Auch am 5. April machten uns die französischen Granaten von dort her von Zeit zu Zeit unangenehme Besuche, als ich mich mit hundert und mehr Menschen auf dem Markte befand, wo der Kommandant den Bürgern Befehle austeilte, die mir sehr wenig angemessen erschienen. So hatte er geboten, daß alle Hausdächer hoch mit Dünger belegt werden sollten, um das Durchschlagen der Bomben zu verhüten, ebenso daß überall das Straßenpflaster aufgerissen werden sollte, um gleichfalls jene Geschosse unschädlicher zu machen. Nun habe ich zum Unglück eine Gattung von schlichtem Menschenverstand, die zu keiner Absurdität gutwillig schweigen kann. Ich war also auch hier so vorwitzig, meinen doppelten Zweifel zu äußern; einmal, ob der anbefohlene Dünger auf unsern Dächern, die durchgängig eine Neigung von mehr als 45 Grad hätten, wohl lange haften dürfte, und dann, ob die Granaten auch wohl vor so bedeckten Dächern, nach deren bekannter leichten Konstruktion, sonderlichen Respekt beweisen möchten? Auch erinnerte ich daran, daß die Stadt ehedem zu dreienmalen, und zwar heftig genug, mit Bomben geängstigt worden, ohne daß man gleichwohl nötig gefunden hätte, das Pflaster zu rühren. Dies schiene hier bei unsern engen Gassen sogar schädlich und hinderlich, weil dann bei entstandener Feuersgefahr weder Spritzen noch Wasserkufen einen Weg durch die Steinhaufen und den umgewühlten Boden würden finden können. Es möchte also wohl der beste Rat sein, dergleichen gelehrte Experimente hier beiseite zu setzen und uns nur tapfer unsrer Haut zu wehren.

Währenddessen zogen einige feindliche Granaten ihren Bogen, schlugen nicht weit von uns durch die Dächer der Häuser, platzten und richteten Schaden an. Fast zu gleicher Zeit fuhr eine Bombe kaum zwanzig oder dreißig Schritte weit von unserm Kreise nieder, zersprang, beschädigte aber niemand. Bei dem Knall sah sich der Oberst mit etwas verwirrten Blicken unter uns um und stotterte: »Meine Herren, wenn das so fortgeht, so werden wir doch noch müssen zu Kreuze kriechen!« – Mehr konnte er nicht hervorbringen.

So etwas sehen und hören ließ mich meiner nicht länger mächtig bleiben, und ich tat einen Schritt, den ich jetzt selber nicht gut heiße, obwohl ich mir dabei der reinsten Absicht bewußt bin. Ich fuhr gegen ihn auf und schrie: »Halt! Der erste, wer er auch sei, der das verdammte Wort wieder ausspricht von 'zu Kreuze kriechen' und Übergabe der Festung, der stirbt des Todes von meiner Hand!« – Dabei fuhr mir der Degen, ich weiß nicht wie, aus der Scheide, und mit der Spitze gegen den Feigling gerichtet, setzte ich hinzu zu allen, die es hören wollten: »Laßt uns brav und ehrlich sein oder wir verdienen wie die Memmen (eigentlich brauchte ich wohl ein andres Wort) zu sterben!«

Der Landrat Dahlke, mein Nebenmann, faßte mich von hinten und zog mich von Loucadou zurück, während dieser vom Kaufmann Schröder verhindert wurde, seine Hände zu gebrauchen, die gleichfalls nach der Klinge griffen. Seine Zornwut kannte keine Grenzen mehr. »Arretieren!« schrie er mit schäumendem Munde, »gleich arretieren! In Ketten und Banden!« – Da sich indes alles um ihn zusammendrängte, der Landrat aber mich aus allen Kräften von ihm entfernte, so mußte er wohl glauben, daß man mich ins Gefängnis davonführe, und so kamen wir einander aus dem Gesichte. Ich aber, ein wenig zur Besinnung gekommen und mit mir altem Knaben nicht aufs beste zufrieden, ging nach Hause, um zu erwarten, was in der tollen Geschichte weiter erfolgen würde.

Alles dies hatte sich vormittags zugetragen. Gleich nachmittags aber berief der Kommandant den Landrat zu sich und erklärte ihm seinen Willen, über mich ein, aus dem Militär und Zivil zusammengesetztes Kriegsgericht halten und mich des nächsten Tages auf dem Glacis der Festung erschießen zu lassen. Der Landrat, der es gut mit mir meinte, erschrak, machte Vorstellungen und gab zu bedenken, welch einen gefährlichen Eindruck eine solche Prozedur auf die Bürgerschaft machen könnte, so daß er für den Ausgang nicht gutsagen wolle. Loucadou beharrte indes auf seinem Sinn, und jener entfernte sich unter der Versicherung, daß er nicht verlange, damit zu schaffen zu haben.

Kaum hatte nun der Landrat auf dem Heimwege in seiner Konsternation einigen ihm begegnenden Bürgern eröffnet, was der Kommandant mit mir vorhabe, so geriet alles in die größte Bewegung; alles nahm meine Partei, und wer mir auch sonst vielleicht nicht günstig war, wollte doch einen Bürger und Landsmann nicht so schmählich unterdrücken lassen. Der Haufen sammelte sich und ward mit jeder Minute größer. Er wälzte sich zu Loucadous Wohnung, umringte ihn, und die Wortführer bestürmten ihn so lange im Guten und im Bösen, bis sie seine Entrüstung einigermaßen milderten oder vielleicht auch ihn ahnen ließen, daß er hier kein so leichtes Spiel haben werde. »Gut! gut!« rief er endlich, »so mag der alte Bursche diesmal laufen. Hüt' er sich nur, daß ich ihn nicht wieder fasse!« – So ging alles friedlich auseinander, während ich selbst, der ich mich ruhig innehielt, den Tumult und das Laufen des Volkes zwar durch mein Fenster bemerkte, aber doch weiter kein Arges daraus hatte, daß es mich so nahe angehen könnte. Selbst die ich fragte, blieben mir die Antwort schuldig, und erst des andern Tages erfuhr ich aus des Landrats Munde, wie schlimm es auf mich und mein Leben gemünzt gewesen.

Wie es aber auch gekommen wäre, so glaube ich doch, daß ich unter dem Militär Freunde genug gefunden hätte, die alles, was sich verantworten ließ, angewandt haben würden, die Sache zu meinem Vorteil ins Gleiche zu richten. Auch meine ich wohl, es einigermaßen um sie verdient zu haben, da ich keine Mühe scheute, ihre Lage nach Möglichkeit zu erleichtern. Zumal die Umstände des Schillschen Korps in der Maikuhle waren beklagenswert. Die armen Leute waren dort täglich und stündlich auf den Beinen, weil der Feind sie unaufhörlich in Atem erhielt. Tag und Nacht waren sie unter freiem Himmel, ohne je, wie andre doch zuweilen, von ihrem Posten abgelöst zu werden und unter Dach und Fach zu kommen. An regelmäßige Löhnung war gar nicht und an Lieferung von anderweitigen Unterhaltungsmitteln nur höchst selten zu denken. Gleichwohl zeigten sich diese Schillschen Leute, in denen der Geist ihres Anführers lebte, äußerst willig und brav. Bei jedem Trommelschlage waren sie, oft nur mit einem Schuh oder Strumpf an den Beinen, die ersten auf dem Sammelplatze, und diesen tätigen Eifer kann ich von einigen andern Truppengattungen nicht rühmen.

Um nun so brave Leute in ihrer Not zu unterstützen, so weiß Gott, daß ich für meinen Teil getan habe, was nur möglich war. Ein Tonnenkessel für Kartoffeln und andres Gemüse kam bei mir nie vom Feuer, und die bereitete Speise ward ihnen hinausgefahren. Oftmals habe ich den ganzen Fleischscharren und alle Bäckerläden auskaufen lassen, oftmals bin ich Haus bei Haus gegangen und habe gebeten, daß für meine Schillschen Kinder in der Maikuhle zugekocht werden möchte. In der Tat betrachteten sie mich auch als ihren Vater und nannten mich ihren Brot- und Trankspender, und wenn ich mich in der Nähe der Lagerposten zeigte, ward ich gewöhnlich mit kriegerischer Musik empfangen. Nicht selten zuckelte ich, wenn sie zu irgendeinem Angriff ins Freie hinausrückten, auf meinem Pferdchen neben ihnen her und suchte ihnen tröstenden Mut einzusprechen; oder ich stimmte, ob ich gleich nicht von sangreicher Natur bin, mit meiner Rabenkehle das Liedchen an: »Haltet euch wohl, ihr preußischen Brüder!« wobei alle lustig und guter Dinge wurden. Auch wußten sie, daß, wenn es Verwundete oder sonst ein Unglück geben sollte, ihr alter Freund schon in der Nähe zu finden sein werde.

Jede Art von Ermunterung war aber auch für diese braven Truppen um so notwendiger, da sie in diesem Zeitraume der Belagerung die schwerste Last derselben fast allein zu tragen hatten, denn schon vom 5. April an hatten die Franzosen tägliche und immer ernstlichere Unternehmungen gegen die Maikuhle versucht, waren aber jedesmal mit blutigen Köpfen zurückgewiesen worden, wobei die Festungsartillerie sie in der rechten Flanke wacker mitnahm, so oft sie sich in den Bereich derselben verirrten. Meist aber gingen ihre Angriffe von dem Punkte von Alt- und Neu-Werder aus, indem sie, wie z. B. am 9. und 10. April, vielleicht tausend und mehr Menschen dazu verwandten. Hier legte ihnen jedoch das große Torfmoor, welches sich bis zum Kolberger Deep hin erstreckt und nur auf wenigen Dämmen zugänglich ist, so große Hindernisse entgegen, daß es ihnen nie gelingen wollte, mit einer bedeutenden Macht durchzudringen.