Stöhnend erzählte er mir, was während meiner Abwesenheit vorgegangen. Gleich nach meinem Abgange hatte er an dem Zusammenstecken der Köpfe und dem heimlichen Flüstern unter den Leuten deutlich wahrgenommen, daß sie etwas im Schilde führten. Endlich waren sie zu ihm herangetreten, um ihm zu erklären, daß sie mit dem Boote ans Land zu gehen verlangten; wollte er sich's beikommen lassen, bei den Vorüberfahrenden um Hilfe zu rufen, so gedächten sie ihn über Bord zu werfen und wie einen Hund zu ersäufen. Gleichwohl hatte er, mit Abmahnen, Drohen und endlich mit lautem Rufen über zugefügte Gewalt, getan, was seine Pflicht von ihm forderte; war aber auch augenblicklich von den Bösewichten ergriffen, geknebelt, gestoßen, geschlagen und mit verstopftem Munde trotz allem Sträuben in die Kajüte gesperrt worden, worauf sie sich des Bootes bemächtigt und davongemacht hatten.
In dieser ganzen Zeit nun hatte der arme zerschlagene Mann vor Schmerz und Ermattung sich kaum zu regen vermocht. Wie mir dabei zumute war, mag man sich leichtlich vorstellen. Das Schiff hier auf offener Reede vor Anker, kein Volk an Bord, der Steuermann krank und keines Gliedes mächtig, mein Boot geraubt.
Was war zu tun? Ich mußte mich entschließen, das Schiff unter der unzulänglichen Aufsicht des kranken Mannes zu lassen, um sowohl ihm selbst ärztliche Hilfe, als mir eine neue Mannschaft zu verschaffen. Also ging mein Weg nochmals nach Amsterdam, wo ich andere sechs Matrosen und einen Jungen, wie sie mir zuerst in den Wurf kamen, heuerte, dann einen Lotsen nahm und einen Wundarzt aufsuchte, der mir den Steuermann verbinden und bepflastern und sagen sollte, ob dieser die Reise ohne Lebensgefahr werde mitmachen können. Nachdem ihm der Doktor die Glieder etwas zurechtgesetzt und ihn mit Medikamenten reichlich versehen hatte, war jener der Meinung, es solle weiter keine Gefahr haben, wenn er sich nur schonen wolle, und nahm seinen Abschied.
Ich machte mich darauf mit meinem neuen Schiffsvolke an die Ankerwinde, um unter Segel zu gehen. Da sah ich denn nun klar, was für schlechten Kauf ich gemacht hatte. Nur zwei waren befahrene Matrosen, während die übrigen kaum wußten, was auf dem Schiffe hinten oder vorn war. Wahrlich, mir graute innerlich, die Reise anzutreten. Mein bestes Vertrauen mußte ich in mich selbst und in die günstige Jahreszeit setzen, denn es war jetzt zu Anfang Mai, da ich aus dem Texel lief. In der Mitte des Monats kam ich vor Noirmoutiers glücklich vor Anker.
Hier fand ich drei Schiffe vor, deren Kapitäne zu meinen guten Freunden gehörten, nämlich Neste, mit einem Dreimaster aus Danzig, und Fries und Jantzen, beide Königsberger. Alsbald kamen sie sämtlich zu mir an Bord, allein so willkommen sie mir selbst waren, so unerwünscht war mir die Zeitung, daß schon sie drei Frühergekommenen hier ihre Ladung an Salz nicht völlig aufzubringen vermöchten, und gleichwohl das Muid mit fünfundachtzig Livres aufwiegen sollten. Nach längerer Beratschlagung fanden wir es für das dienlichste, uns nach den nächstgelegenen Salzhäfen Croisic, Bernif und Olonne zu verteilen, um anderswo, wenn möglich, besseren Markt zu finden, wobei das Los entscheiden sollte, wer hier zu bleiben und wohin ein jeder in seinem Boote zu gehen und vorläufig seinen Handel für alle abzuschließen hätte; letzteres jedoch nur mündlich, damit jeder Gelegenheit behielte, an dem wohlfeilsten Preise teilzunehmen.
Als nun die Lose gezogen wurden, traf mich die Fahrt nach Croisic, welche nicht nur die weiteste (da die Entfernung von Noirmoutiers zehn bis zwölf Meilen beträgt), sondern auch die gefährlichste war; denn sie geht durch den offenen Ozean, ohne durch Vorgebirge oder Inseln geschützt zu sein. Mein im Texel neu angeschafftes Boot stand auf Deck und ward nun sofort über Bord gesetzt, allein sowie es das Wasser berührte, drang dieses auch zu allen, durch die lang ausgestandene Hitze ausgetrockneten Nähten hinein. Es schien unmöglich, mich in diesem Zustande hineinzuwagen! Aber schon sah ich meine Freunde Neste und Fries in ihren Fahrzeugen abstoßen, um sich auf ihre ihnen zugefallenen Posten zu begeben. Ich zitterte vor Ehrbegierde, ihnen in Pünktlichkeit nicht nachzustehen!
Nun hatte ich außer jenem Boote noch eine kleine fichtene, sogenannte Berger Jölle. Flugs sah ich sie mir darauf an, ob sie mich in diesem Falle der Not nicht ebensowohl nach Croisic sollte tragen können? – Wozu längeres Bedenken? Es mußte gewagt sein! – Ich ließ Mast und Segel auf ihr einrichten und bestieg sie mit zwei Mann. Um mir jedoch nicht offenbar ein Tollmannsstückchen zuschulden kommen zu lassen, wollte ich es zuvor auf eine kleine Probe anlegen, segelte vom Schiffe abwärts, legte bei, machte diese und jene Wendungen und bestärkte mich solchergestalt in meiner Zuversicht, daß ich nichts Unmögliches wagte.
Eiligst versah ich mich nun noch an Bord mit einem durchgeschnittenen halben Oxhoft, welches ich zum sicheren Reisebehälter für einen Kompaß, Brot, Fleisch, einige Flaschen Wein und Branntwein und andere kleine Bedürfnisse bestimmte. Noch nahm ich einen Bootsanker, ein Tau und drei Regenröcke für uns ein, und so versehen trieb ich meine beiden Gefährten zum Einsteigen, rief ein herzhaftes: »Nun, mit Gott!« und stieß ab. Zwar ward mir's, ehe wir noch fünfzig Klafter gesegelt waren, hell und klar, daß ich meine Jolle mit all den Siebensachen zur Ungebühr überladen und daß ich den dümmsten Streich in meinem ganzen Leben begangen hatte, drei Menschenleben in die augenscheinlichste Gefahr zu setzen; aber sollte ich mir die Schande antun, noch einmal umzukehren? – Lieber wäre ich dem Tode in den offenen Rachen gesegelt!