Beide Auftritte waren indes zu öffentlich und vor zu vielen Zeugen vorgefallen, als daß sie ganz mit dem Mantel der Liebe zu bedecken gewesen wären. Der Hauptmann rechtfertigte sich mühsam durch ein ärztliches Attest, das seine Krankheit bekräftigte, aber dahingestellt ließ, warum sich Patient nicht lieber ruhig in seinem Quartier verhalten und eine genauere Diät befolgt habe? Gegen den Leutnant aber sprachen die Zeugnisse so entscheidend, daß er einem dreimonatlichen Arrest und demnächst seiner Dienstentlassung sich nicht entziehen konnte.

Zu einer anderen Zeit standen unsere Vorposten ringsum des Abends in einem lebhaften Feuer gegen den Feind, der allmählich immer mehr Truppen ins Gefecht brachte. Der Kommandant, in dessen Gefolge ich war, befand sich auf der Bastion Pommern, von wo auch das Feld zu beiden Seiten des Platzes am bequemsten übersehen werden konnte. Um die Unserigen gegen Sellnow hin zu unterstützen, war der Major *** mit drei Kompagnien seines Bataillons abgeschickt worden, mit dem Auftrage, sich den Schillschen Truppen anzuschließen und das Gefecht zum Stehen zu bringen. Aber statt daß nun hier vor dem Geldertore eine neue Regsamkeit zu bemerken gewesen wäre, hörte das Feuer dorthin, zu des Kommandanten nicht geringer Verwunderung, bald gänzlich auf, und die Verwunderung stieg zur Unruhe, da immer noch kein Rapport von der entsandten Verstärkung einging. Ich erbot mich, Nachricht an Ort und Stelle einzuziehen, und eilte von dannen, den Wall hinunter.

Von einem Pulverwagen, der mir in den Weg kam, strängte ich ein Zugpferd ab, warf mich hinauf und trabte zum Geldertore hinaus. Die Nacht war stockfinster geworden. Als ich über die sogenannte Kuhbrücke kam, stutzte mein Gaul, hob sich und wollte trotz all meines Treibens nicht von der Stelle. Endlich ward ich gewahr, daß er sich vor einem Soldaten scheute, der sich quer über den Weg gelagert hatte. Der Bursche hatte geschlafen, und mit ihm ward es auf einmal rund um mich her wach und laut, und ein Dutzend Baßkehlen rief: »Holla! holla! Nur sachte!« – Mit einem Blicke übersah ich nun die saubere Schlafkompanie, die sich hier meist ins Gras gestreckt hatte, anstatt den bedrängten Kameraden weiter vorwärts Luft zu machen.

Im bitteren Unmute meines Herzens stürmte ich auf sie ein und rief: »Ihr seid mir schöne Helden! Pfui euch, daß ihr hier liegen könnt und schnarchen!« – Beschämt wichen sie mir zu beiden Seiten aus, bis ich weiterhin kam und nun auch auf ihren edeln Anführer stieß, der sich sein Ruheplätzchen hart am Heckenzaune ausgesucht hatte, den Kopf nur so eben aus dem Mantel hervorstreckte und mir einen guten Morgen bot. Drei Schritte hinter ihm zeigte sich mir der Hauptmann *** in gleicher Positur, der jedoch aufstand und mir seinen guten Morgen bis dicht ans Pferd entgegenbrachte. Mich noch weniger haltend als vorhin tobte ich: »Den T... und seinen Dank für euern guten Morgen! Ist das recht? Ist das erhört, daß ihr hier auf der Bärenhaut liegt? Ob eure besseren Kameraden indes ins Gras beißen, das kümmert euch nicht! – Da! da seht!«

In dem Augenblick nämlich kamen einige Schillsche Leute daher, die zwei Erschossene auf einer Tragbahre aus dem Gefechte trugen und mehrere Verwundete leiteten. Ich erfuhr von ihnen noch bestimmter, daß die ganze Zeit her von einem Unterstützungstrupp nichts zu sehen noch zu hören gewesen. Demgemäß fiel nun auch mein Rapport an den Kommandanten aus, der mit Achselzucken versetzte: »Nun, nun – ich werde den Herren die Epistel lesen!«

Ich, meinesteils, hatte kein Gelübde getan, aus den mancherlei Erlebnissen dieser Art vor meinen täglichen Bekannten ein Geheimnis zu machen, und so hatten denn durch mehr als einen Mund jene Anekdoten auch ihren Weg in des Herrn v. Cölln damals vielgelesene »Feuerbrände« und einige andere politische Tagesschriften gefunden und bei manchem noch altgläubigen Militär mitunter Anstoß erregt. Wer aber hätte es glauben sollen, daß es irgend einst einem solchen einfallen könnte, mich, den Unschuldigsten bei dem gesamten Handel, deshalb feierlichst in Anspruch zu nehmen? Dennoch geschah es also, und auch hierüber gehöre ja wohl ein kurzer Bericht in meine Lebensgeschichte.

Von einem der Kommandanten, die auf Gneisenau folgten, ward ich eines Tages durch eine Ordonnanz auf eine bestimmte Stunde in seine Amtswohnung geladen. Ich ging und ward in einen großen Saal geführt, den ich von den sämtlichen Offizieren unserer Besatzung gefüllt fand. Mitten unter ihnen saß der Garnisonauditeur L* hinter einem Tische, den viele Schriften und Schreibmaterialien bedeckten. Alles hatte so ziemlich die Miene eines großen gerichtlichen Aktes.

Sofort nach meinem Eintritt kam mir der Kommandant mit einem gedruckten Buche in Quarto entgegen und bedeutete mir: er habe mir etwas vorzulesen, auf das ich ihm sodann antworten werde. – Ich hatte nichts dawider, und er setzte hinzu: »Sollten die Worte und Beschuldigungen erlogen sein, so verdiene der Schriftsteller, daß ihm der Prozeß gemacht werde, und man werde bei Sr. Majestät des Königs höchster Person darauf antragen, ihn exemplarisch bestrafen zu lassen.« – Und nun zu dem ganzen Zirkel: »Meine Herren! Ich werde lesen, Sie werden hören!« Jetzt las er mir das Geschichtchen von der Nachtmütze im Ratskeller, und verlangte darüber eine weitere Erklärung. »Die wird am leichtesten zu geben sein,« versetzte ich, »wenn, wie ich glaube, der Herr Hauptmann *** hier in der Versammlung gleichfalls zugegen ist.« – Zu gleicher Zeit schaute ich ein wenig umher und erblickte ein Stückchen von ihm hinter und zwischen einer Gruppe von Kameraden, die mich jedoch nicht verhinderten, meinen Mann hervor an das Tageslicht zu ziehen. Nun kam es denn zu einem Katechismusexamen, wo es auch von ihm hieß: »Und er bekannte und leugnete nicht,« – daß sich alles so verhalte, als dort im Buche stände, denn ich führte ihm die drei unverwerflichen Zeugen zu Gemüte, welche damals neben uns gestanden.

»Allein,« nahm nun der Kommandant aufs neue das Wort, »wie steht es um dies zweite Geschichtchen, das ich Ihnen vorzulesen habe, – von einer schlaftrunkenen Wegelagerung, wobei der Major *** in ein so nachteiliges Licht gestellt ist?« – Er las, und meine Gegenfrage war: »Hätte der Herr Major in der Tat etwas dagegen?« – Ich sah mich nach ihm um, fand ihn und wiederholte nun Wort für Wort, was damals zwischen ihm, seinen Begleitern und mir verhandelt worden. Der Mann, zum Leugnen zu ehrlich, spielte hierbei eine etwas einfältige Rolle, während der Auditeur frischweg protokollierte und sich fast die Finger lahm schrieb. – Nun endlich noch die Gewissensfrage: »Ob ich diese Erzählungen dem Verfasser der Feuerbrände mitgeteilt hätte?« – Das konnte ich mit Wahrheit verneinen; und so nahm das gestrenge Inquisitionsgericht ein Ende, ohne daß weiter Gutes oder Böses dabei herausgekommen wäre. Auch habe ich mich ferner nicht darum gekümmert.