Marktplatz in Genua.
Vom Campo Santo fuhren wir mit der Drahtseilbahn den Rigi hinauf, um von oben die großartigste Aussicht über die Stadt Genua mit dem Hafen zu genießen. Die Fahrt bis zur Höhe des Berges dauerte ungefähr 20 Minuten. Die Lage von Genua ist nach der von Neapel, mit der sie eine auffallende Ähnlichkeit hat, gewiß eine der schönsten in Italien. Neapel hat freilich die Inseln und den Vesuv voraus, sonst dürfte Genua ihm wohl den Rang streitig machen. Ein herrliches Amphitheater von übereinanderliegenden Straßen und Berghöhen, liegt die Stadt Genua mit ihren prächtigen Gebäuden vor uns. Dazu die beiden großartigen Hafendämme, welche wie zwei riesige Arme ins Meer hinausgreifen, mit dem berühmten malerischen Leuchtturm an ihren Enden, der frei und stolz wie eine Säule emporragt. Den Hafen füllen alle nur möglichen Arten von Fahrzeugen, die ziemlich regelmäßig nebeneinander gereiht daliegen, in der Mitte eine breite Wasserstraße übrig lassend. Auch die den Hafen umschließende Verteidigungsmauer bemerkt man. Diese hängt mit der von der Landseite die Stadt umgebenden Mauer zusammen, zieht sich bis hinauf zu den Höhen, auf denen wir standen, und bildet ein mächtiges Befestigungswerk, das aber jetzt bloß als Zeuge vergangener Schanzkunst dient. Über die Stadt und den Hafen hinweg schweift das Auge auf das weite blaue Meer, auf dem hie und da weiße Segel oder schwarze Rauchwölkchen bemerkbar sind. Eine herrliche Aussicht, die in der Tat über jede Beschreibung erhaben ist!
Nach kurzem hatten wir die halbe Stadt durchwandert und bald dieses, bald jenes – Paläste, Denkmäler, Parkanlagen, Kirchen u. s. w. – gesehen. An Palästen ist Genua wirklich reich; sie gleichen marmornen Schmuckkästchen mit ihren prunkhaften Vorhallen und Säulenhöfen, die reich mit Bildhauerarbeit verziert sind; die Straßen oder vielmehr Gassen sind meist eng und unscheinbar. An ihren beiden Seiten reihen sich hohe Häuser von 6 bis 8 Stockwerken aneinander, welche zum Teil alt sind und keinen schönen Anblick gewähren. Infolge ihrer ungeheuren Höhe machen die Häuser die Straße dunkler, was auch nicht wenig dazu beiträgt, dem ganzen Straßenbild ein düsteres, unsauberes, unfreundliches Aussehen zu verleihen. Viele Straßen sind treppenartig gebaut und führen zu den höher liegenden Stadtteilen hinauf – natürlich sind sie unfahrbar. Überall aber herrscht ein ungeheures Leben, ein buntes Durcheinander von Menschen, ein Gedränge, ein Wirrwarr, daß es schon eine gewisse Geschicklichkeit und Kunst erfordert, durch dasselbe seinen Weg zu finden. Die Lastträger mit einem kurzen Beinkleid von gestreiftem Segeltuch, die Matrosen mit blauen Hemden und breiten Kragen, die Verkäufer mit allerhand Waren, die sie laut ausrufen, die Frauen mit schwarzem üppigem Haar und dunklen leuchtenden Augen, ihre Schönheit durch weiße wallende Schleier noch mehr erhöhend, nebenher die schneidigen, diensteifrigen Kavaliere und hie und da die recht unschneidigen, unbeholfenen Reisenden in ihren grauen Jacken, die dieses Straßenbild ansehen und zu denen wir vielleicht auch gehörten... alle diese Gestalten bilden zusammen ein großes Menschengewühl, welches gegen Abend sogar noch größer wird.
Es hatte bereits Mitternacht geschlagen, als wir wieder nach unserm Hôtel zurückkehrten, aber die Straßen waren noch immer mit Menschen gefüllt.
XV.
Mailand.
Am 16. Mai früh 8 Uhr brachen wir von Genua auf und kamen nach einer prächtigen Fahrt von vier Stunden, auf der wir mehrere große und kleine Tunnel passierten, in Mailand an. In unserer Gesellschaft befand sich der oben erwähnte deutsche Herr, sodaß wir auch hier die Stadt unter sachkundiger Führung besichtigen konnten. Wir waren im Hôtel du Nord abgestiegen und gingen dann sogleich in die Stadt hinein. Vor allem andern sahen wir uns den berühmten Dom an, ein Meisterwerk der Baukunst, ja, das wunderbarste, das ich je gesehen habe. Die schönen Glasmalereien an den Fenstern, die Marmorschnitzereien in und außerhalb des Gebäudes, ein ganzes Heer von Bildsäulen, der prächtige Marmorboden der weiten Hallen, hunderte von schlanken Türmchen auf dem Dache u. s. w., dies Werk von Menschenhand übertrifft an Pracht, Großartigkeit und Kunst wirklich alles bisher Gesehene. Wir stiegen bis auf die höchste Spitze des Turmes und sahen zu unseren Füßen die ganze Stadt und die blühende lombardische Ebene liegen. Gar manches ist bereits über diesen Dom geschrieben worden, aber nachdem ich ihn mit meinen eigenen Augen gesehen, muß ich doch sagen, daß es keinem gelungen ist, die wahre Pracht und majestätische Größe dieses Wunderwerkes treffend zu schildern. Lassen wir hier einige kurze Skizzen namhafter Autoren folgen, die zeigen werden, was für Mühe sich mancher gegeben hat, um dieses Wunder aus Marmor zu beschreiben:
»Über den Domplatz kamen wir zum Dom; langsam stiegen wir die schmalen Stufen des Domes hinauf, um zur Höhe des Schiffes zu gelangen. Dann hatten wir noch 900 Stufen, von denen allein 150 Stufen für die Türme sind. Die Treppen winden sich in den einzelnen Seitentürmen hinauf, während die Türme durch offene Galerien miteinander verbunden sind. Auch die Türme sind nach allen Seiten durchbrochen, von jeder Treppenstufe hat man die freie Aussicht über die lombardische Ebene, welche sich, je höher man hinaufsteigt, in einem immer unvergleichlicheren Bilde aufrollt. Die großartigen Einzelheiten des Baues selbst, den die Mailänder mit Recht »das achte Wunder« der Welt nennen, kann man nur im Hinaufsteigen betrachten und bewundern. Nächst der Peterskirche in Rom und dem Dom zu Sevilla ist der Mailänder Dom die größte Kirche in Europa; an Pracht und Reichtum, in ihren äußeren Verzierungen und Statuenschmuck keine von beiden mit ihr zu vergleichen. Der Dom zu Mailand ist mit nicht weniger als 4500 Statuen an seiner Außenseite geschmückt, über dem Dach erheben sich, alle durch in den zierlichsten Arabesken gewundene Galerien mit einander verbunden, 98 gotische Spitzsäulen, jede Säule ist auf ihren einzelnen Pfeilern und auf der Spitze mit einer Statue geschmückt. Ganz oben auf der Spitze des Turmes, der eine Höhe von 335 Fuß hat, thront die kollossale vergoldete Statue der heiligen Jungfrau, der die Kirche geweiht ist. Der ganze Bau in allen seinen Einzelheiten ist von weißem Marmor und unbedingt der großartigste neugotischen Stils, welchen Italien besitzt. Endlich standen wir oben, auf der obersten Galerie, über der durchsichtigen Guglia. Gerade über uns thronte die goldene Statue, deren Fußgestalt wir mit der Hand berühren konnten. Ich blickte zuerst hinab. Ich habe schon manchen hohen Berggipfel erstiegen, denn ich kenne die Alpen in ihrer ganzen Ausdehnung durch Mitteleuropa. Auf wie viele Wälder habe ich von all diesen Höhen herabgeschaut, auf dunkle schwarze Tannenwälder, auf breite rauschende Tannenkronen, auf grüne Buchengipfel, auf breitblättrige Platanen und auf Lorbeer- und Cypressenwälder; von dieser Höhe blicke ich zum ersten Male in meinem Leben auf einen weißen Marmorwald. Hunderte von gotischen Türmen und Spitzsäulen und Tausende von Statuen erhoben rings um mich ihre schneeweißen Häupter...« (Gustav Rasch »Frei bis zur Adria.«)
»Wenn man auf dem Marmordache des Doms von Mailand, etwa 300 Fuß über der lombardischen Ebene, bei heiterem Himmel sich umschaut, welch' ein unvergeßliches Panorama öffnet sich den Blicken! Im gewaltigen Halbbogen umsäumen von Westen nach Norden und Osten die langgestreckten Ketten bedeutsamer Alpenglieder einen Garten, einem Walde gleich, aus dessen Lichtungen tausende und abertausende von Ansiedlungen herabschimmern, die dem Ganzen das Gepräge eines Parkes verleihen... Welch' ein Blick auf die Alpen, welche umfassende Alpenansicht! Schwerlich dürfte ein Punkt der Erde, selbst nicht der indischen Ebene auf die Riesenzinnen des Himalaya, einen ähnlichen umfassenden Überblick, ähnliche Schönheit der Begrenzungslinien darbieten, als dieser ungeheure Halbbogen der südlichen Alpen von diesem eigentümlich schönen Standpunkte. Trunken hängt der Blick an den Linien der Ferne, von welcher sich eine Menge lebensspendender Wasseradern gleich silbernen Fäden durch den grünen Teppich der gesegneten Aue, der Po an ihrer Spitze, hindurchschlängelt. Rings um uns aber ein Wald von Marmortürmchen mit den Tausenden ihrer Bildsäulen, und unter uns das Gewirr der von 180 000 Menschen bewohnten 4000 Häuser, über deren flache Ziegeldächer eine Menge vielgestaltiger Türme emporsteigt, mitten im Brennpunkte eines unvergleichlichen Landschaftsbildes und Völkerlebens.« (K. Müller, »Am Südabhang der rhätischen Alpen.«)