Nun ging er stehenden Fußes, um die beiden Herren Versicherer im Börsengewühle auszusuchen, während ich ihm von ferne folgte. Bald auch stieß er auf einen von ihnen, dem er mein Dokument mitteilte, indem er es mit einem angelegentlichen Vortrage begleitete. An der ganzen Physiognomie und Gebärdung des anderen nahm ich wahr, wie ihn diese Nachricht überraschte, aber auch, daß er wohl geneigt sein möchte, gelindere Saiten aufzuziehen. Dies bestätigte mir der Makler, indem er mir den Vorschlag brachte, morgen auf der Stadt-Herberge einer Konferenz beizuwohnen, wozu ich mir dann einen Assistenten mitbringen möchte.

Zu diesem Beistande konnte ich wohl keinen erfahreneren und geachteteren Mann erkiesen, als meinen alten Patron, den Kapitän Joachim Blank, mit welchem ich vormals wiederholte Reisen nach Surinam gemacht und der sich hier jetzt zur Ruhe gesetzt hatte. Er fügte sich auch freundlich meiner Bitte; und so erschienen wir zur bestimmten Zeit am gemeldeten Orte, während auch meine Gegenparteien beiderseits samt einem anderen Schiffskapitän und einem Advokaten zugegen waren. Nach einigem Hin- und Widerreden und Streiten kam es denn auch endlich zu einem Vergleiche, dessen Billigkeit wir samt und sonders erkannten. Ich ließ nämlich die Hälfte meiner Forderung nach und zeichnete viertausend Gulden Bodmeierei auf mein Schiff, wogegen meine Herren Assekurateurs die andere Hälfte mit gleicher Summe an die Bodmerei-Geber in Gotenburg abzuzahlen auf sich nahmen.

So kam ich bei diesem schlimmen Handel noch mit einem blauen Auge davon, behielt mein Schiff als freies Eigentum und konnte damit fahren nach Lust und Belieben, um meine Scharte wieder auszuwetzen. Ich beschloß mit Ballast nach Noirmoutiers abzugehen, dort eine Ladung Salz für eigene Rechnung einzunehmen und in Königsberg loszuschlagen. Zum Ankaufe jener Ware wollten mir meine Amsterdamer Korrespondenten, die schon genannten Herren Kock und van Goens, gegen Bodmerei auf Schiff und Ladung die Gelder in Frankreich formieren.

Ehe ich jedoch zum Werke schreiten konnte, hatte ich zuvor noch reine Rechnung mit meinem Schiffsvolke zu machen, welches, außer dem neu hinzugekommenen Steuermanne und einem Jungen, aus sechs Matrosen bestand. Dies verwilderte Gezücht hatte nicht minder gottlos gelebt und hausgehalten, als der nichtsnutzige Schiffer selbst; und weil auch er in keinen reinen Schuhen steckte, hatte er's ihnen nicht abschlagen dürfen, während der Reise Vorschuß über Vorschuß zu zahlen. Dabei waren auch hierin seine Papiere so konfus, daß ich darnach den eigentlichen Betrag ihrer aufgenommenen Gelder auf keine Weise ausmitteln konnte. Auf jeden Fall aber waren sie so beträchtlich, daß sie sie in Jahren und Tagen nicht wieder abverdienen konnten.

Hier blieb mir nun nichts übrig, als bald den einen bald den anderen besonders vorzunehmen, sie durch gute Worte treuherzig und kordat zu machen, und dann wieder auch durch unversehene Zwischenfragen in die Klemme zu nehmen, so daß stets ein Spitzbube den andern verriet. Allein ebensowenig als sie gegen mich reinen Mund gehalten, konnte es unter ihnen selbst auf die Länge ein Geheimnis bleiben, wie ich es darauf anlegte, ihnen hinter die Schliche zu kommen. Sie hielten es demnach nach einer gemeinschaftlichen Beredung für das Geratenste, mir allesamt auf einmal zu entlaufen, und diesen Vorsatz führten sie auch des anderen Tages richtig aus; doch nicht, ohne daß ich es sogleich erfahren und auch den Ort am Lande entdeckt hätte, wo sie sich aufhielten.

Dahin verfügte ich mich augenblicklich mit Gerichtsdienern und traf auch glücklich das ganze Nest beisammen, wo sie dann mit Gewalt aufgehoben und an Bord meines Schiffes begleitet wurden. Am besten hätte ich freilich getan, sie laufen zu lassen; allein so wenig sie auch übrigens taugten, so waren sie doch erfahren und tüchtige Kerle zur Arbeit, die hier in der Geschwindigkeit nicht wohl durch andere zu ersetzen waren. Zudem hoffte ich, daß wenn ich mich ihrer nur bis zur wirklichen Abfahrt versichern könnte, ich sie wohl wieder zu Zucht und Ordnung herumbringen wollte.

Mit diesem Plane beschäftigt, nahm ich also einige Matrosen von den neben mir liegenden Schiffen für Tagelohn zu Hilfe, um sofort die Anker zu lichten und von Amsterdam nach der Bucht bei Dirkerdam abzusegeln, die etwa eine Meile von dort entfernt liegt. Hier warf ich aufs neue Anker, entließ meine gemieteten Matrosen und hoffte, daß ich's nunmehr den meinigen schwer genug machen wollte, von Bord zu kommen, um ihretwegen auch in meiner Abwesenheit wohl sicher zu sein. Denn ich konnte es nicht vermeiden, für meine Person des nächsten Tages noch einmal nach dem verlassenen Hafen zurückzukehren, um neben meiner Ausklarierung noch eine Menge anderweitiger Geschäfte zu besorgen und einen Lotsen mitzubringen.

Vor der Abfahrt übergab ich dem Steuermann mein verdächtiges Volk in besondere sorgfältige Aufsicht. Das Boot ließ ich aufs Deck setzen und anschließen, damit sich dessen niemand bedienen könne, und mein Stellvertreter sollte nicht vom Deck weichen und die Nacht kein Auge schließen, um überall gleich bei der Hand zu sein, bis ich mit dem frühen Morgen mich wieder an Bord zeigen würde. Dann versammelte ich die Ausreißer und stellte ihnen Himmel und Hölle vor, und wie schändlich sie handeln würden, Vater und Mutter und Freunde auf Nimmerwiedersehen im Stiche und sich zu Hause nie wieder dürfen blicken zu lassen. Zugleich versicherte ich ihnen, daß meinerseits alles Vorgegangene vergeben und vergessen sein und selbst ihre, vom vorigen Schiffer empfangene Vorschüsse in den Schornstein geschrieben sein sollten. Das alles schienen sie auch zu Herzen zu nehmen und versprachen mir eine gebührliche Aufführung.

Nunmehr rief ich eine vorbeifahrende Schuite an, die nach Amsterdam ging, und ließ mich von derselben an Bord nehmen. Es war nachmittags um drei Uhr, und des nächsten Morgens um acht Uhr befand ich mich, nach beendigten Verrichtungen, bereits wieder auf dem Rückwege und im Angesichte meines Schiffes. Es nahm mich sofort wunder, daß ich kein Boot darauf erblickte. Ebensowenig sah ich eine menschliche Seele auf dem Verdecke. Ich sprang endlich selbst hinauf, und mit steigender Bestürzung fand ich die Tür der Kajüte von außen mit einem Brecheisen gesperrt. Auf mein Rufen keine Antwort. Nun riß ich die Tür mit Gewalt auf, da lag mein Steuermann, mehr tot als lebendig, auf dem Boden längs ausgestreckt.