»Was die Universitäten anbetrifft, so ist meiner Ansicht nach die hiesige auch für Dich viel geeigneter. Die uns interessierenden Fächer sind hier besser vertreten und die Einrichtung des hiesigen Seminars scheint mir den Vorzug zu verdienen. Auch hat Leipzig eine Handelsakademie und spielt überhaupt als Industriestadt und als Zentrale des Buchhandels eine große Rolle. Das Studium der fremden Sprachen wird hier sehr eifrig betrieben und Du kannst hier auch auf diesem Gebiet Deinen Erfahrungskreis vergrößern. Komm also doch zu mir herüber nach Leipzig!
»Herrn Legationskanzler Ro, Deinen alten Bekannten aus Deiner Schule, habe ich gebeten, daß er sich für Dich, sobald Du in Berlin angekommen bist, um Wohnung u. s. w. bemühen und Dir mit Rat und Tat zur Seite stehen möchte. Von Genua, wo Du Dein Schiff verlassen wirst, depeschiere doch gleich an ihn; er wird Dich dann in Berlin auf dem Anhalter Bahnhof erwarten und abholen. Alles andere findet sich dann von selbst und Du kannst Dich getrost seiner Führung überlassen.
»Nun zum Schluß habe ich Dir noch etwas recht Trauriges mitzuteilen, nämlich, daß unser verehrungswürdiger Freund, Herr Professor Tachibana, am 23. März von Berlin nach Japan abgereist ist, leider aber wegen Krankheit. Er hat sich nämlich im Dezember vorigen Jahres eine Erkältung zugezogen und seitdem fieberte er sehr stark. Es stellte sich heraus, daß er an Lungenschwindsucht leidet, und da gerade zwei Landsleute, beide Ärzte, nach Japan zurückkehrten, so schloß er sich diesen an und schiffte sich mit ihnen in Antwerpen auf einem japanischen Dampfer ein. Diesem Dampfer »Hitachimaru« wirst Du wohl in Colombo oder in der Nähe davon auf dem Meere begegnet sein. Was Professor Tachibana in England, Frankreich, Deutschland und Österreich besichtigt hat, habe ich in seinem Auftrage für Dich notiert und werde es Dir später mitteilen.
»Herr Professor Haga hat sich seit Anfang April ebenfalls eine starke Erkältung zugezogen; wir wollen wünschen, daß es nur etwas Vorübergehendes ist. Herrn Professor Fujishiro geht es sehr gut.
»In Leipzig sind augenblicklich viele Deiner Freunde zu Studienzwecken anwesend; das Leben ist hier wirklich sehr interessant. Den nächsten Brief von mir wirst Du wohl in Suez oder Port Said erhalten.«
Die Freude über diesen Brief war groß, nur barg er einen Wermutstropfen in sich: die Nachricht von der schlimmen Erkrankung meines teuren Freundes und Kollegen Tachibana. Es war zwischen uns ausgemacht worden, daß er mich in Deutschland erwarten sollte, um von mir gewissermaßen abgelöst zu werden. Diese Nachricht war daher eine große Enttäuschung und ein harter Schlag für mich. Eine dunkle Ahnung stieg in mir auf, daß wir uns vielleicht nicht mehr wiedersehen würden. Hätte ich doch in Colombo oder auf dem Meere auf einen japanischen Dampfer geachtet, ich hätte ihn dann vielleicht noch sehen oder sprechen können! Ich hegte damals den innigen Wunsch, daß Gott ihm seine Gesundheit wiedergeben möchte, auf daß er, von der Fahrt gekräftigt, seine Lieben in der Heimat umarmen könnte, ein Wunsch, der, wie ich später erfuhr, leider nicht in Erfüllung gehen sollte.