Das war also mein kurzes, aber erfreuliches Leben am Hofe! In ein längeres hätte ich mich freilich schlecht zu schicken gewußt und überdies wäre mir dadurch meine gute ehrliche Pfahlbürgerei vielleicht verleidet worden, zu welcher ich nun mit doppeltem Behagen zurückkehrte und wobei ich mich ohne Zweifel auch besser befand. Ich hatte meine frühere Hantierung, soweit meine verminderten Vermögensumstände es zuließen, klein und bescheiden wieder angefangen und fand dabei, als ein einzelner Mann von wenigen Wünschen und Anforderungen, auch mein notdürftiges Auskommen. Ich würde sogar sagen können, daß ich glücklich und zufrieden lebte, wenn ich irgend bei meinen Hausgenossen, durch die ich meine Geschäfte betreiben mußte, nur etwas von der Treue und Anhänglichkeit gefunden hätte, auf die ich rechnete und deren ich bedurfte. Wenn aber das Gesinde, gegen frühere Zeiten gehalten, schon vor dem Kriege ziemlich aus der Art geschlagen schien, so hatte es nunmehr der Krieg selbst und das Beispiel der lockeren französischen Sitten vollends verdorben, und wenn ich auch zugeben wollte, daß ich in meinen Forderungen an die junge Welt etwas strenger und mitunter auch wohl wunderlicher geworden, als jene gutheißen wollte, so ist's darum nicht minder wahr, daß die, welche mich zunächst umgaben, nur ihrem eignen unerlaubten Nutzen nachgingen und mich in meinem Haushalte auf jede mögliche Weise übervorteilten.
Da fiel mir's denn schwer und immer schwerer aufs Herz, daß ich so ganz abgesondert und verlassen in der Welt dastand. Ich zählte bereits 75 Jahre und in meinen Gedanken hatte ich meine Lebensrechnung sehr viel früher abgeschlossen. Was sollte mit mir werden, wenn Gott mich noch nicht wollte? wenn nun die unvermeidlichen Schwachheiten des Alters näher herzutraten? wenn Kränklichkeit und körperliche Leiden überhandnahmen? wenn meine edleren Sinne mich verließen? wenn ich unvernehmlich und kindisch würde? – Mir grauste, wenn ich auf diese Weise in die Zukunft blickte! Meine Freunde, denen ich aus diesen Betrachtungen kein Geheimnis machte, rieten mir lachend, aber bald auch im wohlgemeinten Ernste, zuversichtlich noch einmal in den Glückstopf des Ehestandes zu greifen. Ich hingegen schüttelte mächtig den Kopf – ein Bräutigam mit drei Vierteln eines Säkulums auf dem Nacken! Überdies: wer, der, wie ich, bereits zwei so böse Nieten aus jenem Topfe gezogen, hätte sich's wohl zugetraut, das dritte Mal mit dem großen Lose davonzugehen?
Dennoch war der Gedanke ein Feuerfunke in meine Seele, der unablässig darin fortglimmte und all mein Sinnen und Streben beschäftigte. Es ließ sich nicht leugnen, daß der Ruhe und dem Wohlsein meines Lebensabends nicht füglicher geraten werden konnte, als durch eine Gefährtin, die mir aus Güte und Wohlwollen die Pflege, welche ich aus bezahlter Hand nur widerwillig erhalten haben würde, mit unendlich treuerer Sorgfalt erwiese. Allein wie konnte und durfte ich Greis irgendwo erwarten, daß ein Frauenherz zu solchen Gesinnungen fähig, den eignen Anspruch ans Leben dergestalt verleugnen sollte, um es mit mir zu wagen? – Ich fing wiederum an, den Kopf noch mächtiger zu schütteln.
Da traten nun endlich meine Freunde im Ernste zu, und ihrem Rate, wie ihren Vorschlägen, danke ich's, daß nicht nur meine tausend Bedenklichkeiten besiegt, sondern auch die Einleitungen zur Verwirklichung meines Entschlusses aufs glücklichste getroffen wurden. Ihre Bemühungen führten mir eine würdige und erwünschte Gattin zu, die nicht nur den Pflichten einer Hausfrau im vollen Umfange zu genügen verstand, sondern die auch durch eine gute Erziehung, Milde der Gesinnung und reine Güte des Herzens mir in Wahrheit ein großes Los, wie ich es nimmer gehofft hätte, geworden ist. Tochter eines würdigen Landpredigers in der Uckermark, war sie zwar frühe Waise geworden, aber unter der Fürsorge liebreicher Verwandten hatten sich Herz und Geist bei ihr trefflich gebildet, und es fehlte ihr an keinem Bedingnis für die Bestimmung zu einem stillen bürgerlichen Leben und Wirken. Was ich damals schon mit völligster Überzeugung aussprach, das hat sich mir jetzt, nach beinahe zehn Jahren, noch wahrhafter erwiesen: Gerade so und nicht anders mußte mir der gnädige Gott eine Gefährtin zuweisen, wenn sie der Trost und die Stütze meines Alters sein sollte!
So ward ich denn im Jahre 1814 der glücklichste Ehegatte und bin es noch: allein was den Leser dieser Blätter vielleicht noch weit mehr überraschen wird, – ich ward gleich im nächsten Jahre auch Vater. Ein liebes Töchterchen ward mir geboren, und lebt, wächst und gedeiht zu unsrer herzinnigen Freude. Gleicht es einst der Mutter, wie ich mir das verspreche, an Sinn und Gemüt, so bleibt mir kaum noch etwas zu wünschen übrig. Was vom Vater auf sie vererben kann und auch vererben soll, ist freilich nicht viel; doch habe und hege sie nur meine Scheu vor Unrecht und meine es gut und redlich mit allen Menschen, so wird auch dieses geringe Erbteil ihr reichlich wuchern! – Ich nahm mir das Herz, Se. Majestät um die Übernahme der Patenstelle bei meinem Kinde zu ersuchen. Des Königs Gnade bewilligte mir nicht nur diese Bitte, sondern erlaubte dem Täufling auch, in einer teuren Erinnerung, den Namen Luise zu führen.
Noch führte ich mein Gewerbe einige Jahre mit günstigem Erfolge fort, als aber in den Jahren 1817 und 1818 die Gewerbscheine zum freien Betrieb aller Hantierungen im Staate immer allgemeiner verbreitet wurden, sah ich meinen Nahrungsverkehr fast gänzlich eingehen, denn belastet mit allen städtischen Abgaben, war es länger nicht möglich, mit dem vom platten Lande hereingeführten Branntwein Preis zu halten. Mir blieb auf diese Weise nichts übrig, als diese Fabrikation ganz aufzugeben, wie wenig ich auch in meinem hohen Alter eine Aussicht gewann, mich in eine andre Beschäftigung zu werfen und dadurch meinen täglichen Unterhalt zu sichern. So begann denn meine häusliche Lage in Wahrheit bedenklich zu werden.
Gleich nach geendigter Belagerung hatte der edle Gneisenau, der um meine mancherlei Einbußen wußte, sich erboten, mir zur Schadloshaltung eine königliche Pension zu erwirken. Mein Ehrgefühl lehnte sich dagegen auf, und mit tränenden Augen bat ich ihn, von diesem Gedanken abzustehen, denn damals waren meine Umstände noch immer leidlich, und ich hatte niemand zu versorgen. Gegenwärtig aber, wo meiner Lebenslast noch zehn Jahre mehr zugewachsen waren, standen meine Sachen um vieles anders, und ich erkannte es mit dankbarer Rührung, als die Huld meines gnädigen Königs mir ein jährliches Gnadengehalt von zweihundert Talern aussetzte, wovon auch nach meinem Tode die Hälfte auf meine Witwe übergehen wird. Nicht minder ward meiner kleinen Tochter zu ihrer Erziehung eine Stelle in dem Luisenstifte zugesichert, oder nach meinem und der Mutter bestem Befinden eine Novizenstelle in dem hiesigen Jungfernstifte vorbehalten. Gottlob! Nun werden meine Lieben nicht ganz verlassen sein, und ich werde mein Haupt ruhig niederlegen!
Solchergestalt hätte ich allem menschlichen Absehen nach nunmehr mit Welt und Leben so ziemlich abgeschlossen, und ich dürfte hier wohl die Feder niederlegen, wenn ich nicht noch ein paar Schwachheiten zu beichten hätte, die mich noch in so späten Jahren versucht haben, mich dennoch mit Welt und Leben wieder zu befassen.