Indem ich hier nun eines Tages meinen Weg zur Börse nahm, fiel es mir zufällig bei, über den Neuen-Graben zu gehen, wo das Haus stand, in welchem ich in früherer und besserer Zeit gewohnt hatte. Nachdenklich blieb ich stehen, und indem ich es betrachtete, fiel mir schwer aufs Herz, wie ich hier doch fünf Jahre lang in Leid und Freude aus- und eingegangen, mit so manchem Biedermann in Verkehr gestanden und mutig ins Leben hineingeschaut habe. Und wie war das nun so ganz anders! Auf diesem nämlichen Flecke stand ich nun als Fremdling; niemand hier, dem mein Wohl oder Weh noch zu Herzen ging – ich selbst ein wunderlicher Spielball des Schicksals und nach allen Himmelsgegenden umhergeworfen! Wahrlich, es war kein Wunder, daß mir in diesen Gedanken ein paar schwere Tränen in die Augen traten.
»Herr Jemine! Sieh doch! Kapitän Nettelbeck und kein anderer!« rief plötzlich eine weibliche Stimme aus einem geöffneten Fenster des nämlichen Hauses. Indem ich emporschaute, bemerkte ich ein Frauenzimmer, welches im Begriff gewesen zu sein schien, einen Teller mit Fischgräten auf die Straße hinauszuschütten. Ich stutzte, konnte mich aber des veralteten und verzerrten Gesichtes in keinem Winkel meines Gedächtnisses besinnen. In eben dem Moment aber war sie auch bereits zu mir herunter geeilt, ergriff mich an beiden Händen und beteuerte: sie lasse mich nicht; ich müsse kommen und bei ihr und ihrem Manne einsprechen. Jetzt erst schoß es mir mit einemmal aufs Herz, daß hier von dem Kniffelschen Ehepaare die Rede sein möge. Und so war es auch wirklich!
Schon in Pillau hatte ich, auf gelegentliche Erkundigung, von diesem Paare so mancherlei vernommen, was mich nach der Erneuerung dieser alten Bekanntschaft eben nicht lüstern machte. Sie hatten mit den ihnen ausgesetzten Geldern übel gewirtschaftet, waren überall betrogen und steckten tief in Schulden, weil die reiche Verwandtschaft in Surinam immer noch diesen und jenen Wucherer lockte, ihnen Kredit zu geben. Außer dem Hause, das er bewohnte und wovon ihm vielleicht auch kein Ziegel mehr eigen gehörte, besaß der alte Tropf nichts mehr als seinen gekauften Titel »Lizentrat«, den aber der Pöbelwitz allgemein in den Spottnamen »Lizentrekel« verkehrt hatte. Kurz, bei diesen Leuten war weder Freude noch Ehre zu holen, und es verdroß mich sogar, daß sie mein altes liebes Eigentum durch ihre Gegenwart verschimpfierten.
Indes mußte ich mich schon mit hinaufschleppen lassen, und fand dort den Titularrat hustend auf einem Bette sitzen. Ich sah mich nun in dem Stübchen um, wo alles ein ärmliches, beklommenes Ansehen hatte, und konnte mich nicht enthalten auszubrechen: »Leute, wie habt ihr gewirtschaftet! Was habe ich gehört? und was sehe ich jetzt selbst? Seid ihr's wohl wert, daß euch das Glück einmal so freundlich angelacht hat?« – Beide weinten und sagten: dann würde ich auch gehört haben, wie sie von ihren besten Freunden betrogen worden. – »Nun wahrlich doch nicht ohne euere Schuld!« gab ich ihnen unmutig zur Antwort – »Hättet ihr die Nase nicht stets höher getragen, als euch zukam; hättet ihr Gott still und demütig gedankt, daß er euch einen ruhigen Nothafen für eure alten Tage eröffnet; hättet ihr fein zu Rate gehalten, was mehr als genüglich für euer Notwendiges ausreichte« ... und wie denn die derben Leviten weiter lauteten, die ich glaubte, ihnen lesen zu müssen.
Sie gestanden ihr Unrecht ein und gelobten Besserung, wenn ich ihnen nur jetzt behilflich sein wollte, einen Brief an ihre Tochter zu besorgen, worin sie derselben ihre äußerste Not vorstellen und sie um eine letzte Unterstützung bitten wollten. Mehrmals hätten sie dies bereits auf anderen Wegen versucht, aber niemals Antwort erhalten. Die Papiere möchten wohl nicht in ihre Hände gelangt sein. – »Gut, so schreibt denn!« rief ich – »aber sputet euch damit: denn morgen bin ich nicht mehr in Königsberg. Ich logiere ...«
Aber aus Sorge, daß ich ihnen entschlüpfen möchte, wollten sie mich lieber nicht von der Stelle lassen und schickten gleich zu einem alten abgedankten Hauptmann, der in allem ihr Sekretär und Ratgeber zu sein schien. Der setzte sich sofort an das Stück Arbeit, welches mir auch endlich mit der Bitte überliefert wurde, daß ich es mit einigen Worten zur besseren Empfehlung begleiten und ihrem Kinde treulich schildern möchte, in welchem Elend ich sie angetroffen hätte. Ich versprach alles, was sie wollten, um nur von ihnen loszukommen; habe aber fernerhin nie Gelegenheit gefunden zu erfahren, was weiter aus ihnen geworden und ob sie sich in der Zukunft besser gebettet.
Gleich darauf ging ich, früh im Jahre 1779, von Pillau als Passagier nach London, und meldete mich sofort bei den dortigen Korrespondenten meines neuen Prinzipals und empfing nun aus deren Händen die Instruktion, wie ich bei meinem Einkaufe verfahren sollte. Diese war aber leider von der Art, daß ich, wäre sie mir früher zugekommen, keinen Schritt vor die Türe darum gegangen sein würde. Nur die wunderlichste Laune konnte dem Manne alle die tausend Bedingungen eingegeben haben, von denen ich kein Haar breit abweichen sollte. Das Schiff, das ich erstände, sollte von einhundertfünfzig Lasten sein, nicht größer und nicht kleiner; es durfte nicht älter als zwei oder drei Jahre sein, ein vollständiges Inventarium war vorgeschrieben, aber vor allem durfte es nicht höher als vierhundert Pfund Sterling zu stehen kommen. –
So reiste ich denn ganz England mit der Post in die Runde, nach allen Häfen, wo nur Prisen aufgebracht worden. Ich ging nach Hull, nach Newcastle, nach Leeds, nach Liverpool, nach Bristol, nach Plymouth, nach Portsmouth, nach Dover: – aber ebensogut hätte ich zu Hause bleiben können! Endlich stieß ich in London selbst auf ein Schiff, das ich trotz alles dessen, was ihm etwa noch mangelte, auf meine eigene Verantwortung zu kaufen beschloß.
Indem ich nun den Herren Schmidt und Weinholdt diese Absicht eröffnete und meinen Kredit geltend machen wollte, erhielt ich die nimmer erwartete Antwort: »Lieber Nettelbeck, um Ihnen klaren Wein einzuschenken, müssen wir Ihnen geradeheraus sagen, daß wir für B–rs Ordre auch nicht ein Pfund zu zahlen gesonnen sind. Wollen Sie aber das Schiff für sich allein und auf Ihren Namen erstehen und uns die Korrespondenz und Assekuranz darüber überlassen, so ist hier unsere Hand – wir zeichnen für Sie, soviel Sie verlangen. Nur mit B–r wollen wir nichts zu tun haben.«