Von allen diesen Schritten wußte niemand, weniger zurückhaltend war ich in meinem freimütigen – oft wohl etwas derben Urteile über all den Unfug, der täglich unter meinen Augen vorging. Natürlich waren nur dergleichen Äußerungen, die zudem nicht im Winkel gesprochen worden, den Leuten, denen es galt, fleißig zu Ohren gekommen. Die ganze Korporation kam darüber in Harnisch und ernannte eine Deputation aus ihrer Mitte, mit dem Kaufmann S** an der Spitze, um eine Klage wider mich wegen ehrenrühriger Beschuldigungen beim Stadtgerichte anzubringen. Die Sache war bereits anhängig geworden und mir ein Termin angesetzt, wo ich erscheinen und mich verantworten sollte.
Es ist ein wunderlich Ding, daß all meine Händel vor der Obrigkeit anfangs immer ein hochgefährliches Ansehen hatten und zuletzt doch ein lächerliches Ende nahmen. Das begab sich auch hier. Ich trat zur bestimmten Stunde vor die Schranken, und der Stadtgerichtsdirektor Harder deutete mir an: ich sei in diesem und jenem durch vorlautes Absprechen und Urteilen über eine löbliche Stadtverordneten-Versammlung, wofern die deshalb erhobene Klage gegründet, gar sehr straffällig geworden. Letztere solle mir jetzt vorgelesen und meine rechtliche Verantwortung gewärtigt werden.
»Das möchte sein,« erwiderte ich, indem ich mich zugleich gegen die anwesenden drei gegnerischen Deputierten wandte, »wenn ich nur diese Herren noch für wahre und wirkliche Stadtverordnete anerkennen könnte, nachdem des Königs Majestät sie sämtlich von ihren Ämtern suspendiert hat.« – Ohne mich auch weiter an die großen Augen zu kehren, welche eine so frevle Rede hervorbrachte, zog ich das königliche Handschreiben aus der Tasche und gab es stillschweigend in des Direktors Hände. Der nahm und las, erst für sich allein, dann laut und vernehmlich vor allen Anwesenden. Ich aber, nachdem ich mich einige Augenblicke an den verlängerten Gesichtern geweidet, erklärte dem Gerichte weiter: solchergestalt fände ich auch keinen Beruf in mir, jetzt auf die erhobene Klage weiter zu antworten, wozu sich vielmehr wohl eine andere und bessere Gelegenheit finden werde.
»Recht gut!« sagte der Direktor mit einiger Verlegenheit, indem er mir das Schreiben zurückgab und ich mich zum Fortgehen anschickte. – »Aber wir haben einen Termin abgehalten und hier sind Kosten aufgelaufen. Wer wird die bezahlen?«
»Nun, das werden die Herren, die sie verursacht haben, sich ja wohl nicht nehmen lassen,« erwiderte ich lachend, und ich hatte recht geraten. Denn sogleich auch erbat sich Herr S** die Erlaubnis, mit seinen Begleitern auf wenige Augenblicke abtreten zu dürfen, und nachdem sie sich draußen beraten, zog jener großmütig seinen Beutel und zahlte der Justiz ihre Gebühren.
Wenige Tage später trat auch der Königliche Kommissarius Struensee in dieser Eigenschaft bei uns auf, und meine Anklage gegen die Stadtverordneten und den von ihnen erwählten Magistrat ward in seine Hände übergeben. Ich hatte reichen Stoff gefunden, sie seit meiner ersten Anzeige noch um manches himmelschreiende Faktum zu vermehren, so daß es denn kein kleines Sündenregister gab, welches ich nach und nach bei der Kommission zu Protokoll diktierte und worüber ich die erforderlichen Beweise beibrachte. Anderseits wurden auch die Angeschuldigten vorgeladen, und nach genauester Untersuchung fiel die Entscheidung dahin aus, daß einige der Schuldigsten förmlich von ihrem Posten entsetzt und zur Bekleidung städtischer Amts- und Ehrenstellen auf immer für unzulässig erklärt wurden.
Nach dieser Reinigung leitete der Kommissarius eine neue, ordnungsmäßige Wahl beider Kollegien ein, wodurch das städtische Interesse besser beraten war, und alle Gutgesinnten bessere Hoffnungen für die Zukunft schöpfen konnten. Ihre Stimmen erkoren mich zum ersten unbesoldeten Ratsherrn, und zu diesem Stadtamte bin ich seitdem auch bei jeder neuen Wahl bestätigt worden; – ein Beweis von dem Zutrauen meiner Mitbürger, der meinem Herzen immer sehr wohlgetan hat, wiewohl mein Alter und die damit verbundene Schwachheit mahnt, mich nunmehr von allen öffentlichen Geschäften vollends zurückzuziehen.
Um die nämliche Zeit ward mir durch des Königs Gnade eine ganz unerwartete Auszeichnung zuteil. Es war Sr. Majestät, ich weiß selbst nicht auf welche Weise, zur Kenntnis gekommen, daß ich einst vor langen Jahren in wirklichem königlichen Seedienste gestanden, und demzufolge ward mir jetzt die förmliche Erlaubnis erteilt, die königliche Seeuniform zu tragen. Warum sollte ich leugnen, daß gerade diese Vergünstigung einen tiefen Eindruck auf den alten Seemann in mir machte, dessen Patriotismus sich immer und unter allen Himmelsgegenden mit einigem Stolze zur preußischen Farbe bekannt hatte? Zudem fühlte ich mich damals noch rüstig, meinem Landesherrn auch auf meinem eigentümlichen Elemente in Krieg und Frieden einige nutzbare Dienste leisten zu können, und nur des leisesten Winkes hätte es bedurft, um alles zu verlassen und unter jeder Zone für Preußens Nutzen und Ehre zu leben und zu sterben!
Die Rückkehr unseres gefeierten Königspaares von Preußen nach Berlin im Dezember des Jahres 1809, war ein Ereignis, das meine Seele mit hoher, freudiger Teilnahme beschäftigte. Einem Gerüchte zufolge sollte der Weg über Kolberg führen; aber der Anblick unserer Trümmer konnte nicht erfreulich und uns selbst es daher kaum wünschenswert sein, das landesväterliche Herz damit zu betrüben. Auch erfuhren wir bald, daß die Strenge der Jahreszeit die nächste und kürzeste Richtung geboten habe und der königliche Reisezug am 21. in Stargard eintreffen werde, um dort einen Rasttag zu halten. Es war also auch zu erwarten, daß die pommerschen Stände und andere Behörden der Provinz sich dort dem Könige vorstellen würden.