Was ich dann in jeder Straße zu Dutzenden antraf, sind die Verkaufsläden für Ansichtspostkarten. Ihr Verbrauch soll sich hier auf Millionen beziffern, sodaß sich infolgedessen ein besonderer Industriezweig ausgebildet haben soll, der sich lediglich mit der Anfertigung von Ansichtspostkarten befaßt. Anstatt einen Brief zu schreiben, kauft man hier eine solche Karte, schreibt die Adresse und sendet sie als Lebenszeichen in die Welt. Eine vortreffliche Einrichtung, von welcher ich auch manchen Gebrauch zu machen gedenke, aber nicht aus – Schreibfaulheitsgründen!

Noch eins! Was mir in Berlin in den ersten Tagen recht imponierte, sind die vielen kunstvollen Denkmäler, Statuen, Büsten u. s. w., meist aus Marmor oder Bronze. Überall, wohin man kommt, auf den sogen. Plätzen, in den Parkanlagen, auf den Brücken u. s. w. wird man dieser schönen Verzierungen gewahr, dieser edlen, feinen Kunstprodukte, die wir zu Hause leider noch so sehr vermissen!

Soviel in Kürze! Die ersten Eindrücke, die ich oben im Vorbeigehen geschildert habe, waren für mich als Ausländer aus einer fremden Kulturwelt so überwältigend, daß ich tatsächlich in den ersten Tagen meines Hierseins nicht im stande war, alles richtig zu erfassen; erst später vermochte ich mich mit den verschiedenen Gegenständen eingehend zu beschäftigen. In meinem nur Berlin gewidmeten Buche werde ich auf die zahlreichen Einzelheiten näher eingehen und versuchen, sie der Wahrheit gemäß zu schildern.

XVIII.
Aufruf an unsere Jugend.

Indem ich nunmehr zum Schluß meiner Reisebeschreibung schreite, möchte ich als Resultat meiner Erfahrungen unserer Jugend die Mahnung dringend ans Herz legen: Möge jeder, der es mit seinen Verhältnissen irgend vereinbaren kann, Reisen ins Ausland unternehmen! Ich meine damit natürlich nicht, daß die jungen Japaner ihre Studien aufgeben und ihren Vergnügungen nachgehen sollen – durchaus nicht! Allein unserer Jugend, der männlichen nämlich, mangelt bis jetzt noch immer der Unternehmungsgeist und frische Wagemut, hinauszugehen und fremde Länder und Leute mit ihren Sitten und Gebräuchen aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Immer war unser Land seit alter Zeit ein abgeschlossenes Inselreich und erst seit drei Jahrzehnten hat es den Verkehr mit fremden Völkern angebahnt, aber der Riesenfortschritt, den wir in dieser kurzen Zeit gemacht haben, und die dadurch geschaffenen Verhältnisse erlauben nicht mehr, länger zu Hause zu sitzen und angenehm der Ruhe zu pflegen.

Von allem Nutzen abgesehen, den eine Studienreise auf wissenschaftlichen Gebieten gewährt, ist es für junge Geschlechter von großem Wert, wenn sich ihr Blick für alles erweitert und sie sich daran gewöhnen, Gefahren und Zufälligkeiten aller Art zu begegnen. Kommt einem nicht schon durch das Lesen einer Beschreibung aus dem Innern Afrikas oder einer Nordpolfahrt der Gedanke, den kühnen Forschern nachzuahmen und nicht tatenlos zuzuschauen? Ich will selbstverständlich damit unserer Jugend nicht das Wort zu Abenteuern reden, ihr auch nicht dazu raten, blindlings in die Ferne zu ziehen; ich möchte sie nur dringend mahnen, nicht zu Hause müßig sitzen zu bleiben, sondern auf dem großen Schauplatz der Welt ihre Kraft auf die Probe zu stellen.

In Europa ist es etwas ganz Gewöhnliches, daß selbst königliche Prinzen weite Reisen unternehmen, um einerseits den Wissenschaften zu dienen, andererseits aber ihre Erfahrungen und Kenntnisse zu bereichern. Die Europäer sind überhaupt zu Unternehmungen viel leichter geneigt als wir. Auf meiner Reise durch Europa habe ich nicht selten gefunden, daß sogar junge Damen, ihre geschnürten Bündel und Ränzel selbst tragend, allein in die weite Welt hinausreisten. Oben auf der Höhe der Jungfrau, die ich erstieg, im Reiche des ewigen Eises und Schnees versetzte mich eins noch mehr in Bewunderung als die kolossale Alpenlandschaft, nämlich, daß ich unter den Bergsteigern nicht wenig Vertreterinnen des zarten Geschlechtes erblickte. In dieser schwindelnden Höhe, wohin man nur mit Hilfe von Bergstöcken, Haken und Seilen, sowie an der Hand sicherer Führer gelangen kann, waren Frauen zugegen! Bei uns zu Hause würde dem schönen Geschlecht nie in den Sinn kommen, sich den Strapazen einer derartigen Bergtour auszusetzen. Ob Damen überhaupt derartige Anstrengungen zu empfehlen und zuträglich sind, will ich dahingestellt sein lassen. Aber jedenfalls sprechen solche Vorkommnisse für meine Behauptung, daß Europas Bewohner mehr von einem großen, vor keiner Gefahr zurückschreckenden Unternehmungsgeist beseelt sind als wir.

Darum, japanische Jugend, erwache und gehe kraftvoll und hoffnungsfreudig an die Arbeit! Die Konkurrenz im großen Völkerwettstreit leidet keine Ruhe – und nur dem Mutigen gehört die Welt!