findet? Bei Gott, ich glaube, daß kein anderer Gedanke außer diesem einen furchtbaren: ich werde sterben, in seinem Kopfe Raum hätte! Es gibt verschiedene Heilmethoden: Den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele, den Glauben an die Unsterblichkeit der Menschheit und der menschlichen Werke. Der Mensch verlängert sein Dasein durch seine Taten; denn wenn er an jene Zeiten denkt, wo er nicht mehr sein wird, so stellt er sich vor, daß auch dann noch eine Spur seiner Arbeit übrig bleibt, und so wird er in seinen Gedanken selbst dieser Zukunft teilhaftig, die er mit lebendigen Augen nicht mehr schauen kann. Aber dafür muß er wissen, daß nach ihm Menschen existieren werden, die, wenn sie auch seinen Namen nicht erwähnen und kennen, doch wenigstens, ohne es zu wissen, von seinem Lebenswerk Nutzen ziehen. Das ist die absolute Grundlage des Lebens und seiner Tatkraft. Denn die Werke der Menschen sind wie die Menschen selbst: sie leben oder sterben. Das Werk, das in keinem Bewußtsein einen Wandel hervorruft, ist tot.
Das sind alles außerordentlich einfache und natürliche Folgerungen, aber ich bin mir erst auf dem Monde, während jener langen taten- und hoffnungslosen Tage im Anfang unseres Aufenthaltes am Meere so recht klar darüber geworden.
Manchmal dachte ich: Es wäre gut, die Grenzen dieses großen Wassers zu erforschen, das Land in seiner Länge und Breite zu durchqueren, seine Berge und Flüsse kennen zu lernen, Karten anzufertigen, die Pflanzen zu beschreiben, die Tiere und Mineralien, aber da tauchte in meinem Innern die höhnische Frage auf: Und wer wird etwas davon haben? Ja, wahrhaftig, wer wird etwas davon haben? Wem soll ich erzählen, was ich kennen lernen werde, wem das zurücklassen, was ich niederschreiben will? Tom? ... Aber der kleine Tom wird ebenfalls sterben wie ich, zwar etwas später, aber das ändert nichts an der Sache. Er wird der letzte Mensch auf dieser Welt sein, auf der wir die ersten gewesen sind. Mit ihm wird alles ein Ende nehmen ...
Dieses Bewußtsein lähmte jedwede Tatenlust in mir! Ob ich nun dieses staunenerregende Land erforschen wollte oder dieses Meer, mit dem der Mond angefüllt ist wie ein silberner Becher, der seinen äußeren Boden der Erde zukehrt, oder wenn ich an das Erbauen eines dauerhafteren Hauses dachte, an die Einrichtung von neuen und besseren Werkstätten, an die Anlage eines Gartens und Tierkäfigs, mit einem Worte, an die Hebung des Wohlstandes unserer kleinen Wirtschaft.
Und so erwuchs in Peter und mir zugleich das Gefühl der Notwendigkeit, hier eine neue Menschheit ins Leben zu rufen, und unsere Augen wandten sich wiederum auf Martha. Ich versuche heute mich vor mir selbst zu rechtfertigen, denn ich weiß, daß es Verbrechen und Egoismus war. Auch damals wußte ich es, aber ... aber ... Der Mensch will leben, um jeden Preis und auf jede Art, nur leben — das ist alles!
Es war etwas Ungeheuerliches in unserm Beschluß, vor allem, weil wir ihn kalt und nüchtern faßten, wenigstens was mich betrifft ...
Ich hatte mich an Martha mit einer großen Liebe gewöhnt, einer stillen, selbstlosen, und jene Zeit, da ich sie für mich begehrte, für meine Sinne und mein Glück, war lange vorbei und, wie es mir schien, unwiderruflich. Ich weiß es nicht einmal, warum sie vorbei war ... Ich glaube, der Grund lag in der Überzeugung, daß sie mich nicht wiederliebte und niemals lieben würde, stets nur mit all ihren Gedanken an jenem Toten, in ihrem Sohne Wiedergeborenen, hängend.