Hier fand ich den Gouverneur Peter Wortmann noch von den nämlichen wohlwollenden Gesinnungen gegen mich erfüllt, wie ich ihn vormals verlassen hatte. Ich klagte ihm bei Gelegenheit mein ganzes Unglück und meine Mißhelligkeit mit dem Kapitän, der mir alle Ruhe des Lebens verbitterte. Er dagegen hieß mich guten Mutes sein, indem er ehestens den hohen Rat versammeln wolle, wo ich volle Freiheit finden würde, mein Verfahren zu verteidigen. Dies geschah auch wirklich bald nachher in einer Sitzung, wozu außer den ordentlichen Räten noch fünf holländische Schiffskapitäne, die dort eben mit ihren Schiffen auf der Reede lagen, mit hinzugezogen wurden. Ich erklärte vor dieser Versammlung, unter dem Vorsitze des Gouverneurs und im Beisein Kapitän Harmels, den ganzen Verlauf der Sache mit dem Angriffe auf das englische Fahrzeug; daß ich, was ich getan, zugunsten unseres Schiffes und unserer Leute unternommen, welche, wenn die Besitznahme geglückt wäre, nach den Seerechten zwei Drittel der Ladung als Bergelohn zu fordern berechtigt gewesen sein würden. Ob mein Angriff ungeschickt geleitet worden und ob ich ohne den empfangenen Schuß mein Vorhaben nicht unfehlbar erreicht haben würde, überließ ich dem Gerichte zur einsichtsvollen Beurteilung. – Die Folge dieser Verantwortung war, daß ich einstimmig und mit Ehren freigesprochen wurde.
Während unseres ferneren Verweilens vor diesem Platze kam eines Tages ein holländisches Schiff auf der Reede vor Anker, welches sofort auch die Notflagge wehen ließ und mehrere Notschüsse abfeuerte. Von allen anwesenden Schiffen konnte indes nichts zu etwaigem Beistande geschehen, da unsere sämtlichen Kapitäne eben mit den Schaluppen an Land gegangen waren und wir Steuerleute kein anderes Boot zu unserer Verfügung hatten. Doch sahen wir bald, daß vom Fort aus ein Kanot mit vier Negern abstieß, eiligst nach dem notleidenden Schiffe hinruderte und auch nach Verlauf einer Stunde von dort wieder zurückkehrte.
Zwei Stunden später kam dies nämliche Kanot, vom Lande aus, wieder zum Vorschein und geradeswegs zu mir. Es brachte mir den schriftlichen Befehl des Gouverneurs, mit diesen Negern zu ihm an Land zu fahren. Ich befolgte diese Weisung, ohne mir's einfallen zu lassen, daß meinem Kapitän hiervon nichts gesagt worden. Indem ich aber in den großen Saal trat, fand ich die nämliche Versammlung, vor welcher ich unlängst zu Gericht gestanden, und auch den Kapitän Harmel an der Tafel bei einem fröhlichen Mittagsmahle sitzen. Kaum aber faßte mich der letztere ins Auge, so sprang er auf und fragte mich in rauhem Tone: was ich am Lande zu schaffen hätte? – Statt der Antwort überreichte ich ihm das von Sr. Edelheiten dem Gouverneur erhaltene Billett und trat währenddessen hinter den Stuhl des letzteren, um zu fragen, was zu seinen Befehlen stände?
»Da ist,« hub dieser an, indem er aufstand und sich zu mir wandte, »soeben der Kapitän Santleven von Vliessingen auf der Reede angelangt und befindet sich im äußersten Drangsal. Er selbst liegt krank im Bette; seine Steuerleute sind tot; er hat daneben beinahe hundert Sklaven an Bord, und seine Not und Verlegenheit ist dermaßen groß, daß er hat eilen müssen, diese Station zu erreichen, um von den hier liegenden Schiffen einen Steuermann zu erlangen, der die Führung des Schiffes übernehmen möchte. Ich und die übrigen Herren Kapitäne hier wünschten ihm darin, wie billig, zu willfahren und haben Euch, mein lieber Nettelbeck, zu diesem Posten ersehen.«
Bevor noch der Gouverneur seinen Antrag geendigt hatte, begann schon mein Kapitän, ihn unterbrechend, dagegen aus allen Kräften zu protestieren, wie sehr auch die übrigen Anwesenden bemüht waren, ihn davon zurückzuhalten. Zuletzt wandte er sich ganz wütend gegen mich und gebot mir: »Nettelbeck, Ihr verfügt Euch stehenden Fußes auf mein Schiff zurück und verseht den Dienst am Bord. Ich will und befehl' es!« – Dem mußte allerdings gehorcht werden! Ich wandte mich ruhig um und ging zum Saale hinaus.
Kaum war ich aus der Türe, so hörte ich etwas hinter mir drein schreiten. Es war einer von den tafelnden Kapitänen, der aufgesprungen war, mich hastig an der Hand ergriff und mich fragte: »Ich bitte Euch um alles – Ihr heißt Nettelbeck?« – Ich bejahte; und nun fuhr jener noch angelegentlicher fort: »Und seid Ihr ein Kolberger? Wohnt nicht Euer Vater dort am Markte? und habt Ihr nicht eine Schwester, die an einem Fuße hinkt?« – Ich bejahte wiederum, aber mit zunehmender Verwunderung, teils über diese genaue Kenntnis meiner Familie, teils über die Absicht all dieser Fragen. »Nun denn,« setzte er mit gleichem Feuer hinzu, »so müßt Ihr ja auch einen Bruder in Königsberg haben, der ein Schiff für eigene Rechnung führt?« – »Der werde ich wohl selbst gewesen sein,« war meine Antwort. – »Wie? Nicht möglich! Ihr selbst? Nun denn, um so weniger ...« unterbrach er sich selbst, hielt mich noch fester und zog mich stürmisch wieder in das eben verlassene Zimmer zurück. Ich wußte am allerwenigsten, was dies alles zu bedeuten haben könnte.
Sein nächstes war nun, daß er sich an den Kapitän Harmel wandte, ihn freundlich umfing, und ihn schmeichelnd zuredete: »Nicht wahr, lieber alter Freund, Ihr gebt meinem und unser aller Drängen eine gute Statt, und überlaßt diesen wackeren Mann an Santleven? Denn ich will's Euch nur sagen: Für alles, was Nettelbeck heißt, laß ich Leib und Leben; und ich will Euch für ihn einen meiner eigenen Steuerleute und einen befahrenen Matrosen obenein, der es auch alle Tage werden könnte, an Bord schicken. Topp?« – Auch die andern insgesamt umringten den zornigen Menschen und redeten so lange auf ihn ein, bis er sich jede Ausflucht abgeschnitten sah, und endlich mir halb über die Achsel entgegenbrummte: »So geht denn meinetwegen zum Teufel!« – Das war und blieb mein Abschied!
Dagegen drang nun der Mann, der mir so das Wort geredet, in mich, jetzt auch sofort mit ihm zu Kapitän Santleven an Bord zu gehen, wohin er mich in seiner Schaluppe bringen wolle. Dies geschah auch, und indem wir nun vom Strande abstießen, konnte ich mich der Frage nicht enthalten, woher er eine so genaue Kenntnis meiner Familie habe, und wie er überhaupt dazu komme, einen so warmen und freundschaftlichen Anteil an mir zu nehmen.
»Nun,« erwiderte er lächelnd, »das wird Euch weiter nicht wunder nehmen, wenn Ihr hören werdet, was ich Euch zu erzählen habe. Im Jahre 1764 fuhr ich als Steuermann auf einem holländischen Schiffe und hatte zwischen Weihnachten und Neujahr das Mißgeschick, eine Meile von Kolberg zu stranden und kaum das nackte Leben zu bergen. Des nächsten Tages führte Euern Vater der Zufall in das Dorf und die armselige Bauernhütte, wohin ich und meine übrigen Unglücksgefährten uns kümmerlich geflüchtet hatten. Die hellen Tränen traten ihm bei unserm Anblicke ins Auge. Insonderheit richtete er seine Aufmerksamkeit auf mich, fragte mich über meine Umstände aus und erbot sich auf der Stelle edelmütig, mich, wenn ich wolle, mit nach Kolberg zu nehmen und für mein weiteres Unterkommen zu sorgen. Er habe auch zwei Söhne in der See, und Gott wisse, wo und wie auch sie die Hilfe mitleidiger Seelen bedürfen könnten. Vorderhand könne er zwar nur mich allein mitnehmen, allein auch für die Rückbleibenden solle baldigst Rat geschafft werden.