Straße in Singapore.

Verkaufsstand in Singapore.

Und nun die Straße selbst, welch ein Blick nach oben und überallhin! Über sie hinweg hatte man in ihrer ganzen Länge und Breite aus roten und weißen Tüchern eine sie überwölbende Decke ausgespannt, sodaß gleichsam eine ungeheure lange farbige Festhalle gebildet war, die im Widerschein von tausenden bunter Lichter erglänzte und prangte. Zu beiden Seiten zog sich eine Menge von Schaugerüsten hin, deren Wände und Geländer man mit prächtigen Teppichen ausgelegt hatte. Lustige Stücke wurden auf den einen aufgeführt, auf anderen sahen feiertäglich geputzte Leute dem vorbeiflutenden Menschenstrome zu und dort waren allerlei Gegenstände zur Schau und zum Verkauf gestellt. Die Menschenmenge, die hier zusammenfloß, war in der Tat bunt genug. Alle Völker Asiens schienen sich hier ein Stelldichein gegeben zu haben: Chinesen, Javaner, Eurasier u. a. m. Besonders fielen mir die Tamulen und Malayen wegen ihrer farbigen Tracht in die Augen. Grelle Tücher hatten sie um ihren Leib geschlungen, trugen aber sonst kein Kleidungsstück, sodaß sie halbnackt in dem Menschengewirr dahinschritten.

Bald waren wir mitten im Gewühl, aus allen Nebenstraßen und Gäßchen strömte neuer Zufluß in die Hauptader, sodaß binnen kurzer Zeit das Gedränge geradezu lebensgefährlich wurde. Ein Zurück gab es nicht mehr; wohl oder übel mußten wir uns dem Strome überlassen. Wir kamen aber doch dabei auf unsere Kosten, da wir reichliche Gelegenheit fanden, das Volk in seinem Vergnügen und in seiner Festtagsstimmung zu beobachten. Arg genug ging es allerdings dabei her. Hüben und drüben ein ohrenzerreißender Lärm! Hier staute sich die Menge vor einer Bude, in der komische Tänze aufgeführt wurden, dort umgab sie in dichtem Knäuel ein Brettergerüst, auf dem eine bunt ausgeputzte Musikbande ihre betäubenden Klänge ertönen ließ, und an anderen Stellen geberdete sie sich derart toll, daß es uns schließlich nicht übelzunehmen war, wenn wir so schnell als möglich aus diesem Treiben herauszukommen suchten. Das gelang uns denn auch, wenn auch erst nach vieler Mühe. Aber wohin gerieten wir?! Fast möchte ich sagen: vom Regen in die Traufe. Wir bogen in eine Gasse ein und wurden nur zu bald inne, daß wir uns in anrüchiger Gegend befanden. Sperrangelweit standen Tür und Fenster der Häuser offen, und in allen Sprachen der Welt riefen aufgedonnerte und geschminkte Mädchen die Vorbeigehenden an und suchten sie zum Nähertreten zu bewegen. Leider, leider sah ich auch unter diesen elenden Geschöpfen Kinder unseres Volkes, und so angenehm uns sonst der Anblick einer Landsmännin ist, hier ward er zur wehen Qual. Ich erkundigte mich nach vielen Einzelheiten dieser häßlichen Einrichtung und stellte vor allem die Frage, woher es käme, daß Zugehörige unseres Reiches in diesen von der Heimat so fernen Stätten des Lasters zu finden seien, und erhielt darauf die bittere Antwort, daß diese Geschöpfe zum großen Teil auf dem Wege des abscheulichen Mädchenhandels in diesen Sumpf gelangten. Oft zögen sie aus dem Vaterland in gutem Glauben fort, in der Fremde bessere und zwar durchaus anständige Stellen zu erhalten. Werden sie dann eines Tages gewahr, wo sie sich befinden, so ist es gewöhnlich schon zu spät, um dem sicheren Verderben zu entgehen. Was die Nationalität anlangt, sollen hier leider unsere Landeskinder am meisten vertreten sein, wieweit das zutrifft, weiß ich nicht; ich habe aber bei oberflächlicher Betrachtung gesehen, daß so ziemlich alle mir bekannten Völker Prostitutionsmaterial stellen. Auch waren alle Altersstufen vertreten – von 13jährigen Mädchen bis hinauf zu 50jährigen Alten.

So hatte denn leider unsere so heitere Festesstimmung einen häßlichen Nachgeschmack bekommen; wir hatten zu nichts mehr rechte Lust und strebten dem Hafen zu.

Auf dem Rückweg entdeckten wir ein japanisches Restaurant, wie man uns sagte, das einzige in Singapore. Es gehört einem Japaner, der es in Gemeinschaft mit seiner, gleichfalls aus Japan gebürtigen Frau leitet, und gut leitet, wie uns die kurze Einkehr, die wir dort hielten, aufs beste bewies. Wir tranken ein paar Flaschen Bier, unterhielten uns mit den erfreuten Wirtsleuten in unserer Muttersprache und brachen dann zu unserm Schiffe auf. An Bord angelangt, bemerkte einer von uns, daß ihm sein Portemonnaie abhanden gekommen war, unwillkürlich faßten wir alle in unsere Taschen – und siehe da, auch ein zweiter unserer Kameraden hatte einen Verlust zu beklagen, er vermißte seine wertvolle Zigarrentasche. Offenbar waren beide Freunde im Gedränge das Opfer geschickter Taschendiebe geworden.