Cisternen von Aden.
Von den Passagieren begaben sich nur wenige an Land; auch wir zogen es vor, an Bord zu bleiben. Von einigen der ersteren hörten wir später, daß wirklich nichts Sehenswürdiges auf dem Felsblock zu finden sei, es gäbe dort nur einige Kohlenmagazine, Werften und Faktoreien. Das einzige, das ihr Interesse erregt hätte, seien die Wasserbehälter. Man hat nämlich, da es sehr schwer ist, auf dem Felsen Brunnenbauten vorzunehmen – es soll allerdings ca. fünfzig Brunnen geben, die sehr tief in den Fels eingehauen sind – mehrere große Wasserreservoirs angelegt, um das vom Gebirge herabströmende Regenwasser aufzufangen. Dies wird dann durch Röhrenleitungen an die Verbrauchsstelle befördert und somit ist dem großen Übelstand, dem Mangel an Trinkwasser, hinreichend Abhilfe getan. Der Regen tritt hier zwar nicht sehr oft auf, jedoch wenn er kommt, fällt er in ungeheuren Mengen und großen Tropfen nieder.
Wenngleich hier keine Landesprodukte gewonnen werden und demgemäß von Handel überhaupt kaum gesprochen werden kann, so ist diese Stadt doch wegen ihrer günstigen Lage von altersher kein unwichtiger Punkt gewesen. Aber erst in neuerer Zeit, seitdem die Engländer sie durch Gewalt in ihre Hände gebracht und den ohnehin von der Natur zu einer uneinnehmbaren Feste geschaffenen Fels noch stärker befestigt und die Stadt zum Freihafen erklärt haben, ist sie sowohl in kommerzieller als auch in politischer Hinsicht von großer Bedeutung geworden. Sie bildet jetzt für England ein Bindeglied mit Ostasien und Ostafrika. Seit der Eröffnung des Suezkanals hat sie noch mehr an Bedeutung gewonnen. Der ungeheure Bedarf an Steinkohlen für die hier passierenden Schiffe wird allein von dieser Stadt gedeckt. So beherrscht jetzt England durch Aden die Einfahrt vom Indischen Ozean in das Rote und hiermit in das Mittelländische Meer, wie es durch Gibraltar die Einfahrt vom Atlantischen Ozean in das Mittelländische Meer beherrscht. Mit Recht nennt man daher Aden das Gibraltar des Orients.
Vor Aden.
Unter den Bewohnern – überwiegend mohamedanische Hindus – herrschen sehr viele ansteckende Krankheiten, weshalb man uns vorher schon davor gewarnt hatte, von den an Bord kommenden Kaufleuten Zigarren, Kuchen u. dergl. zu kaufen. Selbst durch diese sollen, wie ich hörte, Krankheitskeime verbreitet werden; inwieweit hier eine Ansteckungsgefahr vorliegt, kann ich aber nicht beurteilen. Jedenfalls hatten die in Aden ansässigen Hindus und Araber, die an Bord kamen, zum Teil ein schrecklich elendes Aussehen; nicht wenige waren mit Narben, Beulen und Geschwüren behaftet, so daß wir den größten Ekel vor ihnen empfanden und schon aus diesem Grunde auf die von ihnen angebotenen Waren verzichteten. Drollig war es, die dunkelhäutigen Knaben zu beobachten, die in winzigen Kähnen unser Schiff umkreisten und nach Silbermünzen im Wasser tauchten. An diesem nicht gerade sehr genußreichen Ort hielt sich unser Schiff Gott sei Dank nur etwa fünf bis sechs Stunden auf; die Abfahrt in das Rote Meer erfolgte den 5. Mai mittags.
Ich muß hier bemerken, daß ich in Aden einen Brief von meinem lieben Freunde, Herrn Professor Jamaguchi, aus Leipzig erhielt. Er war ein halbes Jahr vor mir nach Deutschland abgereist und hatte öfters über seine Reise Interessantes nach Japan berichtet, auch hatte er mir für meine Reiseausrüstung verschiedene Winke gegeben, aus denen ich viel praktischen Nutzen gezogen habe. Ebenso hatte er mir in betreff der Reise und der während der Fahrt zu besichtigenden Städte und Sehenswürdigkeiten vieles geschrieben, was mir sehr nützlich geworden ist, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Der Brief war vom 17. April datiert und der erste, den ich während meiner Fahrt erhielt. Wie groß meine Freude über denselben war, kann man sich leicht denken. Als mein Stubensteward ihn mir auf einem Tablett in die Kajüte brachte, streckte ich schnell meine Hand nach ihm aus, erbrach ihn in Hast und verschlang förmlich seinen Inhalt, welcher im wesentlichen folgender war:
»Deinen letzten Brief vom 10. März habe ich richtig erhalten. Ich ersehe daraus, daß Du am 6. April von Japan abgefahren bist und freue mich ungemein, daß uns endlich ein fröhliches Wiedersehen in nicht allzulanger Zeit vergönnt ist. Diesen Brief schicke ich Dir durch den deutschen Postdampfer »Sachsen« nach Aden, adressiert an Dich an Bord des »König Albert«. Du wirst wohl Langeweile auf dem Indischen Ozean gehabt haben, ebenso wie ich. Hoffentlich ist die Fahrt eine ruhige gewesen und Dir nichts passiert. Wir hatten eine schwere Überfahrt, denn schon in der Nähe von Hongkong war das Meer sehr bewegt. Ein Gewitter mit Sturm und Regen hatte sich erhoben, sodaß der Tisch beim Essen einen Holzrahmen erhalten mußte, um durch diesen das Herunterfallen der Teller zu verhüten. Sonst ging mir's auf dem Meere gut. In Aden wirst Du wohl nicht lange bleiben; auch ich hatte dort keine Zeit, an Land zu gehen. Von Aden wirst Du am Babelmandeb vorbei ins Rote Meer hineinfahren; da werden die Wogen höher gehen und das Schiff stark hin und her werfen, doch was können sie einem Schiffe wie »König Albert« anhaben? Im Roten Meere wirst Du Schwärme von Delphinen und Springfischen bewundern können. Jene wälzen sich wie dicke Fleischklumpen auf dem Wasser, während diese wie weiße Pfeile darüber hinschnellen. Am 8. Mai etwa wirst Du in Suez ankommen. Dieser Hafen ist, wie Du wohl weißt, der Eingang nach Europa. Als ich in Suez anlangte, kamen zwei Ärzte an Bord, darunter eine Dame, die von den Passagieren mit unverhohlenem Interesse betrachtet wurde. Sämtliche Passagiere ohne Ausnahme mußten sich einer Untersuchung unterziehen.
»Nun will ich Dir mitteilen, wie ich und meine Landsleute uns hier eingerichtet haben. Ich hatte mich, wie ich Dir schon schrieb, seit November vorigen Jahres in Berlin niedergelassen. Da ich aber dem Leben in einer Großstadt die Stille und Ruhe vorziehe, war ich bald nach Eberswalde übergesiedelt, einem von schönen Wäldern umrahmten Ort, der von Berlin per Bahn in 45 Minuten zu erreichen ist. Jede Woche fuhr ich viermal nach Berlin, um Colleg zu hören. Im Februar dieses Jahres jedoch erhielt ich das Verzeichnis aller deutschen Universitäten und ersah daraus, daß die Universität Leipzig Berlin an Lehrkräften – besonders was meine Fächer anbetrifft – überflügelt, und so habe ich mich nach vorangegangener Einholung der Erlaubnis unseres Kultusministeriums in Leipzig niedergelassen. Wie ich aus Deinem Briefe ersehen habe, willst Du vorläufig in Berlin bleiben und dort die Lehranstalten besichtigen. Ich möchte Dir aber hiermit gleich im voraus mitteilen, daß diese Besichtigung mit manchen Schwierigkeiten verknüpft ist. Du mußt nämlich bei dem Kaiserlich Japanischen Gesandten in Berlin ein Schreiben einreichen, mit Angabe der zu besichtigenden Schulen und der Bitte um einen Erlaubnisschein. Dieses Schreiben wird von unserm Gesandten an den preußischen Minister des Äußern gesandt und von diesem zum Kultusminister. Die Genehmigung wird von diesem durch ein Dokument erteilt, welches wieder denselben Weg rückwärts macht, um in Deine Hände zu gelangen. Dieses umständliche Verfahren nimmt mehrere Wochen in Anspruch; bei mir hat es sogar acht Wochen gedauert. Ich konnte diese allzulange Zeit nicht abwarten und bat daher direkt den Kultusminister um Erlaubnis, erhielt jedoch die Antwort, daß ich den vorgeschriebenen Weg durch die Gesandtschaft innehalten müsse. Wenn Du also die Schulen in Preußen besichtigen willst, so schlage diesen vorgezeichneten Weg gleich nach Deiner Ankunft in Berlin ein. Die Zwischenzeit kannst Du der Besichtigung der Sehenswürdigkeiten Berlins widmen oder bei mir in Sachsen zubringen. In Sachsen ist der Besuch der Schulen ebenso wie in Bayern und Österreich ohne weitere Umstände gestattet.