XIV.
Genua.
Hafen von Genua.
Die Fahrt zwischen Neapel und Genua war sehr schön, das Meer wie gewöhnlich sehr ruhig. Auf dieser Fahrt habe ich auch die Schönheit des italienischen Himmels bewundern können mit seinem wunderbaren Blau, wie man es nur hier sieht. Am 14. Mai abends ½6 Uhr kamen wir endlich in dem von uns langersehnten Hafen von Genua an. Hier verließen die meisten Passagiere das Schiff, so daß ein beträchtliches Gedränge entstand. Noch größer ward es dadurch, daß jeder Reisende seine Koffer mit sich ans Land nehmen mußte; nachdem auch wir beinahe zwei Stunden gewartet hatten, konnten wir endlich eine Gondel bekommen, in der die ganze japanische Kolonie »König Alberts« Platz nahm, um zum europäischen Festland zu fahren und zum ersten Male den Boden Europas zu betreten. Von unseren Landsleuten blieb Herr Kato an Bord, da er die Absicht hatte, bis nach England weiter zu fahren, wo er mehrere Jahre Studien halber zu verweilen gedenkt. Uns allen ward es schwer, diesen netten Reisegefährten mutterseelenallein an Bord zu lassen; doch wir konnten nicht anders und so reichten wir uns, auf ein fröhliches Wiedersehen hoffend, die Hand zum Abschiede.
Wir wurden nun sogleich zum Zollamt geführt, wo man uns nach den zu verzollenden Sachen fragte. Wir hatten nur unser Handgepäck bei uns, denn die größeren Gepäckstücke waren an Bord geblieben, um die Reise bis Hamburg per Schiff zu machen und von dort nach Berlin weiter befördert zu werden. So wurden wir sehr schnell abgefertigt, denn auf unsere Erklärung hin, daß alles nur Reiseeffekten seien, wurde bloß ein Blick in unsere Koffer getan, und die Zollangelegenheit war somit bald erledigt. Aber nicht bei allen ging es so glatt ab. So wurden bei einem unserer Reisegefährten, der ebenfalls auf die Frage, ob er verzollbare Gegenstände bei sich führe, mit »Nein« geantwortet hatte, Zigarren entdeckt, und die Strafe folgte hier sofort – er mußte als Zoll das Mehrfache dessen erlegen, was die Zigarren gekostet hatten. Wie groß das Gedränge und Gewühl war, das bei der Landung und bei dem Zollamte herrschte, kann man aus nachstehendem Erlebnis ersehen: ein x'scher Professor, ebenfalls ein Reisegefährte von uns, hatte mehrere Monate in Ceylon als Naturforscher geweilt. Die Resultate seines langen Aufenthaltes: photographische Aufnahmen, Sammlungen u. s. w., befanden sich in einem Koffer, den er als ein unschätzbares Gut mit sich führte. Aber in dem großen Gedränge war mit einem Male der große Koffer verschwunden. Der sonst so gemütliche Herr war wie rasend, er bot eine hohe Summe für die Wiedererlangung des verschwundenen Gepäckstücks, doch umsonst. Der Koffer ist, soviel ich weiß, auch während unseres dreitägigen Aufenthaltes in Genua nicht wieder aufgefunden worden. Den Schmerz und Jammer des Gelehrten über diesen unersetzbaren Verlust kann man sich wohl vorstellen.
Wir kehrten im Hôtel de la Ville, einem der größten Hôtels in Genua, ein. Dieses Hôtel soll früher ein Palast gewesen sein, in dem auch Vasco de Gama logiert haben soll. Die Zimmer waren alle sehr groß, sie erschienen uns sogar unheimlich groß, da wir direkt vom Schiff, aus unserer früheren engen Kajütenwohnung, in diese Räume versetzt wurden. Die Decke und Wände waren mit prächtigen Malereien geschmückt, die Säulen von Marmor, über den Betten waren Baldachine angebracht, die größer waren als die Kajüte unseres Schiffes. Der vierzigtägige Aufenthalt in der kleinen Kabine, wo man so eng wohnen mußte, wo man mit den Händen die Decke berühren konnte, war nun vorüber, und uns kam es vor wie ein gepreßter Gummiball, der sich mit einem Male ausdehnen kann, so weit er will. Beim Abendessen ließen wir uns den italienischen Chianti gut schmecken, um mit dem Gedanken, in ein paar Tagen unser Ziel, Berlin, erreichen zu können, in fröhlicher Stimmung zu Bett zu gehen. Im Schlaf wähnten wir noch immer an Bord zu sein, fortwährend glaubte das Ohr das Stampfen der Maschinen und das Plätschern der Wellen zu vernehmen.
Die Stadt Genua besitzt viele Sehenswürdigkeiten, wie das berühmte Campo Santo, den königlichen Palast, den Rigiberg, die Gallerien, Parkanlagen u. s. w., deren Besichtigung aber ziemlich viel Zeit in Anspruch nimmt. Glücklicherweise erwartete uns in Genua ein deutscher Herr, Namens Erdmannsdörffer, der Bruder unseres bereits einmal erwähnten deutschen Reisegefährten. Unter der sicheren Führung dieses Herrn, der sich schon mehrere Jahre in Italien aufhielt und mit den dortigen Verhältnissen vollkommen vertraut war, konnten wir einige der genannten Sehenswürdigkeiten mit Ruhe in Augenschein nehmen. Zuerst besuchten wir das Campo Santo. Es ist wohl der schönste Kirchhof in Europa, sowohl was seine paradiesische Anlage wie die herrlichen Grabdenkmäler betrifft. Diese reihen sich zu mehreren Hunderten in einem viereckig laufenden marmornen Säulengang aneinander und sind fast alle in graziösen Formen aus Marmor gemeißelt. Einige von ihnen gewährten zwar einen grausenerweckenden Anblick, aber im allgemeinen kann man sagen, daß sie auf uns einen ungemein beruhigenden Eindruck machten und in uns ein versöhnendes Gefühl gegenüber dem furchtbaren Tode, dem alle Menschen einmal anheim fallen müssen, wachriefen. Eine dieser Figuren hat mich bis in das innerste Mark erfaßt: am Sarge des geliebten Mannes ein junges Weib und neben ihr ein zartes Knäblein mit langem Lockenhaar. Wie sie den schönen Kopf so wehmütig hängen läßt! Wie sie mit ihrem sanften Auge so tieftraurig auf den Leichnam des Geliebten blickt! Nichts Grelles, nichts Übertriebenes ist in ihren Zügen und doch so grenzenlos der Schmerz, so sprachlos die innere Bewegung!.... Wie man in stiller Andacht zum Grabe eines Freundes tritt, so trat ich vor all diese Grabdenkmäler und mit ähnlichen Gefühlen verließ ich sie. Im Hintergrund des Kirchhofs erhebt sich ein Hügel mit der Aussicht auf das herrliche Panorama der Stadt und auf den Golf von Genua.