»Fahrt meinetwegen, wenn Ihr Lust habt, zu ersaufen!« gab er mir verdrießlich zur Antwort; und ich hielt ihn sogleich, wenigstens wegen des ersteren, beim Worte. Die Schaluppe ward mit dem größten Feuer angegriffen, in die Takel gehängt und über Bord gesetzt. Noch hatte sie ihr nasses Element nicht erreicht, als ich mich bereits hineinstürzte. Alles stürzte mir nach und wollte mich begleiten, so daß ich genug zu steuern und abzuwehren hatte, um nicht mehr als die beschlossene Zahl von zwölf Mann hinüber zu lassen, die ich namentlich aufrief und als tüchtige zuverlässige Kerle kannte. Da auch, von dem neulichen Scheingefecht her, die offene Gewehrkiste noch auf dem Verdeck vorhanden war, so wurden uns Pistolen und Hauer in solchem Überflusse zugelegt, ja sogar in die Schaluppe geworfen, daß ich genug mit Händen und Füßen abzuwehren hatte.

So gingen wir nun mit unserem Fahrzeuge vor See und Wind gerade auf das Schiff zu, welches auch kaum in der Weite eines Pistolenschusses vor uns auf den Wellen trieb. Leichter und glücklicher, als ich selbst gehofft hatte, legten wir uns ihm an Bord; und gehörig bewaffnet stieg ich sofort mit elf Mann auf dasselbe hinüber, während der zwölfte im Boote zurückblieb und dieses mit einem Schlepptau hinten angehängt wurde. Auf dem Verdeck fanden wir, wie zu vermuten war, niemand als jenen Hund, der uns freundlich zuwedelte und die Hände leckte, und einen Behälter mit lebendigen Hühnern und Enten, die noch Gerste und frisches Wasser im Troge hatten. Überall lagen Kleidungsstücke zerstreut umher. Die Schaluppe stand, wie sich's gehört, im Boote; alles ordentlich befestigt; kein Takel hing über Bord, woraus man hätte schließen mögen, daß etwa ein Fahrzeug zur Flucht der Mannschaft ins Wasser gelassen worden, weil das Schiff vielleicht leck geworden und man das Sinken befürchtet hätte.

Dies zu ergründen, stellte ich sofort meine Leute an beide Pumpen; und mittlerweile daß sie diese in Bewegung setzten, ging ich auf dem Schiffe von hinten nach vorn und nach allen Seiten, besah mir's oben und unten und nahm endlich wahr, daß die Tür zur Kajüte niedergehauen war. Sogar das Beil, womit dies geschehen sein mochte, lag noch daneben. Ich erschrak nicht wenig über diesen unvermuteten Anblick: denn nun schoß mir's aufs Herz, daß hier gottlose Buben gehaust haben müßten, die den Kapitän oder sonstigen Befehlshaber ermordet haben müßten und sich in diesem Augenblicke vielleicht absichtlich im unteren Raume versteckt hielten. Voll von dieser Vorstellung, hielt ich es auch nicht für ratsam, mich dahinunter zu wagen.

Unterdes hatten meine Begleiter wacker an den Pumpen gearbeitet und erklärten nach etwa zwölf bis fünfzehn Minuten: das Schiff sei rein und die Pumpen zögen kein Wasser mehr. »So kommt denn alle!« rief ich – »nehmt eure Wehren zur Hand, spannt den Hahn und folgt mir dicht zusammengeschlossen nach.« – In solcher Ordnung nun stiegen wir zuvörderst in die Kajüte hinab, wo der zertrümmerte Eingang uns nichts als einen vollen Greuel der Verwüstung erwarten ließ. Dem war jedoch keineswegs also, sondern überall das Geräte in bester Ordnung, als ob gar nichts vorgefallen. Ich hob den Deckel von einer Seitenbank empor und fand den Sitz angefüllt mit Weinflaschen, die sorgsam in Stroh gepackt waren. Zu näherer Untersuchung zog ich eine daraus hervor, hielt sie gegen das Licht und fand sie mit rotem Clairet gefüllt. Eine Schieblade im Tische, die ich hervorzog, enthielt allerlei Tafelgerät, Messer, Gabeln usw. Ich nahm ein Messer, schlug jener Bouteille den Hals ab, und wir machten ein Schlückchen nach dem andern, bis uns der Boden entgegenleuchtete. Nun machten meine Gefährten nicht übel Miene, auch dem Reste auf gleiche Weise zuzusprechen: allein, bange vor den möglichen Folgen, rief ich mein »Halt! Keinen Tropfen mehr!« dazwischen und schritt sofort zu einer weiteren Untersuchung.

In einer anderen Schieblade, die ich öffnete, fiel mir ein starkes Pack Briefe in die Hände, deren Aufschriften sämtlich nach Port au Prince, Martinique, Guadeloupe und andern französischen Inseln lauteten. Ich griff einige auf gut Glück daraus hervor und steckte sie zu mir, um sie demnächst bei besserer Muße genauer zu untersuchen. Für den Augenblick aber ward meine volle Aufmerksamkeit von einer Luke angezogen, die sich in der Mitte des Fußbodens der Kajüte vorfand und angelweit offen stand. »Hier wird es doch der Mühe wert sein, hinunterzusteigen,« sagte ich zu meinen Leuten; – »wäre es auch nur, um zu erfahren, womit das Schiff geladen sein mag.« – Zu gleicher Zeit ließ ich mich an den Händen hinab, ohne jedoch mit den Füßen Grund zu erreichen. »Nun, es wird ja so tief nicht mehr sein!« dachte ich bei mir selbst, ließ oben fahren und purzelte auf einen Haufen, den ich alsbald für Steinkohlen erkannte.

Indem ich über dies unbequeme Lager hinüberkroch, geriet ich, bald hier bald dort im Dunkeln umhertappend, an Fässer, Ballen und Packen in Bastmatten gehüllt, die mich auf eine vermischte Ladung schließen ließen. Unwillkürlich aber stieg mir bei dieser irren Beschäftigung auch die Befürchtung zu Kopf, daß in diesem Chaos auch wohl Menschen stecken und mir auf den Dienst lauern könnten. Schon war mir's, als ob sie mir überall auf dem Nacken säßen, als würde bei jedem nächsten Tritte eine grimmige Faust mich anpacken. Vergeblich sträubte sich mein Mut und suchte diesen feigherzigen Gedanken abzuschütteln. Mich ergriff ein Zittern, das mich mit einer Gänsehaut überlief und wohl oder übel wieder nach dem Tageslichte hin zurückdrängte. Erst dann ward mir wieder wohl, als ich oben an der Luke ein paar von meinen Gefährten erblickte, die auf den Knien lagen und in den Raum hinabsahen. An ihren dargereichten Händen ward ich wieder emporgezogen.

Inzwischen war auch mein Kapitän bei seinem Manövrieren dem Schiffe wieder nahe genug gekommen, um mir durchs Sprachrohr zuzurufen, wie es an meinem Borde stände. Ich antwortete, das Schiff sei fest und dicht und alles darauf in guter Ordnung, aber nicht Mann noch Maus darauf zu spüren. Er befahl mir darauf, ihm die Schaluppe mit acht Mann hinüber zu schicken, weil er selbst willens wäre, den Fund in Augenschein zu nehmen. Das erstere geschah; als er jedoch auf dem Herwege noch etwa achtzig Klafter von meinem Borde entfernt war, erhob sich plötzlich ein so heftiger Wirbelwind, daß man sich auf unserem eigenen Schiffe genötigt sah, die Segel eiligst einzuziehen. Dieser Zufall benahm meinem Kapitän den Mut. »Kommt! kommt! Zu mir herüber!« rief er mir aus dem Fahrzeuge zu; und indem er an meine Seite legte, hörte er nicht auf mit: »Her zu mir, in die Schaluppe! Fort! fort!« – bis ich ihm den Willen tat, mit dem Rest meiner Leute zu ihm einstieg, und solchergestalt mit ihm nach unserem Schiffe zurückruderte. Als wir dort ankamen, ward die Schaluppe unter die Takel gebracht, emporgehoben und wieder an ihrem Platze befestigt.

Sobald wir nun wieder in Ordnung und zur Besinnung gekommen waren, galt es die Frage: Was mit dem herrenlosen Schiffe zu tun oder zu lassen sei. – Ich und mehrere mit mir stellten dem Kapitän auf das triftigste vor, daß es doch Sünde und Schande sein würde, wenn wir diesen Fund so um nichts und wieder nichts aufgeben wollten. Allein wie dringend wir ihm auch anlagen, so schien doch sein Widerwille gegen jedes weitere Vornehmen zu diesem Zwecke so gut als unbezwinglich, und, wohlerwogen, war es ihm eigentlich auch nicht zu verdenken, wenn er üble Lust bezeigte, sich mit einem Handel dieser Art zu schaffen zu machen. Die Sache hing aber so zusammen:

Auf seiner vorigen Fahrt nach der Küste von Guinea hatte Kapitän Harmel von einem englischen Sklavenschiffe Besitz genommen, das infolge einer unter den Schwarzen ausgebrochenen Meuterei von diesen überwältigt worden war. Sie hatten, beinahe hundert Köpfe stark, die ganze Schiffsmannschaft bis auf einen Steuermann und zwei Matrosen ermordet, welche unter dem Beding verschont worden waren, daß sie die Neger in deren Heimat zurückführen sollten. Auf diesem Zuge nun fielen sie meinem Kapitän in die Hände, und es munkelte nicht nur, daß er mit ihnen, wie mit der Schiffsladung, nicht zum besten gewirtschaftet, sondern daß auch das Schiff selbst von seinen daraufgesetzten Leuten verwahrlost und bei St. Georg de la Mina gestrandet sei. Hierüber hatten die Reeder desselben in England gegen Harmel ein gerichtliches Verfahren eingeleitet und wollten ihn für nichts besseres als einen Seeräuber erklärt wissen. Dieser Prozeß schwebte noch vor den holländischen Gerichten, und je zweifelhafter es war, wie das Endurteil ausfallen könnte, um so weniger mochte er allerdings Neigung in sich spüren, etwas Frisches auf sein Kerbholz zu bringen.

Wir jedoch, die wir die Sache mit ganz anderen Augen ansahen, drangen so ungestüm und unablässig in ihn, das Schiff zu besetzen, daß er endlich einwilligte, die große Schiffsglocke läuten zu lassen und einen allgemeinen Schiffsrat zu halten. Es ward beschlossen, daß zwölf von den Unseren das Schiff zur Notdurft bemannen und ich die Ehre haben sollte, es nach einem holländischen Hafen in Sicherheit zu bringen.