Eine Eigentümlichkeit von Shanghai sind die verschiedenartigen Polizisten, die aus Engländern, Franzosen, Amerikanern, Chinesen und Indern bestehen. Die indischen Polizisten gewähren einen schönen Anblick; sie zeichnen sich durch ihre stattliche Gestalt aus, sind groß, kräftig, ganz braun, tragen einen schwarzen Vollbart, sind europäisch gekleidet und gehen mit einem Knüttel in der Hand gravitätisch die Straße einher. Was den Reiz dieser Erscheinung noch erhöht, ist der ungeheuer große Turban. Selbst der kleinste von ihnen scheint zwei Meter groß zu sein – wahrlich, herkulische Gestalten! Ihr muskulöses Aussehen verleitet zu der Annahme, daß sie ganz geeignet seien, einen Löwen zu bändigen, daß sie also spielend mit einem Verbrecher fertig würden. Aber wie ich höre, soll dies in Wirklichkeit nicht der Fall sein, denn so ein Herkules soll feige sein und Reißaus nehmen, wenn ihm etwas Ernstes in den Weg tritt. Was ihre Verstandeskräfte anlangt, so sollen sie auch leider würdige Sprößlinge ihres Stammes sein, denn wenn ihnen irgendwie schwierige Aufgaben gestellt werden, so wissen sie sich keinen Rat. Zwar können sie unterscheiden, was schön und häßlich, was gut und schlecht ist, wenn sie es mit eigenen Augen angeschaut haben, darüber hinaus geht jedoch ihre Urteilskraft nicht. Ihr langzöpfiger Kollege, der chinesische Polizist, scheint in manchen Stücken geschickter zu sein, obwohl er nicht so gut aussieht. Kurz, der indische Polizist ist mehr zum Paradieren da. Einen guten Zug hat er aber außerdem doch, und das ist seine Unparteilichkeit. Die weißen Polizisten sind, wie man sagt, nur zu leicht geneigt, in strittigen Fällen die Partei ihrer engeren Landsleute zu ergreifen; das tut aber der indische Polizist nicht, sondern hält sich in lobender Weise neutral.

Wie im Fluge war die Zeit dahin geschwunden und darüber war es Abend geworden. Unsere Absicht, noch die Altstadt zu besichtigen, wurde leider durch einen starken Regen vereitelt, deshalb traten wir die Rückfahrt nach dem »König Albert« an, den wir erst spät in der Nacht erreichten. Aber wir alle fühlten uns von dem Verlauf des Tages durchaus befriedigt, so daß ihn jeder von uns in seinem Tagebuch als einen genußreichen aufzeichnen konnte.

V.
Hongkong.

Die Hitze, die wir bisher in der frischen Seeluft nicht gespürt hatten, machte sich schon recht bemerkbar, als unser stolzer »König Albert« am 16. April vormittags in den Hafen von Hongkong eindampfte. Hongkong, d. h. der »duftende Hafen«, liegt südöstlich von Kanton hart an der Grenze der tropischen Zone und ist eine kleine Insel von kaum 15 km Länge und 7-8 km Breite, welche durch einen schmalen Meeresarm vom Festlande, der Halbinsel Kowloon, getrennt wird. Sie ist seit dem Frieden von Nankin im Jahre 1842 an die Engländer abgetreten worden und bedeutet jetzt eine Perle der britischen Kolonieen. Die Bewohner, ca. 300 000, sind meist Chinesen neben etlichen tausend Indiern; unter den Europäern, deren Anzahl nur ein Dreißigstel der Gesamtbevölkerung ausmacht, sind die Portugiesen am meisten vertreten, ihnen folgen die Engländer mit ein paar tausend Mann Garnison. An der Nordküste der Insel liegt die Stadt Viktoria, die amphitheatralisch angelegt ist und im Schmuck ihrer hell leuchtenden Häuser und grünen Bäume, namentlich vom Meer aus, einen herrlichen Anblick gewährt. Was aber die Augen des Reisenden am meisten anzieht, ist das Treiben im Hafen.

Hongkong (Hafen und Europäisches Viertel).

Fahrzeuge aller Art und aller Nationen erblickt man dort: mächtige Kriegsschiffe, insbesondere britische, welche dem chinesischen Geschwader angehören, große und kleine Postdampfer, schwerbeladene Handelsschiffe, zahllose Dschunken, Boote u. s. w. Hier läuft ein Schiff ein, dort sticht ein anderes in See, in dicken Säulen steigt der Rauch aus den Schornsteinen empor, überall ein Tuten, Pfeifen, Rasseln, Klirren, daß einem von all dem Geräusch fast die Sinne benommen werden. Und wie es im Hafen von Menschen wimmelt! Schwere Kisten werden auf- und abgeladen, Fässer werden gerollt, Ballen gewälzt, Gepäck geschleppt, Karren mit Pferden fahren hin und her, Lastträger mit Tonnen drängen sich ächzend durch die Menge – kurz, alles ist in regster Bewegung. Daß Hongkong als Handelsplatz und als Seehafen des Weltverkehrs an der ganzen ostasiatischen Küste tatsächlich eine große Rolle spielt, ist schon daraus ersichtlich, daß fast alle Handelsstaaten hier Konsulate haben; Tee, Seide, Opium, Zucker, Öl, Salz, Baumwolle, Elfenbein, Nahrungsmittel der verschiedensten Art sind die wesentlichsten Gegenstände des Handels.

Der reiche Mitsui, der auch hier seine Firma besitzt, holte uns mit seinem Dampfboot ab, und unter der sicheren Führung eines seiner Beamten betraten wir nun die Stadt. Wir besuchten zuerst Queen's Road, die schönste und belebteste Straße. An beiden Seiten reihen sich chinesische und europäische Verkaufsläden in buntem Gemisch aneinander; das Stadthaus, das Theater, mehrere Banken, Konsulatsgebäude u. s. w. befinden sich hier. Die nicht eben hohen, aber doch stattlich aussehenden Gebäude sind meist in europäischem Stil aufgeführt. Die Straßen sind ziemlich sauber, aber leider ein bißchen eng, was jedoch die Lebendigkeit des Straßenlebens bedeutend erhöht. Zum Fahren dienen zierliche Rollstühle, auch den Chinesen eigentümliche Tragsessel werden viel gebraucht; Equipagen und Droschken sieht man verhältnismäßig wenig, da die bergige Lage und die enge unregelmäßige Straße es nicht erlauben. Das Straßenleben hat mit seiner buntdurcheinandergewürfelten Bevölkerung große Ähnlichkeit mit jenem Shanghais.