War ich bereits verwundert, so ward ich es noch vielmehr, als sich kein einziger Weißer am Borde blicken ließ, dagegen aber wohl zwanzig bis dreißig Neger auf dem Verdeck herumstanden und -gingen. Vor allem zeichnete sich ein Kerl auf dem Hinterteile, mit einem blauen Überrocke bekleidet, durch seine Keckheit aus, indem er ein kurzes weitmündiges Schießgewehr (wir nennen es eine Donnerbüchse) in der Hand führte und auf uns anlegte. Ein anderer stand vorn mit einer weißen Weste ohne Ärmel und lag mit seinem Gewehre ebenfalls im Anschlage auf uns. Auch die übrigen alle längs dem Borde winkten mit den Händen abwärts und schrien aus vollem Halse: Go way! Go way (Packt euch!)

Was war natürlicher zu glauben, als daß dies Schiff soeben in die Gewalt der Schwarzen geraten, welche die englische Mannschaft ermordet hätten und im Begriff ständen, ihre Beute auszuplündern. Hier war es also allerdings nicht ratsam, lange zu verweilen. Ich steuerte demnach ab gegen den Wind: doch indem ich mich außer der Schußweite sah, fing ich an zu überlegen, daß es nicht gar ehrenvoll für uns aussehen würde, die schwarzen Räuber ihr Wesen so ganz ungestört treiben zu lassen. Ich beriet mich mit meinen Leuten, ob nicht ein entschlossener Angriff auf die Brut zu wagen sein möchte? Denn wenn wir gleich mit einem tüchtigen Feuer auf sie anrückten, so war ich der Meinung, daß die Kerle, da sie so dicht am Lande lagen, bald über Bord springen und uns das Schiff als gute Prise überlassen würden.

Dieser Vorschlag mit so glänzender Aussicht auf Gewinn verbunden gewann sich alsobald ihren ungeteilten Beifall. Um mir aber jede künftige Verantwortung und üble Nachrede zu ersparen, fuhr ich fort: »Ihr habt aber auch gesehen, daß wenigstens zwei von ihnen Schießgewehre führen und es sicherlich auch gebrauchen werden, bevor sie uns das Feld räumen. Sollte nun einer oder der andere von uns dabei zu Schaden kommen, so sage niemand, ich hätte ihn zu dem Unternehmen gezwungen. Hier bedarf es durchaus eines freiwilligen Entschlusses. Also: ja oder nein?« Ihr kaltblütiges »Ja« weckte das glimmende Feuer in mir zur vollen lichten Flamme. – »Wir gehen drauf los und jagen die schwarzen Bestien durch ein Knopfloch?« fragte ich noch lauter und heftiger. – »Ja, das wollen wir!« scholl mir zur Antwort entgegen. – »Nun denn! Immer drauf, in Gottes Namen!«

Sofort sprang ich nun hinten in die Luke, ergriff ein kleines Pulverfaß, das sechzehn Pfund enthielt, trat ihm hastig mit einem Fußstoße den Boden ein, füllte meinen Hut mit Pulver, eilte damit aufs Deck, lud meine sechs Böller allein, setzte auf jede Ladung zwei Kugeln und ließ ein paar angezündete Lunten in Bereitschaft halten. Den besten und zuverlässigsten Mann setzte ich ans Ruder mit dem Befehl, daß er von vorn auf das Schiff zusteuern und dann längs dem Borde hinwegstreifen sollte. Das Abfeuern meines Geschützes behielt ich mir selbst vor, um meines Zieles desto sicherer nicht zu fehlen, wogegen meine übrigen Leute im rechten Augenblicke mit dem Handgewehre ihr Bestes tun sollten.

Wie gesagt, so geschehen! Wir steuerten so dicht auf die erhoffte Prise los, daß wir ihren Bord im Vorüberfahren mit einem Bootshaken hätten entern können. Währenddem gab ich zugleich aus all meinen vier Böllern Feuer, hatte aber den Schreck, zu sehen, wie sie samt und sonders zersprangen, weil ich sie in meinem Eifer stark überladen hatte. Was mich jedoch auf der Stelle tröstete, indem wir nun hinter das Schiff kamen, war die gelungene Frucht meines Knallens – der Anblick einer guten Anzahl schwarzer Köpfe im Wasser, die bereits eifrig dem Lande zuschwammen.

Jetzt rief ich meinen Leuten zu: »Das Boot umgelegt! Nun dran! Nun geentert! Handgewehr aufs Deck!« – Ich selbst sprang wiederum hinten in die Luke hinab, um die Gewehre, die uns früher hinderlich gewesen wären, schnell hervorzulangen: aber da sprudelte mir von unten ein mächtiger Wasserstrahl aus dem Boden des Fahrzeuges entgegen. Es war nicht anders zu erklären, als daß, während der Pulverdampf alles erfüllte, im Vorüberfahren jener Kerl mit der Donnerbüchse vom höheren Hinterteile herab gerade in die offene Luke gehalten und den Boden so unglücklich durchschossen haben mußte.

Ich trat augenblicklich mit dem Fuße auf das Loch und schrie nach irgendeinem Kleidungsstücke, um davon einen Pfropfen zu drehen und diesen in oder auf die Öffnung zu stopfen. Meine Leute aber standen alle wie bedonnert, ohne meine Meinung zu fassen. Endlich riß ich mir selbst das Hemd vom Leibe, wickelte es so fest zusammen als mir möglich war und suchte dem Unheil vorläufig damit abzuhelfen. Doch wie ich nun auf das Deck kam, nahm ich wahr, daß das Boot fast bis zum Sinken tief lag und das eingedrungene Wasser es binnen der kurzen Zeit schier bis oben erfüllt hatte. Noch empfindlicher aber ward mir dies Unglück in der Betrachtung, daß ich soeben erst mein Schiff verlassen hatte und nun mein noch vollständiger Vorrat von Handelswaren durchnäßt und nur zu gewiß verdorben worden. An die Fortsetzung des Gefechts war unter diesen Umständen nicht mehr zu denken, und alle unsere schon erlangten Vorteile mußten aufgegeben werden.

Ich entfernte mich also mit großem Schaden von dem Kampfplatze. Dreiviertel Meilen weiter von hier, unter dem Winde, nahm ich ein Schiff vor Anker wahr, auf welches ich zusegelte, bis ich neben ihm gleichfalls den Anker fallen ließ, um mein eingedrungenes Wasser auszupumpen. Der Kapitän jenes Schiffes kam in seiner Schaluppe zu mir, weil er wahrgenommen, daß ich bei jenem Fahrzeuge geschossen und zu wissen wünschte, was dies zu bedeuten gehabt. – Mein Bericht setzte ihn ebenso sehr in Erstaunen, als er mir sein Beileid bezeigte, denn ich hatte soeben die unerfreuliche Entdeckung gemacht, daß meine Waren nicht nur sämtlich unter Wasser gelegen, sondern daß auch die Pulverfässer durch das Schlingern des Bootes ihren Inhalt dem Wasser mitgeteilt und all meine Zeugwaren völlig schwarz gefärbt hatten.

Der Kapitän bemerkte, daß er das englische Fahrzeug bereits seit drei Tagen dort habe liegen sehen. Gegen den Wind habe er nicht heransteuern können; und da auch sein Boot gerade auf einer Handelsreise abwesend sei, so habe er bisher einen untätigen Zuschauer abgeben müssen. Er wolle mir aber mein Boot in möglichst kurzer Zeit wieder dicht machen helfen, sich persönlich mit mir vereinigen, noch etwa zehn oder zwanzig Köpfe von seinen Leuten mit zu Hilfe nehmen, und das englische Schiff mit mir gemeinschaftlich angreifen und nehmen. Allein ich hatte in dem Augenblicke den Kopf zu voll von meinem Unglücke. Ich schlug ihm daher meine Teilnahme an der Fortsetzung dieses Abenteuers ab; und wahrscheinlich wäre es auch ebenso fruchtlos abgelaufen, denn schon am nächstfolgenden Morgen sahen wir das englische Schiff völlig am Strande liegen, wohin es die Schwarzen hatten treiben lassen.

Für mich blieb nun kein anderer Rat, als mich wieder nach unserer Christina zu wenden und eine neue Ausrüstung zu verlangen. Indes mag sich der Leser selbst eine Vorstellung davon machen, mit welch garstigem Willkommen ich dort, nach Abstattung meines Berichtes, von meinem Kapitän empfangen wurde, der das Unglück hatte, fast beständig betrunken zu sein. Er wollte mich totstechen, totschießen, oder mir sonst auf eine neue, noch unerhörte Manier den Garaus machen. Da ich nun meinerseits des Glaubens war, daß ich vollkommen recht und pflichtmäßig gehandelt, und ich den unglücklichen Zufall, der hier den Ausschlag gegeben, nicht verantworten könnte, so mochte ich auch nicht demütig zu Kreuze kriechen; und so gab es nun noch drei Wochen lang zwischen uns nichts als täglichen Verdruß (denn im Ärger sprach mein Gegner nur um so fleißiger der Flasche zu und ward dann wie ein tolles Tier), bis wir endlich vor St. George de la Mina anlangten, um dort unsern letzten Handel abzuschließen.