Bis ich um die kleine Insel Piquonnier herumkam, ging auch alles gut. Hier aber rollte mir die spanische See von der Seite her in langen und hohen Wogen mächtig entgegen; der steife Wind stand von dorther gerade aufs Land und es sah ganz danach aus, daß wir hier mit Gemächlichkeit ersaufen könnten. Gleichwohl hätte man alles von mir fordern können, nur nicht, daß ich hier noch umsatteln sollte. »Du willst der Gefahr standhalten!« sagte ich zu mir selbst und faßte mein Steuer nur noch fester in die Faust.

Nach vier oder fünf Stunden begann indes der Einbruch der Nacht, und mit der Dunkelheit schien auch der Wind mehr Stärke zu gewinnen. Keiner von uns sprach ein Wort, aber meine Matrosen drängten sich immer näher an mich, der ich am Ruder saß und die Schote des Segels zugleich in der Hand gefaßt hielt. Allmählich fingen die beiden rohen Kerle, ergriffen vom Gefühl ihrer Lage, bitterlich an zu weinen. Ihre Todesangst ließ mich nicht ohne Mitgefühl, denn wie konnte ich die Schuld von mir abwälzen, ihnen samt mir durch meinen unzeitigen Ehrgeiz dieses nasse Grab gegraben zu haben? – Ich sagte ihnen zu ihrer Beruhigung, ich wolle vom Winde abhalten und, da wir an der Mündung der Loire schon vorüber wären, in die ich uns sonst geflüchtet haben würde, geradezu auf das Land steuern. Dort würde es freilich eine hohe Brandung geben, daher sie, sobald wir in diese hineingerieten, sogleich zu beiden Seiten der Jölle ins Wasser springen, sich an ihren Bord hängen und, sobald sie Grund unter den Füßen fühlten, das Fahrzeug mit der Spitze scharf gegen den Strand halten müßten, damit es nicht in die Quere unter die See käme. Wenn dann die letzten Sturzwellen vom Ufer zurückrollten und den Boden trocken lassen wollten, hätten sie sich mit aller Macht entgegenzustemmen, damit nicht auch das leichte Boot mit zurückgespült würde. Alles das und noch mehreres band ich ihnen fest auf die Seele und sie gelobten auch, es treu zu beobachten. Es kam aber anders.

Um ihnen nun Wort zu halten, steuerte ich gerade auf die Küste. Die Jölle schoß wie ein Pfeil durch die Wogen und nach einer guten halben Stunde drang uns auch schon das schreckliche Gebrüll der Brandung in die Ohren. Nun sahen wir angestrengt vor uns hin nach dem weißen Schaume; allein die Nacht ward so finster und unser Fahrzeug flog so schnell, daß wir uns plötzlich mitten darin befanden. Ehe wir uns auch nur besinnen konnten, erblickten wir kurz hinter uns den beschäumten Kamm einer Woge, die sich bis zur Höhe unseres Mastes aufbäumte, dann brausend über uns niederschoß und uns zu unterst zu oberst in ihren Abgrund mit sich fortriß.

Nun trat die See für ein paar Augenblicke zurück; ich bekam den Kopf in die Höhe und die Füße spürten Grund. Ehe die nächste brandende Welle wiederkehrte, hatte ich meine Sinne glücklich gesammelt; ich hielt stand, und da sie mir diesmal nur bis unter die Arme reichte, so eilte ich guter Dinge dem Strande zu, wo ich mich in weniger als einer Minute in voller Sicherheit befand. Meine beiden Gefährten hatten ebenso gutes Glück. Wir fanden uns bald wieder zusammen, nur unsere Jölle war wieder mit in die See gerissen worden, bis sie endlich mit dem Kiel nach oben plötzlich an Land trieb. Aber alles, was darinnen gewesen war, ging uns verloren, ohne daß wir in der Dunkelheit etwas davon aufzufischen vermochten. Wir mußten uns also begnügen, unser Fahrzeug am Strande so hoch hinaufzuziehen, daß es gesichert war, von den Wellen nicht mehr erreicht zu werden.

Hierauf gingen wir landeinwärts, um zu Menschen zu kommen, sahen auch aus der Ferne ein Licht schimmern, auf welches wir freudig zutrabten und wo wir dann bei einem Bauern übernachteten und uns trockneten. Morgens begaben wir uns samt unserem Wirte nochmals zum Strande zurück, um nach unserer Jölle und dem verlorenen Gepäcke zu sehen. Jene fanden wir noch auf ihrer alten Stelle; aber auf dieses mußten wir, zu unserm Verdrusse, völlig verzichten. Zwar auch mit unserem Fahrzeuge gerieten wir in Verlegenheit, da die See noch nicht wieder fahrbar geworden, bis unser Bauer, dem ich mich durch einen meiner Matrosen verständlich machen konnte, uns aus der Verlegenheit half. Wir hatten bereits erfahren, daß wir uns hier anderthalb Meilen von Pollien (ebenfalls ein Salzhafen, wie das noch zwei Meilen weiter entfernte Croisic) befänden, und dahin erbot er sich, gegen gute Bezahlung, unser Puppenfahrzeug über Land zu transportieren, indem er es zwischen zwei seiner Esel hinge.

Wirklich hielten er und seine Esel redlich Wort! In dem lustigsten und niegesehenen Aufzuge zogen wir zu Pollien ein, und die ganze Stadt lief über dem seltsamen Schauspiele zusammen. Meine erste Erkundigung war sofort nach dem angesehensten Salzhändler des Ortes. Man nannte mir einen Kaufmann, namens Charault, und während ich zu ihm hineinging, ward die Jölle vor seiner Türe niedergelassen. Meine Aufnahme war freundlich; auch brachte ich sogleich eine Unterhandlung wegen des gesuchten Salzes in Gang, wobei es zu dem Ausschlage kam, daß ich volle Ladung für alle vier Schiffe, das Muid zu vierundfünfzig Livres, akkordierte und zwar dortigen Gemäßes, welches noch um fünf Prozent größer ist, als auf Noirmoutiers. Ich durfte mir also schmeicheln, einen vorteilhaften Handel abgeschlossen zu haben.

Nun ging meine nächste Sorge dahin, mein Boot wieder zuzutakeln und meine Rückfahrt damit anzutreten. »Wie? In der Nußschale?« fragte Herr Charault, indem er es von allen Seiten verwundert ansah. »Lassen Sie das Dingelchen hier in Gottes Namen stehen, bis Sie mit Ihrem Schiffe kommen, es abzuholen. Ich gebe Ihnen meine Barke, die Sie mir dann ja wieder mitbringen können.« – Der Vorschlag war aller Ehren wert; allein dann wäre ich dem Manne fester verbunden gewesen, als ich wünschte, falls meine Freunde anderwärts vielleicht noch besser gemarktet haben sollten. Also schlug ich diese Güte dankbar aus und setzte mich, zwei Tage später, mit meinen Leuten guten Mutes wieder in die Nußschale, wie er's genannt hatte. Dadurch gab ich nun zwar den Müßiggängern im Orte ein neues Schauspiel, indem sie sich zu Hunderten auf den Sunddünen sammelten, um uns abfahren zu sehen; allein das Wetter war schön, der Wind günstig, und Noirmoutiers nach einer ruhigen Fahrt von zwölf bis vierzehn Stunden glücklich wieder erreicht.

Hier waren die beiden andern Abgeschickten schon vor mir angelangt und alles hatte uns so gut wie verloren gegeben. Daher mischten sich in ihren herzlichen Willkomm zugleich auch heftige Vorwürfe über meine Tollkühnheit, die sie sehr richtig dem wahren Grunde zuschrieben und worauf ich freilich nur wenig zu erwidern hatte, da ich vollkommen fühlte, wie sehr sie verdient waren. Bei alledem hatte ich doch, wie sich's nunmehr ergab, das vorteilhafteste Geschäft gemacht; nur waren die beiden Königsberger, da sie mich nicht mehr rechneten, kurz zuvor in Noirmoutiers eine neue Verbindlichkeit eingegangen, wodurch sie dort zurückgehalten wurden, wiewohl sie das Muid mit achtzig Livres zu bezahlen genötigt waren. Und doch schlug diese Trennung wiederum zum Glücke für mich aus, denn als ich nun mit Kapitän Neste in Pollien anlangte, konnte Herr Charault kaum uns beide befriedigen. Ich zwar, als der erste, ward schnell genug befrachtet, dagegen aber mußte jener noch die nächste Springflut und das darauf folgende Salzerzeugnis abwarten, um seine volle Ladung zu bekommen.

Unterm 12. Juni schrieb ich nunmehr an meine Korrespondenten, die Herren Kock und van Goens in Amsterdam, daß ich heute mit der Ladung meines Schiffes begänne und ihnen auftrüge, die Assekuranz auf dasselbe zu achttausend holländischen Gulden, für die Salzladung aber mit zweitausend Gulden, von hier auf Königsberg zu besorgen. Sechs Tage später wiederholte ich diese nämliche Order, mit dem Beifügen, daß ich bereits segelfertig läge und nur auf einen günstigen Wind wartete. Zum Überflusse aber ließ ich auch noch am 22. Juni ein drittes Avis abgehen, worin ich mich auf meine früheren Schreiben bezog und die geschehene Versicherung von Schiff und Ware als besorgt voraussetzte, oder auch neuerdings dringend aufgab, indem ich in diesem Augenblicke bereits in See sei und bloß zu größerer Sicherheit noch an mein Verlangen erinnern wolle.