Überhaupt muß gesagt werden, daß seit Gneisenaus Abschied zwischen Militär und Bürgerschaft meiner Vaterstadt sich ein Verhältnis gebildet hatte, welches mit der jüngst verflossenen Zeit gemeinschaftlichen Bedrängnisses in einem traurigen Gegensatze stand und mir wie jedem patriotisch gesinnten Herzen unendlich viel Unmut, Kummer und Sorge erweckte.
Kolbergs militärische Wichtigkeit, zumal in jener schwierigen Zeit nach dem Frieden von Tilsit, war lebhaft anerkannt worden, aber eben dadurch fühlte sich auch die Besatzung des Platzes in ihrer Bedeutung gehoben und zu Ansprüchen von mancherlei Art berechtigt. Darüber, und weil dies bald einigen Widerstand erzeugte, hatte sich in allen Berührungen mit den bürgerlichen Behörden ein gewisser unfreundlicher Ton eingeschlichen, der immer schmerzlicher empfunden wurde. Es sollte alles martialisch und gewaltig bei uns zugehen, als wenn es noch mitten im Kriege wäre, wogegen der Bürger nur durch die milden bürgerlichen Gesetze des Friedens beherrscht sein und von außerordentlichem Kriegszwange nichts mehr wissen wollte. Die Lasten der Einquartierung bei einer noch immer sehr starken Garnison, die an sich schon lästig genug waren, wurden es noch mehr dadurch, daß die Verteilung derselben sich ungesetzlich in den Händen einer außerordentlichen Kommission befand, die von ränkesüchtigen Köpfen nach Gunst oder Ungunst geleitet ward. Böse Ratgeber der nämlichen Art belagerten das Ohr der Machthaber und freuten sich des gestifteten Unheils; überall Neckerei, Reibung und abgeneigter Wille, und – zum Übermaß dieses Notstandes – eine vielleicht nicht hinlänglich beschäftigte Anzahl alter und junger Militärs, deren Überschwang an Lebendigkeit sich in mancherlei Störungen des friedlichen bürgerlichen Verkehrs, in Prügelszenen, in gewaltsamen Angriffen und Verwundungen rechtlicher Männer kund tat.
Auf der anderen Seite ist ebensowenig in Abrede zu stellen, daß unseren Einwohnern durch die Belagerung das Herz ein wenig groß geworden. Sie hatten in ungewöhnlichen Anstrengungen auch ungewöhnliche Kräfte in sich erwecken müssen, und so wie sie sich dadurch selbst im Werte gehoben fühlten, wollten sie sich auch von anderen besser geachtet wissen. Vielfach hatten sie auch in der Zeit der Not bedeutende Opfer an Eigentum und Vermögen dargebracht; hatten gehofft, nach des Feindes Abzuge durch mancherlei Erleichterungen sich für soviel Einbußen und Entbehrungen entschädigt zu sehen, und fühlten sich nun doppelt getäuscht, da statt der gehofften goldenen Zeit nur neue herbe Früchte für sie reiften. Zwar was das allgemeine Mißgeschick damals über unser armes bedrücktes Vaterland schwer genug verhängte, hätten sie gern und freudig mit ertragen, aber so manche örtliche und besondere Belastung wäre ihnen füglich zu ersparen gewesen, und konnte nicht verfehlen, einen dumpfen Mißmut zu erregen. Dennoch blieben ihre Klagen stumm und scheuten sich, ein Königsherz, dem das Schicksal bereits so große Prüfungen auferlegt, noch tiefer zu bekümmern.
Wie aber mußte denn nicht jedes wackere Bürgerherz sich um so tiefer von Dank und Freude ergriffen fühlen, als ein Königliches Kabinettsschreiben vom 21. Oktober 1807 an die verordneten Stadtältesten Dresow und Zimmermann den Beweis führte, daß Kolberg in seines gütigen Herrschers Beachtung und Fürsorge unvergessen geblieben, indem uns darin unter den huldvollsten Ausdrücken, der Erlaß unseres Anteils an der allgemeinen französischen Kriegskontribution, im Belauf mehr als hundertachtzigtausend Talern angekündigt wurde.
Als im Jahre 1809 durch die eingeführte neue Städteordnung überall die bisherige Magistratsverfassung abgeschafft und den Bürgerschaften ein erweiterter Einfluß auf die Verwaltung zugestanden wurde, wußte sich die Menge in die verbesserten Einrichtungen nicht sogleich zu finden; die Ränkeschmiede und Selbstlinge aber waren nur um desto eifriger darauf bedacht, ihr Schäfchen dabei zu scheren und den blinden Unverstand nach ihren geheimen Absichten zu bearbeiten. Als es daher zur ersten Wahl der Stadtverordneten und eines neuen Magistrats kam, ging es dabei so stürmisch, unmoralisch und ordnungswidrig zu, daß jeder rechtschaffene Mann sein äußerstes Mißfallen daran haben mußte.
Es kann mir also auch nicht als Lobspruch gelten, wenn ich, obwohl als erster Stadtverordneter gewählt, mich dieser Ehre bedankte und mit einer Versammlung nichts zu schaffen haben wollte, von deren Gesinnungen ich nichts als Unheil für die Stadt erwarten konnte. Zwar fehlte es nicht an dringendem Zureden meiner Freunde, welche in der Meinung standen, daß ich durch Übernahme jenes Postens, wenn auch nicht Gutes sonderlich zu fördern, doch manches Böse durch meinen Einfluß zu verhüten imstande sein würde; allein das ganze Wesen, so wie es sich da gestaltet hatte, war mir ein Greuel, und ich lehnte es standhaft ab, mich damit zu befassen. Noch ärger ward das Ding, als nun demnächst zur Ratswahl selbst geschritten werden sollte. Kabalen kreuzten sich mit Kabalen; einige rechtliche Männer, welche die gesetzliche Stimmenmehrheit für sich gehabt, wurden tumultuarisch wieder ausgestoßen, und ich hörte sogar von tätlichem Handgemenge, worin die Anhänger der verschiedenen Parteien sich gestritten hatten.
So wie ich mir nun in stiller Klage mit anderen Biedermännern dies schändliche Unwesen tief zu Herzen nahm und täglich Zeuge sein mußte, wie es immer weiter um sich griff und eine widerrechtliche Anordnung auf die andere folgte, so setzte ich mich hin und schilderte Sr. Majestät dem Könige unmittelbar und umständlich, mit Gewissenhaftigkeit und Wahrheit, wie alle diese Sachen bei uns ihren Verlauf gehabt. Ich nahm mir dabei den Mut, hinzuzufügen, daß, wenn Se. Majestät die jetzt bestehende Stadtverordneten-Versammlung nicht gänzlich kassierte und zur Wahl einer neuen mittels einer unparteiischen Kommission schreiten ließe, der Wirrwarr immer größer werden und nur mit dem Untergange unserer gesamten städtischen Wohlfahrt endigen werde.
Es geschah auch, was ich vertrauensvoll gehofft hatte. Der Monarch beschied mich in einer gnädigen Antwort, daß, meinem Antrage gemäß, die dermalige Stadtverordneten-Versammlung von Stund' an suspendiert und dem Minister v. Domhardt die Ernennung einer Kommission aufgetragen sei, um die Vorfälle untersuchen zu lassen und erforderlichenfalls neue, rechtmäßigere Wahlen zu verfügen. Der Minister benachrichtigte mich, daß er den Polizeidirektor Struensee zu Stargard zum Kommissarius in dieser Sache ernannt habe, und dieser meldete mir den Zeitpunkt seines Eintreffens in Kolberg und gab mir auf, bis dahin meine verschiedenen Klagepunkte gehörig zu ordnen.