Jinrikisha in Singapore.
Am nächsten Morgen gingen wir wieder an Land, um den berühmten »Botanischen Garten« von Singapore zu besichtigen. Er liegt jenseits der Stadt und zwar in ziemlicher Entfernung von ihr. Auf dem Wege dorthin sprachen wir in der Niederlage des reichen japanischen Kaufmannes Mitsui vor, den ich bereits in meinen Reiseschilderungen über Hongkong erwähnte. Sein Vertreter, Herr N., der uns von früher her befreundet war, bot sich uns als Führer an und stellte uns seine Geschäftskutsche zur Verfügung; leider aber war sie nicht groß genug, um uns alle aufzunehmen. Wir sahen uns daher nach Mietsdroschken um, wohin wir aber auch blickten, nirgends war eine aufzutreiben, sie waren längst bei dem gesteigerten Verkehr dieser Festtage mit Beschlag belegt. Wir mußten also etwas anderes ausfindig machen und mieteten mit Mühe und Not endlich ein paar Rollstühle, setzten uns hinein, und heidi, ging es dem Botanischen Garten zu. Schon waren wir eine Strecke gefahren, da stellte sich ein neues Hindernis uns entgegen, diesmal in Gestalt von Schutzleuten, die uns verboten, weiterzufahren, denn in kürzester Zeit sollte Seine Hoheit vorbeikommen. Wir mußten uns also in das Unvermeidliche fügen, stiegen aus, und nun verlangten die Kulis, obwohl wir nur einen kleinen Teil der Strecke zurückgelegt hatten, den Betrag für die ganze Fahrt. Aus Furcht vor einer Szene, wie wir sie bereits früher erlebt, wollten wir schon zahlen, als unser mit den dortigen Verhältnissen genau vertrauter Herr N. uns zu Hilfe kam. Seinen Geldbeutel ziehend und eine Hand voll Münzen unter die Kulis werfend, war eins. Gierig stürzten die Leute darüber her, wir aber wollten uns dabei aus dem Staube machen, was uns jedoch nicht gelang, denn die Kerle kamen uns nach und erhoben von neuem ihr Geschrei. Da aber machte Herr N. kurzen Prozeß, nahm seinen Stock und teilte einige so tüchtige Hiebe aus, daß das Gesindel endlich zurückblieb. Eine Weile gingen wir nun zu Fuß und sahen uns das Treiben näher an. Auf beiden Seiten der Straße bildete das Volk dicht gedrängt Spalier, lange Schutzmannsketten standen davor, und den Damm hinunter fuhr in stetem Hin und Her die offizielle Welt: Equipagen mit Beamten in großer Uniform, Offiziere mit Orden und Bändern, festlich gekleidete Damen u. s. w. Die drückende Hitze machte das Gehen bald unerträglich, wir nahmen daher von neuem ein paar Rollstühle, erlebten aber damit nur eine zweite Auflage unseres Reinfalls. Denn bald riefen die Schutzleute wieder: >Halt! Aussteigen!< – und das Feilschen um das Fahrgeld mit den Kulis begann wieder. So erging es uns noch ein paar Mal, bis wir uns trotz der großen Hitze entschlossen, den Botanischen Garten zu Fuß zu erreichen. Und das Ziel war noch stundenlang entfernt! Die Sonne brannte senkrecht auf unsere Scheitel, der alle Glut förmlich aufsaugende Boden blendete den Blick, der bei jedem Schritt hochaufwirbelnde aschenartige Staub vollendete die Höllenqual. Zwar standen auf beiden Seiten der Straße Palmen und andere tropische Gewächse, sie halfen aber gegen diese Backofenhitze so gut wie garnichts. In Schweiß gebadet, die Kleidung von demselben durchtränkt bei 45 Grad Celsius, kann man sich vorstellen, in welcher Verfassung wir uns befanden. Uns wollten fast die Sinne schwinden, so standen wir eine Weile still. Da mit einem Male hieß es: >Der Prinz von Wales kommt!< Und wirklich, er kam in prächtigem Aufzuge angefahren, in schöner Kutsche und umgeben von glänzendem Gefolge. Und dies Gefolge trug zumeist große Uniform. In dieser Hitze schwere, goldgestickte Uniformen! Was mögen die Armen gelitten haben, wo uns, die wir doch leicht gekleidet waren, der Schweiß wie Wasser vom Körper rann!
Wir ließen den Zug vorüber und machten uns wieder auf den Weg. Wir waren ungefähr eine Stunde fortgeschritten und vor Mattigkeit und Abspannung mehr tot als lebendig, als uns eine leere Droschke entgegenkam. Das belebte unsere Sinne. Wir stürzten uns auf den Rosselenker und wurden auch nach vieler Mühe mit ihm handelseinig. Endlich stiegen wir ein und fuhren nun noch anderthalb Stunden in der brennenden Sonne dahin, bis wir ans Ziel gelangten und mit unseren Freunden, die Dank der Umsicht des Herrn N. alle Beschwerlichkeiten der Straßenabsperrung geschickt umgangen hatten, wieder zusammentrafen.
Kokospalme.
Von dem seinen großen Ruf durchaus rechtfertigenden Botanischen Garten, der viele tropische Pflanzen enthält, kann ich nichts Besonderes mitteilen. Ich bin ja kein Fachmann, und das geringe, was ich zu sagen hätte, dürfte zur Genüge bekannt sein. Man weiß hinlänglich, daß sich die Flora in den tropischen Ländern durch Schönheit, üppige Fülle und Artenreichtum auszeichnet. Das eine nur möchte ich erwähnen, daß hier neben den Pflanzen des indischen Kontinents auch die des indischen Archipels zahlreich vertreten sind; namentlich fielen mir die vielen Arten von Palmen und tropischen Fruchtbäumen auf. Einer von den Aufsehern, ein sehr liebenswürdiger Mann, führte uns herum; für ein Trinkgeld nicht unempfänglich, ließ er es bei der bloßen Führung nicht bewenden, sondern gab uns auch dankenswerte Erläuterungen an der Hand von Experimenten. So pflückte er eine Mangofrucht ab, hackte sie mit seinem Knüttel in Stücke und erklärte uns die Frucht näher. Sie war noch nicht reif, sah noch ganz grün aus und enthielt einen starken ätzenden Saft, dessen bloße Berührung gefährlich war. Der Aufseher überreichte mir auch einen kleinen Zweig von schönen tropischen Blumen, die ich mit aufs Schiff nahm und später in gepreßtem Zustande nach Hause an meine Kinder schickte. – Im Garten sahen wir auch Zwinger, worin sich wilde Tiere, z. B. Tiger, Riesenschlangen, Orang Utang u. a. m., befanden.
Der Stolz des Botanischen Gartens ist aber die einzig in ihrer Art dastehende Sammlung von Orchideen. Hunderte von seltenen Exemplaren sind in ihr vereinigt, und der Gesamteindruck, den diese wunderbare Farbenpracht auf das Auge macht, ist überwältigend schön. Unser Reisegefährte, Herr Professor Takahashi, der sich hier als Botaniker von Fach ganz in seinem Element befand, klärte uns über den hohen Wert dieser Sammlung auf; in Japan, meinte er, wäre derartiges nicht heranzuziehen und zu erhalten, weil unser Klima diesen Pflanzen unzuträglich ist. Damit stand denn auch das in Einklang, was Herr N. erzählte. »Aus Japan,« so berichtete er, »kommen oft Bestellungen auf Orchideen. Namentlich hat es sich der bekannte Politiker und Parteiführer Graf Okuma, der auch als Gartenfreund und Pflanzenzüchter einen großen Namen hat, angelegen sein lassen, diese Pflanzen in unserer Heimat einzubürgern, bisher aber leider mit nur geringem Erfolg. In den weitaus meisten Fällen überdauern sie trotz sorgfältigster Pflege nicht einmal den Transport und kommen welk am Bestimmungsort an.«
Etwa zwei Stunden brachten wir im Botanischen Garten zu, ruhten unter dem schattigen Dach der Palmen, der Mangos, der Bananen und Ananas eine Weile aus und fuhren gegen Abend wieder in die Stadt zurück, wo wir samt und sonders im größten Hôtel »Raffles« einkehrten. Die Nacht war schon längst hereingebrochen, als wir unsern »König Albert« wieder erreichten. Am nächsten Morgen fuhren wir dann ab.
Einer von unserer japanischen Kolonie, Herr Professor Tanaka, blieb in Singapore zurück. Als Berufsbotaniker wollte er auf kurze Zeit nach Batavia fahren, um den dortigen Botanischen Garten, der jenen Singapores noch übertreffen soll, zu besichtigen.