Was für ein sonderbares Ding es um das Projektmachen sei, das habe ich im lebendigen Beispiel an mir selbst erfahren. Der freundliche Leser erinnert sich ohne Zweifel noch, was für ein feines Plänchen zu einer preußischen Kolonie am Kormantin ich schon seit den siebziger Jahren auf dem Herzen trug, und wie ich nach unsres großen Friedrichs Tode einen neuen herzhaften, aber vergeblichen Anlauf nahm, den Plan zur Wirklichkeit zu bringen. Seitdem hatte ich nun noch von englischen Seeleuten hier im Hafen wiederholt vernommen, daß ihre Landsleute längst zugegriffen und jene Landstriche mit Glück angebaut hätten. Wer sollte nun nicht gemeint haben, daß endlich jeder Gedanke solcher Art aus meinem Hirne gewichen sei? Ich glaubte es selbst und schalt mich oft einen Toren, daß ich so etwas hatte träumen können.

Allein das bunte Traumbild war nicht entwichen, sondern hatte sich nur in den dunkelsten Hintergrund meiner Gehirnkammern bis auf gelegenere Zeit zurückgeschoben. Wunderbare Dinge waren vom Jahre 1812 an, vor den Augen der erstaunten Zeitgenossen, wie vor den meinigen, vorübergegangen; die Welt war plötzlich eine andre geworden; Frankreichs Übermacht lag zu Boden, und unser geliebtes Vaterland hatte sich von seinem tiefen Falle glorreich wieder aufgerichtet. Mein altes Herz schlug mir jugendlich freudig bei jeder neuen Großtat, welche die preußischen Waffen verrichtet; ich sah den Staat auf dem Wege, eine immer glänzendere und ehrenvollere Stelle unter den europäischen Mächten einzunehmen. Da erwachte plötzlich auch mein alter langgenährter Lieblingswunsch in der Seele, ich wollte Preußen auch jenseits der Weltmeere groß, blühend und geachtet sehen, es sollte seine Kolonien gleich andern besitzen!

Bald ließ es mir bei Tag und Nacht keinen Frieden mehr. Während die verbündeten Heere 1814 den Kampf der Entscheidung auf französischem Boden vollends ausfochten, (ich selbst hatte damals noch keine Ehestandsgedanken, die mir sonst wohl den Kopf zurechtgesetzt haben würden), mußte ich, um es nur vom Herzen loszuwerden, mich hinsetzen und an meinen hochverehrten Gönner, dem seine glänzenden Erfolge im Felde eine bedeutsame Stellung im Staate erworben hatten, etwa in folgenden Worten zu schreiben:

»Bereits seit vielen Jahren hat mir in meinem Herzen ein Wunsch für König und Vaterland gebrannt, und ich glaube, die Vorsehung hat gerade jetzt Zeit und Umstände zu dessen möglicher Erfüllung herbeigeführt. Dieser Gedanke drückt und drängt mich auch dermaßen, daß ich mich nicht enthalten kann, ihn hier vor Ew. &c. auszuschütten. Mögen Sie dann auch von mir denken, wie Sie wollen, oder mich auch gar damit auslachen! Gott weiß, ich meine es dennoch von Grund des Herzens gut. Aber zur Sache!

»Frankreich ist an unsern preußischen Staat mehr schuldig, als es uns jemals wird ersetzen können. Sollte aber ein solcher Ersatz nicht auf andre Weise zu leisten sein, indem es uns in dem bevorstehenden Frieden (der hoffentlich von Preußen und den verbundenen Mächten diktiert werden wird), und unter Englands Genehmigung, eine bereits in Kultur stehende französische Kolonie in Amerika abträte? – z. B. Cayenne mit ihrem Zubehör auf dem festen Lande, oder eine andre, in guter Kultur stehende Insel unter den Antillen, wie Grenada mit den dazugehörigen Grenadillen oder Dominika. So würden wir die Kolonialwaren, die uns nun einmal ein Bedürfnis geworden sind und wofür so große Summen aus unserm Lande gehen, für unsre selbst erzeugten einheimischen Produkte aus jenen Kolonien unter eigner Flagge und Wimpel eintauschen können. Schweden und Dänemark sind ungleich ärmer an inländischen Erzeugnissen und finden dennoch ihren Vorteil dabei, ihre westindischen Besitzungen in St. Thomas und St. Barthelemy zu unterhalten.

»Daß dieser Handel durch Aktien leicht zustande kommen könnte, leidet wohl keinen Zweifel, da unsre Kapitalisten gerne ihre Fonds darin anlegen würden. Nicht nur könnten die Kapitalien assekuriert werden, sondern auch die Assekuranzprämien im Lande selbst verbleiben. – Auch fehlt es uns jetzt nicht an gründlich unterrichteten Seeleuten. Ich selbst für meinen geringen Teil habe dazu wie bekannt seit dreißig Jahren mitgewirkt, indem es mein Lieblingsgeschäft gewesen ist, eine Steuermannsschule zu unterhalten, worin mehrere tüchtige Seemänner gebildet worden, welche auch jene entfernteren Meere und Gewässer zu befahren wohl imstande sein würden.

»Ich habe mich hiermit unterwunden, nur ein kleines schwaches Bild aus meiner Gedankenwerkstatt zu entwerfen; Zeit und Umstände mögen lehren, ob es von den Weiseren und Machthabern nicht lebendiger auszumalen sein möchte. Meinesteils schreibe und urteile ich nur als alter Seemann, der ich in meinen jüngeren Jahren und wiederum von 1770 ab längere Zeit in holländischen und englischen Diensten jene amerikanischen Küsten und Gewässer in allen Richtungen befahren habe. Jetzt bin ich 76 Jahre alt, sollte es aber noch gelingen, daß meine Vorschläge irgend zu ihrem Zwecke führten, so würde ich mir die Gnade erbitten, das erste preußische Schiff selbst dorthin führen zu dürfen.«

Zweifle niemand, daß ich in diesem letzteren Erbieten nicht treulich Wort gehalten hätte! Ich fühlte damals meine Kräfte im ganzen noch ungeschmälert, und was hätte nichts vollends der Feuereifer vermocht, womit die Erfüllung meines Lieblingsgedankens mich beseelt haben würde! Allein diese Erfüllung stand nun einmal nicht im Buche des Schicksals geschrieben, und ich gab mich endlich gern in den Gründen zufrieden, welche mir in der wohlwollendsten Gesinnung, als gegen meinen Vorschlag streitend, aufgestellt wurden; z. B., daß es das System unsres Staates sei, keine Kolonien in auswärtigen Weltteilen zu haben, daß, wie vorteilhaft es sonst auch sein möge, durch Absatz der Produkte des Mutterlandes die Kolonialwaren einzutauschen, uns hingegen ein solcher Besitz nur abhängig von den Seemächten machen würde usw. Das ließ sich hören, und dem war denn auch weiter nichts zu entgegnen, wenngleich mein schönes Projekt darüber in den Brunnen fiel.

Und doch ist es das einzige nicht, was mir in meinen alten Greisentagen den Herzensfrieden stört und mitunter die schlaflosen Nächte wohl noch unruhiger macht, obwohl man mich ebensogut um des einen, wie um des andern willen tadeln möchte, daß ich mir Dinge zu Herzen nehme, die mich nicht kümmern sollten. Und doch dürfte ich wohl fragen: Warum nicht kümmern? In jenem war mir's lediglich um die Ehre und den Vorteil meines lieben Vaterlandes zu tun, die mir bis zum letzten Hauche meines Lebens teuer sein werden. In dem andern, das ich noch nennen will (obzwar ich es am Ende auch für eine Schwachheit meines von jeder Mißhandlung, welche Menschen gegen ihresgleichen üben, tief verwundbaren Herzens halte), sorge und bekümmere ich mich als Mensch und für die Ehre und den Vorteil der Menschheit. Wann will und wird bei uns der ernstliche Wille erwachen, den afrikanischen Raubstaaten ihr schändliches Gewerbe zu legen, damit dem friedsamen Schiffer, der die südeuropäischen Meere unter Angst und Schrecken befährt, keine Sklavenfesseln mehr drohen?

Wenn ich das noch heute oder morgen verkündigen höre, dann will ich mit Freuden mein lebenssattes Haupt zur Ruhe niederlegen!