Chinesischer Schuhmacher.
Unter den Verkaufsläden trifft man auch nicht wenige, in denen Fett- und Eßwaren feilgeboten werden; auch getrocknete Fische, Gemüse, Früchte u. s. w. liegen lockend ausgebreitet zum Verkauf. Hier drängen sich viele Käufer, Städter wie Landleute, grell geschminkte Frauen in bunten Gewändern, geputzte Männer mit langen Zöpfen, jeder nach seinem Geschmack gekleidet. Ferner findet man auch manch' schöne, nach europäischem Muster eingerichtete Häuser mit Schaufenstern, die einheimische wie importierte Fabrikate bergen und wo man wirklich gute Waren beziehen kann; aber im allgemeinen haben die chinesischen Kaufläden und das Straßenleben, wie lebhaft sie auch den neugierigen Augen eines Fremden erscheinen mögen, ein düsteres, träges und unsauberes Aussehen.
Wir fuhren nun geradenwegs durch die Straße Damaro, auch Nankinro genannt, zu deren Seiten sich die meisten eleganten Verkaufsläden, europäische und chinesische, vorfinden, und gelangten in den Lustgarten Gu-En[1]. Dieser Garten, den der Besitzer vielleicht aus Bescheidenheit so genannt, sollte wahrhaft wundervoll angelegt sein, aber leider war er nicht imstande, japanische Augen zu erfreuen; da er weder etwas Schönes noch Neues bot, so verlohnt es sich nicht, ihn ausführlich zu beschreiben. Ein paar Baumgruppen, deren fahles Grün nicht gerade anziehend wirkt, ein altes Gebäude chinesischen Stils, das so aussah, als wäre es nie mit einem Besen in Berührung gekommen, ein kleiner Teich mit trübem Wasser, worin etliche Goldfische ein elendes Dasein führten, einige komisch geformte Felsblöcke, die als Zeugen einer rohen plastischen Arbeit dastehen, und am Ausgang eine Art von Theater, in welchem dann und wann chinesische Operetten aufgeführt werden... das ist wohl alles, was man hier zu sehen bekommt. – Zwei Dinge fielen mir hier besonders auf: ein paar Opiumstuben – sehr einfache, meist nur mit einem Sofa ausgestattete Zimmer. Dort legt sich dann der Chinese aufs Ruhebett, raucht Opium und verträumt im Zustand der Betäubung den lieben langen Tag. Und weiter: ein paar irdene Becken, die im Garten unter freiem Himmel standen und eine dunkle trübe Masse enthielten. Ich glaubte, die Flüssigkeit sei zum Begießen der Pflanzen da, aber zu meinem Erstaunen erfuhr ich, daß sie zum – Trinken aufbewahrt werde. Echt chinesisch!
Im chinesischen Teelokal in Shanghai.
Nicht weit von Gu-En liegt Cho-En, ein in europäischem Stile aufgeführtes Gebäude, woselbst den Gästen Tee serviert wird – ein Teehaus im strengsten Sinne des Wortes; es hat einen geräumigen, mit den Farben aller Nationen geschmückten Salon und sieht ganz nett aus; vor dem Hause breitet sich ein frischer grüner Rasenstreifen aus und ladet den Vorübergehenden zum Besuche ein. In nächster Nachbarschaft sahen wir auch eine mit allem Zubehör ausgestattete Kegelbahn.
Die Equipage führte uns nun nach Shumaro oder Fukushuro, die in einer gewissen Bedeutung »feinste« Straße Shanghais; ein Karasumori oder Yanagibashi in Japan, wo viele tausende jener berühmten Shanghaier Sängerinnen wohnen und wo die »feinen« Herrschaften so gerne spazieren gehen, um zu sehen und gesehen zu werden. Hier liegt auch das Teehaus Kiokaro, in welchem wir zu Mittag aßen. Es ist dies eines der besten Wirtshäuser in Shanghai. Die ganze japanische Kolonie »König Alberts«, zehn an der Zahl, mit unserm Begleiter und einem Chinesen, der bei der Firma Kajimayoko angestellt ist und inzwischen von uns zur Tafel eingeladen war, nahmen nun mit knurrendem Magen an dem runden Tische Platz und harrten in gespannter Erwartung der Dinge, die da kommen sollten. Einen Speisezettel freilich gab es nicht, und wenn es auch einen gegeben hätte, würde er uns wenig genützt haben, da uns die Namen der Gerichte fremd waren. Die Speisen werden in verschiedene Klassen eingeteilt und danach bestellt; aber was jede von ihnen enthält, das gehört zu den Geheimnissen des Koches. Nichts blieb uns weiter übrig, als diesem die Wahl mit der stillen Hoffnung zu überlassen, daß nicht nur das Gute von oben, wie es in der »Glocke« von Schiller heißt, sondern auch von unten aus der Küche kommen möge. Zuerst wurde uns eine Tasse Tee serviert, nach wenigen Minuten kam die Suppe zum Vorschein und nun folgten verschiedene Sorten von Fettspeisen, worunter Speck die Hauptrolle spielte, ferner gebratene Fische von zwei, drei verschiedenen Arten, Hummer, Muschel, Geflügel, Lammfleisch, fast alles mit Öl und Fett zubereitet, Fadennudeln, Gemüse und, was unter anderm auffiel, Schwalbennester, Haifischflossen, Walfischbart u. a. m. – alles Erzeugnisse, die zu den Delikatessen der Chinesen gehören. Zum Schluß gab es wiederum Suppe und dann gekochten Reis, Gebäck, Früchte u. s. w. Diese Speisen werden in einer großen Schüssel mitten auf die Tafel gestellt und jeder nimmt sich selbst daraus auf das eigene Tellerchen, das bei jedem Gange von dem Servierkellner gewechselt wird.