»So kam ich,« fuhr er fort, »nach Kolberg in Euer väterliches Haus, wo ich an Eures Vaters, Mutter und Schwester Seite gegessen und getrunken, alle meine Notdurft empfangen und tausendfache Liebe und Güte genossen habe. Eure Schwester versorgte mich mit Wäsche; meine kleinsten Wünsche wurden erfüllt, und so erhielt ich von so liebreichen Händen meine volle Verpflegung bis über Ostern hinaus, wo sich endlich eine Schiffsgelegenheit fand, wieder nach der Heimat zurückzukehren. Aber auch da noch steckte mir Euer Vater einen holländischen Dukaten zum Reisegelde in die Hand, und hinter seinem Rücken tat Euere Mutter mit zwei preußischen harten Talern das nämliche. Oft genug erzählten mir beide von ihrem wackeren Sohne in Königsberg; und ich hinwiederum vertraute ihnen, daß ich kein Holländer, sondern ein preußisches Landeskind und aus Neuwarp in Vorpommern gebürtig sei, Karl Friedrich Mick heiße und mich aus Furcht vor dem Soldatendienste außer Landes begeben habe. Seit jenen Zeiten habe ich nun stets darauf gesonnen, wie ich es möglich machen wollte, so viel Liebe und Güte nach Würden zu vergelten, und hätte wohl nicht gedacht, daß sich mir dazu hier an der Küste von Afrika eine so erwünschte Gelegenheit auftun sollte. Wiewohl ich noch immer nicht begreife, was für ein widriges Schicksal Euch hierher führt und Euere blühenden Umstände so ganz verändert hat?«
Die Antwort auf diese teilnehmende Frage mußte ich dem guten Manne für diesmal noch schuldig bleiben, da wir soeben am Bord des Kapitäns Sandleven anlangten. Diesen fanden wir, beim Eintritte in die Kajüte, bettlägerig und in elender Verfassung. Mein Begleiter stellte mich ihm, mit einer nachdrücklichen Empfehlung und Verbürgung, als denjenigen vor, der ihm in Führung seines Schiffes und seiner Geschäfte beirätig sein solle, und auf den er sich in allen Fällen verlassen könne. Der gute Mann streckte seine Arme nach mir aus, umfing mich inbrünstig und hieß mich von ganzem Herzen willkommen. Demnächst übergab er mir das völlige Kommando, ließ mich durch den Kapitän Mick dem Schiffsvolke vorstellen, gab mir die nötige Einsicht in seine Papiere und Geschäfte und war solchergestalt nach Möglichkeit behilflich, daß hier alles wieder mit einem neuen Geiste und Leben beseelt wurde. Mir selbst war nicht minder zumute, als sei ich aus der Hölle in den Himmel übergegangen.
Bevor nun mein neuer Freund mich verließ, bemerkte ich ihm, daß ich auf der Christina noch eine sechsmonatige Gage zu fordern hätte; und er versprach, daß sie mir unverkürzt ausgezahlt werden sollte. Wirklich geschah dies auch gleich am nächsten Tage mittels einer Anweisung des Kapitäns Harmel auf zweihundertsechzehn Gulden holländisch an seine Schiffsreeder, die Herren Rochus und Kopstädt in Rotterdam. Ebenso holte ich meine Habseligkeiten aus dem alten in das neue Schiff ab, und war von diesem Augenblicke an in dem letzteren vollkommen einheimisch.
Nach gepflogener Beratschlagung mit meinem Kapitäne wandten wir das Schiff wiederum gegen die westlicher gelegenen Punkte, um unsere Ladung durch fortgesetzten Handel zu vervollständigen. Das beschäftigte uns bis in den September hinein, während welcher Zeit der gute Mann, zu meiner nicht geringen Freude, sich merklich erholte und endlich auch wieder auf dem Verdecke erscheinen konnte. Um so leichter ließ sich nun auch der Beschluß ausführen, daß ich mit dem Boote nach dem sechs Meilen von uns entfernten holländischen Forte Boutrou abgehen sollte, wohin wir mit dem Schiffe zu kommen, durch Wind und Strömung verhindert wurden, und wo sich gleichwohl vielleicht einiger Vorteil für unsern Verkehr beschaffen ließ.
Auf dem Wege dahin erblickte ich ein Boot, das uns entgegensteuerte; und aus dieser Richtung sowohl, als aus andern Umständen erkannte ich leicht, daß es mit seinem Briefsacke nach St. George de la Mina zu kommen gedenke und zu einem kürzlich erst auf der Küste angelangten Schiffe gehören müsse. Dies machte mir Lust, mich ihm zu nähern und ihm seine mitgebrachten Neuigkeiten abzufragen. Kaum aber war das Gespräch angeknüpft, so erkannte ich in dem jenseitigen Führer, mit absonderlicher Verwunderung, den nämlichen Steuermann Peters, der uns in vorigem Herbste mit der besetzten französischen Prise so unerwartet und bei Nacht und Nebel davongegangen. Auch mein Gesicht ward ihm sofort kenntlich; er rief meinen Namen, und wir verloren keinen Augenblick, unsere Fahrzeuge aneinander zu befestigen, damit wir die tausend Fragen und Antworten, die uns beiderseits auf der Zunge schwebten, gegeneinander austauschen könnten.
Daß er sich mit dem Schiffe glücklich nach Rotterdam hingefunden hatte, war mir, wie der geneigte Leser weiß, bereits im März durch die französische Fregatte zu Ohren gekommen. Allein wie er dies bei seinen eingeschränkten Kenntnissen vom Seewesen und ohne einen festen Punkt von Länge und Breite mit sich zu nehmen habe möglich machen können, wollte mir ebensowenig, als daß sein Verschwinden ein bloßes Werk des Zufalls gewesen sein sollte, einleuchten. Indes behauptete er doch, er habe, als es Tag geworden, uns und die Christina weder gesehen, noch wieder auffinden können, und sei also genötigt gewesen, seinen Kurs nach Gutdünken, gegen den englischen Kanal zu einzurichten. In dieser beibehaltenen Richtung sei er einige Tage später auf ein englisches Schiff gestoßen, bei welchem er sich wegen der Lage und Entfernung von Quessant befragt, aber von der Antwort wenig verstanden habe. Demnach sei er getrost bei seinem anfänglichen Kurs geblieben, bis ihm des nächstfolgenden Tages ein schwedisches Schiff die Auskunft erteilt, daß er Kap Landsend in Ostnordost 65 Meilen vor sich liegen habe; und dieser willkommenen Weisung nachsteuernd, habe er denn auch, bei günstigem Winde, diese Landspitze des dritten Tages zu Gesicht bekommen, von dort den Kanal hinaufgeleiert, ferner die flämischen Küsten möglichst in der Nähe behalten, und so des fünften Tages auch glücklich Goree und die Mündung der Maas erreicht.
Der Hafenmeister von Goree, als er zu ihm an Bord gekommen, habe ihn alsbald wieder erkannt, da er erst vor wenigen Wochen von hier in See gegangen. Er habe sich die übrigen seltsamen, dies Schiff betreffenden Umstände berichten lassen, sich vor Verwunderung bekreuzigt und gesegnet, aber auch um so weniger zulassen wollen, daß er seinen Weg stromaufwärts nach Rotterdam fortsetze, bevor nicht davon Bericht erstattet und eine nähere Untersuchung verfügt worden. Beides sei demnächst auf Veranstaltung des Handelshauses Rochus und Kopstädt durch eigene Kommissarien geschehen, der Befund nach dem Haag an die Staaten von Holland abgegangen und von dorther die Anweisung zu dem gerichtlichen Verfahren gekommen, wovon bereits oben ausführliche Meldung geschehen. Schiff und Ladung waren in der Folge gerichtlich zu Verkauf gestellt und aus beiden ein Wert von neunundneunzigtausend holländischen Gulden gelöst worden.
Von dieser bedeutenden Summe kamen nun, nach den holländischen Seerechten, zwei Drittel den französischen Eigentümern, ein Drittel aber dem Schiffsvolke der Christina zu. Umgekehrt wäre das Verhältnis gewesen, wenn sich jener Hund nicht mehr als Wächter auf dem Schiffe befunden hätte, um dieses als völlig herrenlos anzunehmen, woraus denn zu ersehen, was für eine sonderbare Gerechtigkeit die Seegesetze auf einem Schiffe selbst einem Hunde einräumen. Denn dieser hier verdiente seinem Herrn durch sein Bellen, womit er uns empfing, reine zweiunddreißigtausend Gulden!
Das Drittel, welches unserm Schiffe zufiel, kam zur Hälfte wiederum den Reedern zugute; die andere hingegen dem Schiffsvolke, nach Maßgabe der Monatsgage, die jeder zu empfangen hatte. Ob jedoch hierbei ganz nach den richtigsten Grundsätzen verfahren wurde, mag man daraus entnehmen, daß, als ich in der Folge, als gewesener Obersteuermann der Christina, meine Forderung an diese Prisengelder in Holland geltend machte, mir zweiundvierzig Gulden ausgezahlt wurden. – Von Peters aber habe ich nur noch zu erzählen, daß er demnächst auf einem Schiffe des nämlichen Handelshauses Rochus und Kopstädt als Obersteuermann, unter Kapitän Schleuß, angestellt worden, das jetzt bei Kap Monte lag und mit dessen Briefsack er eben auf dem Wege nach St. George de la Mina begriffen war.