Das Rote Meer! Der Name schon hatte uns ein Grauen eingeflößt, und mit seltsamen Erwartungen waren wir dieser unheimlichen Fahrt entgegengegangen. Man hatte uns nämlich gesagt, daß die Hitze hier außerordentlich groß sei, daß das Wasser dieses Meeres in den Wintermonaten über 26° C. habe und daß in der heißesten Periode die Temperatur des Meeres und der Luft die Blutwärme übersteige, sodaß die Postdampfer zur Umkehr genötigt seien u. s. w. u. s. w., alles Nachrichten, die unserm Ohr nicht gerade angenehm klangen. Ich hatte anfangs geglaubt, daß die Hitze hier nicht größer als in Penang und Singapore sein könnte, zumal das Meer viel weiter vom Äquator entfernt ist. Da es aber in der Mitte der beiden Feuerbecken, der arabischen und der afrikanischen Wüste liegt, so scheint die Entfernung vom Äquator keine besondere Rolle zu spielen. Wir waren also auf einen harten Kampf mit nassen wie mit sengenden Elementen gefaßt und fuhren beklommenen Mutes durch die breite Meerenge des Babelmandeb oder des Tores der Tränen – »O, sie führt ihren Namen mit Recht,« dachten wir bei unserer jetzigen Stimmung – in das Rote Meer hinein.

Wir konnten daher von Glück sagen, daß wir während der ganzen Fahrt, die volle vier Tage in Anspruch nahm, immer schönes Wetter hatten, daß das Meer infolgedessen so ruhig und spiegelglatt war, wie es nur selten der Fall sein soll. Die so sehr gefürchtete Hitze war auch erträglicher als sonst und lange nicht so schlimm, wie man vermutet hatte. Zuerst passierten wir einige Felseninseln, welche einen schönen Anblick darboten und eine angenehme Abwechselung auf der eintönigen Wasserfahrt bildeten. Sonst gab es nichts besonders Erwähnenswertes; es war immer die alte Langeweile und die gewohnte Tagesordnung: essen, trinken, Mittagsschläfchen halten, auf dem Deck auf- und niedergehen, der Wellenbewegung zusehen und ins Meer hinausschauen, plaudern, gähnen u. s. w. Eine von den Unterhaltungen möchte ich hier anführen, die sich von den mancherlei unsinnigen und albernen vorteilhaft unterschied, nämlich die Frage, woher der Name des »roten« Meeres stamme. Einige meinten in dem Worte »rot« die Bedeutung des Unheimlichen, drückend Heißen zu finden; andere suchten den Namen historisch zu erklären, indem sie sagten, die mit Blut getränkten Krieger der Pharaonen hätten sich hier gebadet, sodaß das ganze Meer davon rot geworden sei; wieder andere meinten, daß das Wasser des Meeres von dem rötlichen heißen Sande der Ufer eine rötliche Färbung erhalte und daß der Name daher stamme. Wie uns aber von den vielgereisten Schiffsoffizieren mitgeteilt wurde, hat das Meer selbst eine sehr reine blaue Farbe, die aber des salzreichen Küstenwassers wegen bei tiefem Stand der Sonne gelbrot erschiene. Überdies sollen hier auch die aus rötlichen Fäden bestehenden Algen so massenhaft auftreten, daß sie oft die oberen Schichten des Wassers bedecken und zur Ebbezeit als schleimige blutrote Masse am Ufer einen breiten roten Saum bilden. Wir alle stimmten dieser Auslegung als der wahrscheinlichsten bei – vielleicht könnte in der Tat das Meer davon seinen Namen erhalten haben.

Um die Langeweile zu vertreiben, wurde während der Fahrt ein großes Tanzvergnügen veranstaltet. Zu diesem Zweck wurde das Promenadendeck mit Fahnen aller Nationen ausgeschmückt und mit bunten elektrischen Lampen schön erleuchtet. Nach dem Abendessen fanden sich alle Herren und Damen in Balltoilette in diesem improvisierten Tanzsaale ein und nach den Klängen der Schiffskapelle wurde bis spät in die Nacht hinein getanzt.

Am 7. Mai, also kurz nach diesem Fest, fand ein anderes statt und zwar ein Wohltätigkeitsfest, dessen Reinertrag für verunglückte Seeleute des >Norddeutschen Lloyd< oder deren Hinterbliebene bestimmt war. Auf jeder Fahrt wird ein solches Fest veranstaltet, und die Einnahmen sollen nicht unbedeutend sein. An diesem Abend wurden von verschiedenen Passagieren, Damen und Herren, Vorträge aller Art gehalten, womit sie die Anwesenden prächtig unterhielten, sodaß beim Einsammeln die freiwilligen Gaben reichlich flossen. Auch dieses Fest währte bis spät in die Nacht hinein und es war schon früher Morgen, als sich die Teilnehmer ermüdet in ihre Kajüten zurückzogen.

Mit der Fahrt auf dem Roten Meer war Gott sei Dank das schlimmste überstanden und wir kamen am 9. Mai vormittags um 3 Uhr wohlbehalten in Suez an, wo gleich mit Anbruch des Tages Ärzte an Bord stiegen, um die Passagiere zu untersuchen; es sollten nämlich während unserer Fahrt in Ostasien Seuchen ausgebrochen sein. Die Untersuchung geschah auf folgende Weise: wir Passagiere mußten uns alle zunächst im Eßsalon versammeln; dann mußten wir, nachdem die Namen einzeln aufgerufen worden waren, an den Ärzten, die sich an einer Seite aufgestellt hatten, vorbeigehen. Soviel ich davon verstehe, hatte diese ganze Besichtigung wenig Wert; denn wie kann ein Arzt durch einen Blick beurteilen, ob jemand ansteckende Krankheitskeime in sich trägt oder nicht. Nur ein Passagier, der ein bißchen blaß aussah und seit einigen Tagen an Dysenterie litt, wurde gefragt, was ihm fehle, sonst niemand. In wenigen Minuten war die ganze Angelegenheit erledigt. Da uns das Landen wegen des kurzen Aufenthaltes nicht gestattet wurde, so konnten wir eine Besichtigung des Ortes nicht vornehmen und mußten uns damit begnügen, von Bord aus Umschau zu halten. Wir blieben bis 11 Uhr hier liegen und setzten um ¼12 Uhr unsere Fahrt durch den Suezkanal fort.

Eingeborenen-Barke vor Suez.

Die Hafenstadt Suez liegt bekanntlich am Ausgang des berühmten Kanals, den der große Franzose Lesseps mit unendlichen Mühen zustande gebracht hat. Der Blick auf diesen Kanal gehört mit zu dem Interessantesten, was wir auf der ganzen Fahrt erlebt haben. Der Kanal ist 160 km lang und durchschneidet den Isthmus von Suez, welcher Afrika mit Asien verbindet, und bringt so die beiden Meere, das Mittelländische und das Rote, in Verbindung. Er ist nach zehnjähriger mühevoller Arbeit im Jahre 1869 eröffnet worden. Seine Breite ist verschieden, an manchen Stellen ist er so schmal, daß unser »König Albert« fast die ganze Breite einnahm; an einigen Stellen jedoch ist er ziemlich breit, besonders an den Ausweichestellen für die sich begegnenden Dampfer. Die Natur, die der Kanal und seine Umgebung bietet, ist wenig rühmenswert, denn an beiden Seiten sieht man nichts als öde Sandwüsten, nur hie und da unterbrochen von Oasen mit ihrem frischen Grün. Einige der Seen, welche durch den Kanal mit einander in Verbindung gesetzt werden und zugleich als Ausweichestellen dienen, gewähren jedoch einen imposanten Anblick, so z. B. der Bittersee, der größte von allen. Ein schlanker Leuchtturm, der sich an dem Ein- und Ausgang dieses Sees befindet, trägt viel zu seiner Verschönerung bei. Im allgemeinen kamen mir die Ansichten des linken Ufers interessanter vor als die des rechten, obgleich man auch nichts weiter als halbverdorrtes Gras und unförmliche Sandhügel zu Gesicht bekam. Doch der menschliche Verstand hat diese heiße Sandwüste zu nützlichen Zwecken zu verwerten gewußt: man hat hier – wie mir erzählt wurde – natürliche Salzsiedereien angelegt. Man gießt nämlich das hier bedeutend salzhaltige Küstenwasser auf den glühend heißen Sand, läßt es verdunsten und gewinnt so auf einfache Weise das Salz. Diese Veranstaltungen konnten wir von Bord aus nicht sehen, aber einige schwerbeladene Kamele mit ihren arabischen Treibern, die wohl zu den Salinen wandern mochten, zeigten uns den Ort und die Stelle an, wo sie lagen. Was der Mensch nicht alles auszunutzen versteht!