Diese Nachricht traf mich am 19. abends in einer Gesellschaft, wo viele würdige Männer unserer Stadt beisammen waren. »Wie!« rief ich aus, »so viele unserer Landsleute sollen dort vor dem Könige stehen, ihm ihre frohen Glückwünsche darzubringen, und nur aus unserer Vaterstadt sollte sich niemand zu einer solchen freiwilligen Huldigung eingefunden haben? Das hat weder der König um Kolberg, noch wir um ihn verdient! Seine Gnade hat uns erst unlängst eine Kriegssteuer von nahe an zweimalhunderttausend Talern erlassen, bei welcher schicklicheren Gelegenheit könnten wir ihm dafür unseren Dank bringen, als wenn eine Deputation der Bürgerschaft sich jetzt dazu auf den Weg machte? – Vollmacht? Trägt sie nicht jeder mit seinem Gefühle der Dankbarkeit im eigenen Herzen? Wird dort nach Vollmacht gefragt werden, wo wir nichts bitten, nichts verlangen, und wo nur allein unsere Glück- und Segenswünsche aus einem begeisterten Herzen hervorquellen werden?«

Alles war meiner Meinung, aber alles glaubte auch, es sei nicht mehr an der Zeit, diesen Gedanken weiter zu verfolgen, denn um zu rechter Zeit zur Stelle zu sein, würde man noch den nämlichen Abend sich auf den Weg machen müssen. – »Nun, und wenn es sein müßte,« unterbrach ich die kühlen Zweifler, »warum nicht auch schon in der nächsten Stunde? Ich bin dazu bereit, aber ich bedarf noch eines Gefährten. Wer begleitet mich?«

Ringsherum nichts als Schweigen und Kopfschütteln, und schon wollte ich im feurigen Unmute auflodern, als der Kaufmann, Herr Gölckel, mir die Hand reichte, sich mir zum Gefährten erbot, in einer Stunde reisefertig zu sein versprach und nun selber zur Eile trieb, damit wir noch vor völligem Torschlusse die Festung im Rücken hätten. Ich selbst übernahm es, die Postpferde für uns zu bestellen.

Glücklich auf den Weg gelangt, bemerkten wir erst draußen auf dem Felde, daß es eine stockdunkle Nacht gab, und daß es schwer halten werde, des rechten Weges nicht zu fehlen. Wirklich auch hatten wir noch nicht Spie erreicht, als wir inne wurden, daß wir uns verirrt und genötigt waren, auf einem weiten Umwege wieder auf die Poststraße zurückzukehren. Dies machte mich so ungeduldig, daß ich dem Postillion Zügel und Peitsche aus den Händen riß, um selbst zu kutschieren, und es könnte wohl sein, daß ich ihm nebenher einige fühlbare Denkzettel auf den Rücken zugemessen hätte. So ging es langsam weiter von Station zu Station, ohne daß mein stetes Treiben sonderlich fruchtete, oder daß ich auf die Vorstellung meines gleichmütigeren Reisegefährten viel gegeben hätte, der mir bemerklich machte, daß wir auf diese Weise mitten in der nächstfolgenden Nacht in Stargard anlangen und dann in dem überfüllten Orte kein Quartier finden würden.

In der Tat war es auch, als wir an Ort und Stelle kamen, noch so früh am Morgen, daß wir noch alles in Finsternis und Schlaf begraben fanden. Dies hinderte jedoch nicht, daß ich gleich zunächst dem Tore mir ein Haus drauf ansah, vor welchem ich zu halten befahl. Es wurde abgestiegen, angeklopft und, nachdem es drinnen munter geworden, mit lauter Stimme Herberge begehrt. Die Antwort war, wie sie zu erwarten stand, eben nicht sehr tröstlich: alles sei dicht besetzt und kein Unterkommen mehr möglich. – »Aber, liebe Leute,« rief ich dagegen, »den alten Nettelbeck werdet ihr doch nicht auf der Straße stehen lassen?« – »Nein, wahrhaftig nicht!« scholl eine weibliche Stimme dagegen. »Tausendmal willkommen! Da muß sich schon ein Winkelchen finden!« – Und es fand sich auch so bequem und wohnlich, daß wir noch in guter Ruhe einige Stunden ausschlafen konnten. Mein Reisegefährte hatte große Lust, sich über diesen Zauber meines bloßen Namens zu verwundern; allein ich entzauberte ihn schnell, indem ich ihm erklärte, daß ich bloß meinen alten freundlichen Wirt wieder aufgesucht, bei welchem ich vor nicht gar langer Zeit gehaust hätte, als ich hier das Kind meines Freundes, des Regierungsrates Wisseling, aus der Taufe gehoben.

Noch vormittags ward die Ankunft des königlichen Paares erwartet, dessen Zug vor unserm Hause vorüber mußte. Wir warfen uns also in unsre Staatskleider – ich in meine Admiralitätsuniform, mein Gefährte in die Uniform der Bürgergarde, und erwarteten auf einer erhöhten Treppe den für unser Herz so teuren Anblick. Wagen auf Wagen mit Königlichem Gefolge rollten vorüber. Endlich um zehn Uhr nahte der König selbst, neben ihm die Königin, langsam in einem offenen Wagen. Es klopfte uns hoch in der Brust und wir verbeugten uns ehrerbietig samt allen übrigen, ohne zu wissen, ob wir bemerkt wurden.

Jetzt forderte ich meinen Begleiter auf, dem Zuge mit möglichster Eile zu folgen oder lieber noch zuvorzukommen, um die Gelegenheit zu unsrer persönlichen Vorstellung nicht zu versäumen, bevor der Monarch noch dichter umzingelt würde. Denn was für ein Eulenspiegelstreich wäre es gewesen, uns im Namen einer ganzen Stadt auf den Weg gemacht und dennoch unser Wort nicht angebracht zu haben! Allerdings war das Gedränge um des Königs Quartier unbeschreiblich groß und lebendig, aber mein treuherziges: »Kinder, maakt en betken Platz!« und auch wohl die paar Streifen Gold auf unsern Röcken halfen uns zuletzt glücklich durch das Gewühl, bis wir durch das Spalier des Militärs vorgedrungen waren, uns unter die bunten Gruppen der Offiziere und diensttuenden Adjutanten mischten und so zuletzt die Flur des Hauses erreichten.

Noch kam es darauf an, uns mit unserm Wunsche, vorgelassen zu werden, an den rechten Mann zu wenden, als wir von des Königs Gemächern einen Stabsoffizier die Treppe herniedersteigen sahen, der auf uns zuging und mich freundlich fragte: »Gelt, Nettelbeck, Sie wollen den König sprechen? Dann ist's gerade an der rechten Zeit. Kommen Sie!« – Zugleich faßte er mich und meinen Freund an der Hand und stieg in unsrer Mitte die Treppe hinauf. Nicht ohne seltsame Verwunderung fragte ich ihn: »Wie kommt mir das Glück, daß Sie mich bei Namen keinen?« – »Und darüber wundern Sie sich?« war die Antwort. »Bin ich nicht in Kolberg bei Ihnen in Ihrem Hause gewesen?« – Es war der General v. Borstell.

Indem wir oben ankamen, fanden wir zwei schwarzgekleidete Männer, Deputierte von der Kaufmannschaft einer benachbarten Stadt, vor der offenen Flügeltüre, die zu des Königs Audienzzimmer führte. Der General wies sie vor uns hinein und wir folgten dann nach. Das ganze große Zimmer war erfüllt von Generalen, Damen und Standespersonen, worunter mir die Prinzessin Elisabeth, die von Stettin gekommen war, der General v. Blücher und andre bemerkbar wurden. Alles blitzte von Ordenszeichen jeder Art, und es gab eine feierliche Stille, bis der König hereintrat, samt seiner königlichen Gemahlin, und die Anwesenden ihnen nach der Reihe vorgestellt wurden.

Vor uns traten die genannten beiden Deputierten vor, die etwas beklommen schienen und überaus leise sprachen, so daß uns davon sowie von des Königs Antwort wenig oder nichts hörbar wurde. Als sie sich zurückgezogen hatten, wandten beide hohe Personen sich zu uns, und mich anblickend, fragte der König: »Nicht wahr, der alte Nettelbeck aus Kolberg?« – und dann, während wir unsre Verbeugung machten, zu meinem Gefährten gekehrt: »Die Kolberger sind mir willkommen!«