Allein der feindliche Anführer wollte keineswegs aufhören, um den Besitz der Maikuhle zu ringen. Schon am 11. zogen starke Truppenabteilungen über die Verbindungsbrücke bei der Altstadt nach Sellnow hinüber, und am nächstfolgenden Tage entwickelte sich vor Neu-Werder eine Macht von wenigstens ein paar Tausend Köpfen, die einen härteren Stand als jemals befürchten ließ. Schill wartete jedoch diesen Angriff nicht ab, ging dem Feinde mit ein paar Kanonen und seinem gesamten Korps entgegen, verwickelte ihn in den Morast und benutzte die unter ihm entstandene Unordnung so rasch und glücklich, daß auf dem verwirrten Rückzuge Alt- und Neu-Werder für den Feind verloren gingen und er bis an seine feste Stellung bei Sellnow zurückgetrieben wurde. Es ging dabei scharf her, und unsre Leute bewiesen einen Mut, der nicht genug zu loben ist.
Vier Kompagnien der Besatzung rückten während des Gefechts vor das Gelder-Tor hinaus, und es ist nicht zu leugnen, daß sie, indem sie dem Feinde Besorgnis für seine Flanke und seinen Rücken erregten, nicht wenig dazu beitrugen, seinen Rückzug zu beschleunigen. Hätten jedoch eben diese Truppen, vielleicht noch durch einige Mannschaft mehr unterstützt, sich etwas weiter hervor und einen entschlossenen Anfall auf Sellnow selbst und die dahinterliegende Schanze gewagt, so würden die Vorteile dieses Tages eine noch entschiedenere Gestalt angenommen, die gänzliche Zersprengung des Feindes bewirkt und den Wiedergewinn des Kauzenberges zur Folge gehabt haben. Das wurde auch von den Franzosen in Sellnow selbst so lebhaft befürchtet, daß dort bereits zum Abzuge eingepackt war. Das war es aber auch, was Schill zu wiederholten Malen und aufs dringendste vom Kommandanten forderte, als er noch am Abende den Entschluß faßte, den Angriff seinerseits von Werder aus fortzusetzen. Allein Loucadou hatte keine Ohren für diesen Vorschlag, sei es nun, daß er, seiner alten Ansicht getreu, außerhalb der Wälle nichts aufs Spiel setzen wollte oder daß sein tief gewurzelter Widerwille gegen Schills Person und überlegenen Geist ihm nicht gestattete, zu irgendeiner Idee, die von diesem ausging, die Hände zu bieten. Genug, der günstige Augenblick ward versäumt und kehrte nie wieder!
Drei Tage nachher, am 15. April, schiffte der Rittmeister v. Schill sich auf einem Fahrzeuge ein, das nach Schwedisch-Pommern abging. Das neuerlichste Mißverständnis mit dem engherzigen Kommandanten trug wohl vornehmlich die Schuld, daß jener wackere Mann in einer so schwülen Stickluft nicht länger auszudauern vermochte. Ohnehin war sein ins Große strebender Geist nicht für die engen Verhältnisse eines belagerten Platzes gemacht, aber dennoch würde er wie bisher seinen Platz ehrenvoll ausgefüllt haben, wenn man seiner Kraft nicht Hemmketten angelegt hätte. Aber indem er sich jetzt von uns entfernte, geschah es nur, um uns aus der Ferne desto wirksamere Hilfe zu gewähren. Von Anfang an waren seine Entwürfe dahin gerichtet gewesen, sich in Pommern ein Kriegstheater zu errichten, von wo aus Stralsund und Kolberg sich zu wechselseitiger Unterstützung die Hände böten. Nun waren aber in den letzten Tagen auf allerlei Wegen die günstigsten Nachrichten bei uns eingekommen, wie nicht nur der König von Schweden das gegen ihn operierende französische Korps über die Peene zurückgedrängt habe, sondern auch mit einem Teil seiner Macht auf Swinemünde vordringe und im Begriff sei, auch Wollin von den Feinden zu säubern, also wohl gar unserm Platze wieder Luft zu verschaffen. Nun erwiesen sich diese Nachrichten zwar in der Folge zum Teil ganz anders, aber doch waren sie ermunternd genug, um einen Mann von Schills feuriger Seele zu dem Entschlusse zu begeistern, den guten Willen der Schweden an Ort und Stelle gegen den gemeinschaftlichen Widersacher in Bewegung zu setzen. Um diese Absichten konnten und durften indes nur wenige wissen, und je mehr also seine Entfernung als die Folge seiner Zwistigkeiten mit Loucadou erschien, um so schmerzlicher und unmutiger war das allgemeine Bedauern.
In diesen Tagen war es, wo ich mit dem bekannten Heinrich v. Bülow einen sonderbaren Auftritt erlebte. Man weiß, daß es beim Ausbruche des Krieges für angemessen befunden wurde, diesen in seiner Originalität verkommenen Mann zu uns nach Kolberg zu schaffen, wo er einige Zeit verblieb; von vielen als ein Wundertier angestaunt, von andern mit unbilliger Geringschätzung behandelt, aber immer noch im Genuß einer leidlichen Freiheit, wie Staatsgefangene sie genießen können. Leider suchte er nun in dieser letzten Zeit, und so auch bei uns, seine Grillen in der Flasche zu ersäufen; und so war er eines Abends im trunkenen Mute auf der Straße in Verdrießlichkeiten geraten, worüber eine Bürgerpatrouille hinzukam und ihn wegen geleisteten Widerstandes auf der Hauptwache in einstweiligen Verwahrsam brachte.
Man kann denken, daß er gegen eine solche Maßregel mancherlei dreinzureden hatte. Ich kam zufällig dazu, hörte sein Toben und ermahnte ihn, sich zu mäßigen und zu fügen. In eben dem Maße aber mehrte sich seine Ereiferung, und plötzlich hub er an, in gutem Englisch seinem verbitterten Herzen auf eine Weise Luft zu machen, wobei König und alles, was preußisch war, gar übel wegkam. Hatte er sich aber vielleicht darauf verlassen, daß seine Zuhörer ihn nicht verstehen würden, so war er um so mehr verwundert, als ich, der ich diese Lästerung nicht länger geduldig anhören konnte, ihm in gleicher Sprache bedeutete: daß, wenn er jene Worte zu deutsch über seine Lippen gehen lasse, ich ihm nicht dafür bürgen möchte, ob sie ihm nicht Kopf und Kragen kosten sollten. Er werde also wohltun, sich Zaum und Gebiß anzulegen.
Kaum hörte der Wütende die ersten englischen Silben aus meinem Munde, so ward er urplötzlich ein ganz andrer Mann. Er fiel mir entzückt um den Hals, küßte mich und beteuerte, für alles was nur einen englischen Klang habe, lasse er Leib und Leben. Sofort auch waren und blieben wir die besten Freunde; da ihm indes sein Unmut immer wieder von neuem aufstieg, so forderte er Feder und Papier, um an den Kommandanten zu schreiben und Beschwerde über die ihm widerfahrene Behandlung zu führen. Beides ward ihm gereicht, um seine Lebensgeister zu beruhigen. Die Feder tanzte auch lustig auf dem Papiere hin, und man sah wohl, es war sein Handwerk. Indem ich aber von Zeit zu Zeit über seine Schulter hin in das Geschreibsel schielte, nahm ich bald wahr, daß der Inhalt, voll Schmähungen und harter Vorwürfe, nicht dazu gemacht war, ihm an Loucadou einen Patron und Gönner zu erwerben. Um also ferneres Unheil zu verhüten, und da die Blattseite eben voll war, sagte ich: »Nun ist's wohl Zeit, auch Sand darauf zu streuen,« – nahm das volle Tintenfaß und goß es über die Pastete her. Er stutzte; alles lachte. Endlich lachte er mit, schüttelte mir die Hand, und sein Ärger war vergessen.
Seit dem letzten mißlungenen Versuche auf die Maikuhle geschahen nur hier und da einige Angriffe auf unsre Vorpostenkette, um unsre Aufmerksamkeit zu beschäftigen. Dagegen wagte der Feind sich, ohne daß wir Kunde davon erhielten, in diesen Tagen an ein Unternehmen, das kühn und groß genug aufgefaßt war, um, wenn die Ausführung glückte, uns mit all unsern bisherigen Verteidigungsanstalten, im eigentlichsten Wortverstande, aufs Trockene zu bringen. Es sollte nämlich der Persante ein andres Bett gegraben und sie in den Kampschen See abgeleitet werden. Das Werk wurde groß und kräftig angefangen; aber bald stieß man auf Schwierigkeiten, die man nicht erwartet hatte, und so ward die Sache bald wieder aufgegeben, und wir sahen uns von einer Sorge befreit, ehe sie uns noch hatte beunruhigen können: denn freilich stand hier die Wirksamkeit unsres ganzen Überschwemmungssystems auf dem Spiele, und selbst unser Hafen wäre, wenn auch nicht bis auf den Grund ausgetrocknet, doch durch den nächsten Seesturm bis zur völligen Unbrauchbarkeit versandet worden.