Wenige Tage später, etwa in der Mitte Oktobers, da wir uns unter dem einundvierzigsten Grade nördlicher Breite und ungefähr neunzig Meilen von der portugiesischen Küste entfernt befanden, erblickten wir in den Vormittagsstunden ein Schiff vor uns über dem Winde, das uns, da wir den Kopf immer voll von Seeräubern hatten, verdächtig vorkam. So wie schon früher, teils aus Vorsicht, teils um unsere Mannschaft zu üben, geschehen war, so oft ein Segel in unserer Nähe auftauchte, so ward auch jetzt im Augenblicke an unserem Borde alles zum Gefechte bereit gemacht. Allein indem unsere Blicke aufmerksam auf jenes Schiff gerichtet blieben, wurden wir mit Verwunderung gewahr, daß es gar keinen geraden Kurs hielt, sondern bald nördlich, bald östlich am Winde lag. Alle Segel waren fest gemacht, bis auf das Vorder-Marssegel, das frei im Winde flog, während dieser aus Südwesten her sich fast zum Sturm verstärkte, so daß wir selbst unsere Marssegel hart eingerefft führen mußten.
Indem es nun solchergestalt vor uns vorüber taumelte, so daß wir ihm bald über den Wind kamen, wußten wir immer weniger, was wir aus dieser Erscheinung machen sollten, und da es wenigstens noch anderthalb Meilen von uns entfernt lag, so konnten wir auch nicht entdecken, was es eigentlich im Schilde führte. Nichtsdestoweniger schien es uns wohlgetan, dies in der Nähe etwas genauer zu untersuchen, um unserer Schanze desto besser wahrzunehmen. Indem wir also unsere Flagge hinten, sowie vorne die Gisse und einen Wimpel an der Spitze des großen Mastes aufsetzten, um unsere Bravour zu zeigen und uns den Anschein eines Kriegsschiffes zu geben (wie denn auch unser Schiff aus der Ferne wirklich ein ganz stattliches Ansehen hatte), so richteten wir unseren Lauf gegen den wunderlichen Unbekannten; doch so, daß wir ihm oberhalb Windes blieben.
Als wir dem Fremden auf die Hälfte näher gekommen waren, taten wir einen blinden Schuß gegen ihn, als Aufforderung, unsere Flagge zu respektieren und uns die seinige zu zeigen. Diese kam gleichwohl nicht zum Vorschein; selbst dann nicht, da wir im Abstande von einer halben Meile jenes Signal wiederholten. Ja, sogar der dritte Gruß dieser Art, im steten Näherrücken, verfehlte die gehoffte Wirkung: denn keine Flagge ließ sich blicken. Unter der Zeit war das fremde Schiff in den Bereich unseres Geschützes gekommen; und wir bedachten uns nun nicht länger, ihm auf gut Glück eine scharfe Kugel zuzuschicken. Diese schlug auch hart vor ihm nieder: aber seine Flagge verzog noch immer, sich uns zu zeigen.
»Er soll und muß es!« rief unser Kapitän. – »Konstabler, schießt ihm eine Koppelkugel in den Rumpf, und seht wohl zu, daß Ihr trefft!« – Gesagt, getan! Wir waren ihm jetzt so nahe, daß sich unmöglich fehlen ließ; und die Kugel fuhr ihm in den Bug, daß wir die Holzsplitter umherfliegen sahen. Dennoch keine Flagge! – So etwas ging über all unseren Begriff. Allein nun wurden wir immer hitziger und beschlossen, ihm oberhalb Windes so dicht als immer möglich auf den Leib zu rücken.
Dies geschah auch, indem wir kaum im Abstande eines Flintenschusses an ihm vorüber liefen und zugleich ihn mit dem Sprachrohr anriefen. Auf unser drei- bis viermaliges Holla! keine Antwort. Ebensowenig erblickten wir eine Menschenseele am Borde. Nur ein großer schwarzer Hund richtete sich über die Borte empor, uns heiser anzubellen. Indes trieb uns der starke Wind nach wenig Augenblicken vorüber; doch vermochten wir im Vorbeisegeln zu erkennen, daß die Finkennetze und Schanzgitter längs der ganzen Seite mit Weißkohlköpfen vollgepackt waren, und daß auch einige Stücke frisches Fleisch unter der großen Mars in der Luft aufbewahrt hingen. Ja, einige von unseren Matrosen, die sich oben im Mastkorbe befanden, wollten zu gleicher Zeit bemerkt haben, daß auf dem Verdeck des fremden Schiffes menschliche Leichname ausgestreckt umhergelegen.
Diese vermeintliche Entdeckung war gleichwohl zu unstatthaft, um bei uns übrigen Glauben zu finden. Was sollte diesen Unglücklichen den Tod gebracht haben? Das Schiff schien unversehrt und gut; kein Feind hatte mit Feuer und Schwert darauf gehaust. An ansteckende Seuchen, an Verhungern und Verdürsten war ebensowenig zu denken: denn die frischen Lebensmittel, die wir wahrgenommen, bewiesen, daß das Schiff erst ganz vor kurzem einen europäischen Hafen verlassen haben müsse. Genug indes, daß uns hier ein Rätsel aufgegeben war, dessen Lösung uns ebenso eifrig wie fruchtlos beschäftigte.
Inzwischen legten wir um und hielten diesmal unseren Strich noch näher an das verödete Schiff, ohne es an unserem wiederholten und durchdringenden Holla! Holla! fehlen zu lassen. Immer noch sahen wir kein lebendiges Wesen und hörten keine Stimme, als das Bellen des Hundes, der nach uns herüberwinselte. Es schien nun wohl entschieden, daß das Schiff leer und verlassen von Menschen sein müsse: aber eben dies weckte in mir und anderen mehr die Lust, die Schaluppe auszusetzen und zu einer genaueren Untersuchung dieses wunderbaren Vorfalles hinüberzufahren: denn so, wie sich die Sache anließ, kam es hier vielleicht bloß darauf an, ein herrenloses Eigentum als gute Prise in Besitz zu nehmen.
Meine hierauf gerichteten Vorschläge fielen jedoch bei dem Kapitän in taube Ohren. Er meinte, der Wind bliese zu frisch und die See ginge zu hoch, als daß er Boot und Menschen einem solchen Wagnis preisgeben könnte; und auch im besten Falle werde es um den Rückweg, gegen den Sturmwind an, noch mißlicher stehen. Erpicht, wie ich auf den Handel war, stellte ich ihm vor, wie es füglich so einzurichten wäre, daß die Schaluppe mit Wind und Wellen geradezu auf das fremde Schiff lossteuerte, und das unserige, nach erfolgter Besichtigung, sich jenseits unter den Wind legte, um uns mittels dieses Manövers gemächlich wieder an Bord zu nehmen. »Nettelbeck!« rief er – »das wird der Teufel nicht mit Euch wagen!«
»Das käme noch drauf an!« meinte ich – »Laßt einmal hören! – Jungens,« rief ich, indem ich auf das halbe Deck vortrat, unseren Leuten zu – »wer von euch hat die Courage, mit mir in unserer Schaluppe nach jenem Schiffe hinüberzufahren? Wenn wir das vielleicht als gute Prise in Besitz nehmen könnten!«
»Ich – ich – ich!« schallte mir's von allen Seiten entgegen. – »Und was sagt Ihr nun, Kapitän?« wandte ich mich an unseren Befehlshaber.