Während nun durch diese Kundmachungen die Reeder des Schiffes aufgefordert worden, sich zu ihrem Eigentume zu melden, hatte auch der französische Kapitän desselben von Lissabon aus an sie nach Havre de Grace geschrieben: sein Schiff sei im Meerbusen von Biscaya so leck geworden, daß er befürchtet, jeden Augenblick sinken zu müssen, als zum Glück ein schwedischer Ostindienfahrer in seine Nähe gekommen, der sich auf sein dringendes Bitten habe bewegen lassen, ihn und die übrige Mannschaft zu ihrer aller Lebensrettung an seinen Bord abzuholen. Dieser sei darauf zu Lissabon angekehrt und habe sie sämtlich dort ans Land gesetzt. Er habe nicht unterlassen, hier mit seinen Leuten alsogleich eine gerichtliche eidliche Erklärung abzulegen, die er zugleich mit einsende.

Beide Nachrichten, welche zu der nämlichen Zeit in Umlauf kamen, ließen es in ihrer Zusammenstellung keinen Augenblick zweifelhaft, daß der französische Kapitän ein abgefeimter Betrüger gewesen, und auch die darauf angestellte gerichtliche Untersuchung ergab, daß er mit zwei Mit-Reedern des Schiffs unter einer Decke gesteckt, indem sie dasselbe zu gleicher Zeit in London, Amsterdam und Hamburg für große Summen versichern ließen. Diese sahen nun ihrer gerechten Strafe entgegen; ihr Mitschuldiger aber (wahrscheinlich unter der Hand von ihnen selbst gewarnt) hatte es fürs Klügste gefunden, sich in Lissabon unsichtbar zu machen, ohne wieder nach seiner Heimat zu verlangen.

Für unser Schiffsvolk ward ich, als ich mit diesen Nachrichten von der glücklichen Bergung unserer schon verloren gegebenen Prise wieder an Bord kehrte, ein wahrer Freudenbote: denn nun durfte jeder auf seinen Anteil an der Prämie hoffen. Es begann sofort ein Handel über den anderen wegen dieser zu erwartenden Prisen-Gelder. Einige verkauften ihr Anrecht für wenige Flaschen Branntwein, andere für etliche Pfund Tabak, ohne sich um die wahrscheinliche Übervorteilung zu kümmern.

Nach Verlauf einiger Tage rüstete ich mein Boot zu einer neuen dritten Handelsfahrt zu; und diesmal durfte ich auch für meinen Privatverkehr, im Einkauf von Staubgold, gewisseren Vorteil hoffen, da wir uns nunmehr im Angesichte der sogenannten »Goldküste« befanden.

So verschwenderisch hat die Natur hier ihr edelstes Metall verbreitet, daß selbst der Seesand dessen in hinreichender Menge mit sich führt, um die Mühe des Einsammelns zu vergüten. Wenn daher vormittags die Sonne hoch genug gestiegen ist, um den nackten Negern die Lufttemperatur behaglich zu machen, finden sie sich zu Hunderten am Strande ein. Dann setzen sie sich dicht neben dem Ablauf der Wellen ins Wasser, und jeder hält eine tiefe hölzerne Schüssel (deren die Schiffe ihnen als Handelsware zuführen) vor sich zwischen den Knien, nachdem er sie zuvor voll goldhaltigen Sandes geschöpft. Sie wissen diese Gefäße so geschickt zu drehen, daß jede anlaufende Welle darüber hinspült und etwas von dem leichteren Sande über den Rand mit sich fortschwemmt, während das Metall sich vermöge seiner natürlichen Schwere tiefer zu Boden senkt. Dies wird so lange wiederholt, bis der Sand beinahe gänzlich verschwunden ist und das reine Staubgold, kaum noch mit einigen fremden Körnern untermischt, sichtbar geworden. Die Neger wissen es sodann gar geschickt und behende in ihre kleinen Dosen aufzufassen, die wir ihnen gleichfalls zum Verkaufe bringen. Auf diese Weise habe ich wohl selbst zum öftern gesehen, daß manche binnen acht bis zehn Stunden den Wert von sechs bis zwölf und mehr holländischen Stübern zuwege brachten.

Noch weiß ich aus den deshalb angestellten Erkundigungen, daß sie auch weiter landeinwärts mit dem dort befindlichen goldhaltigen Kiessande auf eine ähnliche Art verfahren, indem sie diese Erdklumpen in die Nähe eines Gewässers tragen und Erde, Sand und Kies so lange durcheinander rühren und ausspülen, bis sie zu dem nämlichen Erfolg gelangen. Hier aber finden sich auch nicht selten bedeutendere Stückchen Goldes, selbst von der Größe wie unser grober Seegries. Die Neger nennen es »heiliges Gold«, durchbohren es, reihen es auf Fäden und schmücken mit diesen kostbaren Schnüren Hals, Arme und Beine. In solchem stattlichen Putze zeigen sie sich gern auf den Schiffen, und so trägt oft ein einziger einen Wert von mehr als tausend Talern am Leibe.

Stellen sie ihr gewonnenes Gold auf den europäischen Fahrzeugen zum Kaufe, so werden ihnen zuvor die Tauschwaren vorgelegt und über deren Wert eine Übereinkunft getroffen. Dieser Wert wird in »Bontjes« bestimmt, oder Stückchen Goldes, etwa eine Erbse schwer und zu sechs Stüber Geldwert zu berechnen. Acht Bontjes betragen ein Entis oder einen Taler holländisch, und zehn Entis ein Lot, dessen Wert zu vierundzwanzig holländischen Gulden oder nach Unzen zu zweiundvierzig Gulden angeschlagen wird. Die Neger ihrerseits bedienen sich ähnlicher Gewichte, welche aber gegen die holländischen jedesmal zu kurz kommen.

Hier geht nun das Streiten und Zanken an. Immer noch fehlt etwas – noch etwas, und so weiter, bis man denn zuletzt unter Zanken und Streiten doch einig wird. Betrogen aber werden die Neger endlich doch immer, wie schlau sie es auch anfangen mögen! Mancher Weiße läßt sich sogar absichtlich die Nägel an den Fingern lang wachsen, rührt damit in dem Staubgolde unter dem Vorwande, als werde er noch gelben Sand unter den Metallkörnchen gewahr, umher, und kraut sich dann unmittelbar darauf mit den Nägeln in den Haaren, um die aufgefischte Beute dort abzusetzen. Haben sich endlich die Verkäufer entfernt, so kämmt er sein struppiges Haar mit einem engen Kamme wohl durch und bringt dadurch zuweilen zwei und noch mehr Bontjes Goldstaub vom Kopfe. Niemand rechnet sich diese Hinterlist zum Vorwurf. Es heißt dann immer: »Nun, was ist's mehr? Ist's doch nur ein Neger, der angeführt wird!«

Nachdem ich endlich eines Morgens meine Fahrt wirklich angetreten hatte und etwa drei Meilen vom Schiffe entfernt war, kam mir noch an dem nämlichen Nachmittage ein kleines englisches Schiff zu Gesichte, das ungewöhnlich nahe am Strande vor Anker lag, während ein Teil der Segel und des Takelwerks sich in größter Unordnung befand und wild um die Masten peitschte. Indem ich meine Begleiter auf diese in solcher Lage unbegreifliche Nachlässigkeit aufmerksam machte, beschloß ich, mich diesem Fahrzeuge zu nähern, ob ihm vielleicht Hilfe vonnöten sein möchte. Bald kam ich im Heransegeln so dicht an seine Seite, daß ich ihm zurufen konnte: »Warum er sich in diese gefährliche Nähe an einem unsichern Strande gelegt habe?«