»Ich bin vorzeiten,« sagte ich, »Herr eines eigenen Schiffes gewesen, habe aber so ausgesuchtes Unglück damit gehabt, daß ich mir's heilig angelobt, mich nie wieder mit dergleichen zu befassen. Es taugt auch für keinen Schiffer, sein eigener Reeder zu sein, wenn er gleichwohl die Korrespondenz, und was dazu gehört, einem Fremden überlassen muß. – Nur warum, meine Herren, haben Sie mir von dem Mißkredit, in welchem mein Prinzipal bei Ihnen steht, nicht früher einen Wink gegeben? Wieviel Zeit, Mühe und Kosten wären da zu ersparen gewesen!«

Sie gestanden mir nun, daß sie nimmer vermutet hätten, ich würde ein solches Schiff, wie mir vorgeschrieben worden, aufzutreiben imstande sein, und daß sie es darum mit ihrer Erklärung lieber bis aufs äußerste hätten wollen ankommen lassen. Ich mußte mir das gefallen lassen, eröffnete ihnen aber gleich des nächsten Tages, daß ich eine bequeme Schiffsgelegenheit nach Stettin gefunden und von da nach Kolberg abzugehen gedächte, um dem Kommerzienrat Bericht zu erstatten.

»Nach Stettin?« ward mir geantwortet. – »O, schön! Das trifft sich wie gerufen: denn wir haben ein Anliegen an Sie, lieber Nettelbeck, das Sie uns nicht abschlagen müssen. Da ist in Stettin der Kaufmann Groß, mit dem wir in Assekuranzangelegenheiten wegen Schiffer Lickfeld verwickelt sind, schon seit Jahr und Tag in Briefen hin und her scharmützeln und je länger je weniger übereinkommen können. Wir sind des Handels nachgerade herzlich überdrüssig, und unser in Sie gesetztes Vertrauen läßt uns wünschen, daß Sie in unserem Namen mündlich den Zwist so gut wie möglich ausgleichen möchten. Sie sollen über den Stand der Dinge alle Auskunft erhalten, und da wir uns alles, was nur nicht geradezu unbillig ist, gefallen lassen wollen, so machen Sie es mit ihm ab, so gut Sie wissen und können. Ihre Vollmacht soll Ihnen auf der Stelle ausgefertigt werden, und unser ganzer Verlaß steht auf Ihnen.«

»Gut und aller Ehren wert, was Sie mir anvertrauen und von mir erwarten!« erwiderte ich. – »Aber kennen Sie den Mann auch, mit dem Sie mir zu tun geben wollen? Dieser Groß, meine Herren, ist ein ganz absonderlicher Patron und fängt gar leicht Feuer unter der runden Perücke. Ich entsinne mich seiner gar wohl von Anno 1764 her, wo er noch selbst als Schiffer fuhr und einen Winter bei uns mit seinem Schiffe in Königsberg lag. Hatte er damals doch mit allen Leuten, mit denen er zu verkehren kriegte, Krakeel und Prozesse; und hat er sich seitdem, wie schwerlich zu hoffen ist, nicht geändert, so möchte ich lieber ein Kreuz vor ihm schlagen, als mir mit ihm zu schaffen machen.«

Wie ich aber auch diesen mißlichen Auftrag abzulehnen suchte, so ward doch so anhaltend in mich gedrungen, daß ich mir endlich die bisher geführten Verhandlungen vorlegen ließ; da jedoch die Sache festen Grund hatte und der ganze Zwiespalt nur auf einem Mißverstande beruhte, einigte ich mich mit meinen Herren Kommittenten, wie weit ich gehen sollte, empfing genügende Vollmacht und machte mich in Gottes Namen nach Stettin auf den Weg, wo ich es mein erstes sein ließ, Herrn Groß aufzusuchen.

Dieser Mann empfing mich mit Herzlichkeit, als einen Bekannten; machte indes große Augen, als ich ihm den Grund meines Hierseins eröffnete und ihm meine Beglaubigung vorlegte. »Hört, Nettelbeck,« sagte er, mir auf die Schulter klopfend: »Nun heiße ich Euch doppelt und von Herzen willkommen! Trügt mich nicht alles, so seid Ihr mein guter Engel, der mir endlich einmal den fatalen Sorgenstein unterm Kopfkissen hinwegräumen wird. Topp! Morgen um die und die Stunde machen wir die Sache ab, heute aber kein Wort mehr davon, damit wir uns dies gute Glas Wein nicht verderben.«

So geschah es denn auch am nächsten Tage. Wie erstaunte ich, als der Mann Vernunft annahm und Gründe gelten ließ. Eine Schwierigkeit nach der andern verschwand, und in weniger als drei Stunden war eine Vereinigung getroffen, wie beide Teile sie nur immer wünschen konnten, das Londoner Haus aber sie nimmer erwartet hatte. Ich forderte nun die gerichtliche Bestätigung, die gleich in den nächsten vierundzwanzig Stunden durch den Herrn Notarius Bourwig ausgefertigt und mittels Brief und Siegel bekräftigt wurde. Ebenso schnell packte ich meine Papiere zusammen, schickte sie nach London, erhielt die unbedingteste Genehmigung und eine Vergütung, wie sie dem Dienste angemessen sein mochte.

Noch zufriedener aber war Herr Groß, der mir von Stund an ein sichtbares Wohlwollen zuwandte. »Aber wo nun hinaus?« fragte er mich, als ich kam, ihm meinen Abschiedsbesuch zu machen. – »Nach Kolberg,« gab ich zur Antwort, »um meinem Prinzipal B–r Red' und Antwort zu stehen. Was es dann weiter gibt, wird die Zeit lehren.« – »Hört, lieber Nettelbeck,« fiel er mir ein, »die Herren Kaufleute dort, die kenne ich! Das ist nichts für Euch! Aber einen Mann von Euerem Schlage – den hätt' ich mir schon längst auf mein bestes Schiff gewünscht. Da! Die Hand eines ehrlichen Mannes – schlagt ein! Nehmt das Schiff, das ich hier jetzt auf dem Stapel stehen habe.«

Was soll ich's leugnen, daß die Art, wie mir dieser Antrag geschah, meiner Eigenliebe schmeichelte. Dennoch hatte ich Bedenken. »Lieber Herr Groß,« erwiderte ich demnach, »so ein Schritt will überlegt sein. Gönnen Sie mir dazu eine Stunde; und wenn ich dann wiederkomme, bringe ich Ihnen mein Ja oder Nein.« – Er war es zufrieden.

Voll Sinnens suchte ich demnach einen alten Bekannten, den Schmied Lüdtke auf, mit dem ich bereits im Jahre 1770, auf Veranlassung der Ausrüstung der königlichen Fregatte, zu tun gehabt hatte, und der jetzt, wie ich wußte, die Eisenarbeit für das auf dem Stapel stehende Schiff des Herrn Groß besorgte. Er sollte mir sagen, was hier zu tun oder zu lassen sei; und so trug ich ihm gleich warm vor, was mir auf dem Herzen drückte. »Hm! hm!« gab er mir kopfschüttelnd zur Antwort. »Es mit dem zu wagen, könnt' ich nur meinem ärgsten Feinde raten! Ihr seid beide Hitzköpfe. Gleich ist bei euch Feuer im Dache! Ihr werdet euch keine vierundzwanzig Stunden miteinander vertragen. Bleibt also fein auseinander; das ist das Gescheiteste.«