Ich konnte nicht anders, als ihm recht geben, und war schon auf dem Wege, den Handel aufzusagen, als ich vor dem Hause eines Segelmachers, Krunt, vorbei mußte. Auch dieses Mannes Rat und Meinung wollte ich mitnehmen. Ich trat zu ihm ein, trug ihm Anliegen und Bedenken vor und überließ ihm die Entscheidung. »Hört, Freund Nettelbeck,« entgegnete er, »ich kenne Euch und kenne Groß inwendig und auswendig. Ihr seid beide ein paar herzensgute Leute – brav, ehrlich und erfahren. Ihr beide werdet euch ineinander schicken und passen, oder keiner in der Welt! Wie schlimm jener auch verschrieen sein mag, so kommt es doch nur darauf an, daß Ihr seine erste tolle Hitze vorübertoben laßt. In der nächsten Viertelstunde darauf könnt Ihr ihn wieder um den Finger wickeln, wie ein Wachs. Was ist da also noch lange zu bedenken? Ihr bekommt ein schönes, neues und großes Schiff von 320 Last unter die Füße, womit ein Mann von Eurer Welterfahrung schon etwas Rechtschaffenes anzufangen wissen wird.«

Das klang nun freilich ganz anders, aber keineswegs unverständig. Ich ließ es mir gesagt sein, setzte meinen Weg mit erleichtertem Herzen fort, trat zu Herrn Groß in das Zimmer und mit drei raschen Schritten auf ihn zu, reichte ihm die Hand und rief mit leuchtenden Augen: »Glück gebe Gott uns beiden, mein Herr Patron!« – »Ja! Ist's wahr? Hab' ich Euch?« fuhr er seinerseits auf, drückte mich an die Brust und küßte mich herzlich ab. Der Notarius Helwig, welcher bei diesem Auftritte zugegen war, wurde aufgefordert, zur Stelle einen Kontrakt aufzusetzen, welchen mein neuer Prinzipal selbst diktierte, und wobei meines Vorteiles keineswegs vergessen ward.

Nunmehr ging ich auf einige Tage nach Kolberg, um mich mit B–r zu berechnen und auseinanderzusetzen; war aber bereits in der Mitte des Juni wieder in Stettin, wo ich den Ausbau meines neuen Schiffes eifrig betreiben half. Dieses war eigentlich zu einem Zweidecker bestimmt und würde als solcher in allen preußischen Häfen seinesgleichen gesucht haben. Allein das Schiff sollte, um von den damaligen hohen Frachten zu vorteilen, noch vor Winters in See gehen; und um keine Zeit zu verlieren, ward beschlossen, nur ein Verdeck aufzusetzen. Dennoch konnte es erst im Oktober vom Stapel laufen; doch war auch bereits mit dem Kommerzienrate eine Fracht von Balken und Stabholz abgeschlossen, die ich unverzüglich nach Bordeaux führen sollte. Den kleineren Teil derselben nahm ich auf der Stelle ein und ging dann Mitte November auf die Swinemünder Reede, um auch den Rest der Ladung zu empfangen.

Doch dies war in der schon so weit vorgerückten Jahreszeit ein äußerst mühseliges und langweiliges Geschäft, weil der Hafen selbst bereits mit Eis zugelegt war und jede Bootsladung Stabholz sich vom Weststrande her erst einen Weg durch das Eis nach dem Schiffe bahnen mußte, so daß volle vier Wochen über diese Arbeit verliefen. Mit dem letzten Boote ging auch ich selbst an Bord, um nun unmittelbar darauf in See zu stechen, während bereits um das Schiff her alles mit schwimmendem Eise flutete und mit jedem Augenblicke ein völliges Einfrieren zu befürchten stand.

Neben mir lag auf der Reede ein Fregatteschiff, welches gleichfalls erst in diesem Sommer in Stettin für schwedische Rechnung ganz neu gebaut worden und nach Gotenburg bestimmt war. Ich sah, daß es sich eben fertig machte, seinen Anker aufzuwinden und die Reede zu verlassen. Mir selbst lag noch die letzte Bootsladung Stabholz auf dem Verdecke im Wege, die zuvor noch beiseite gestaut werden mußte, bevor ich mich bei meiner Ankerwinde frei rühren konnte; und doch wäre ich bis zum Sunde hin gern in der Gesellschaft des Schweden geblieben, um desto leichter, wenn es not tat, Hilfe zu leisten oder zu empfangen. Ich fuhr demnach hurtig in der Schaluppe zu jenem Schiffe hinüber und forderte den Kapitän auf, noch eine kleine Stunde zu warten. Das wollte er aber nicht, lichtete seinen Anker vollends und ging ab.

Kaum war er eine Meile westwärts von mir entfernt und ich gleichfalls unter Segel, so ging der Wind nach Nordosten um. Es gab einen starken fliegenden Sturm, der zwar mächtig förderte, aber die Luft mit einem dicken Schneegestöber erfüllte, so daß ich den vorausgeeilten Schweden bald aus dem Gesichte verlor. Dies Wetter mit dicker Schneeluft hielt bis zum andern Morgen um neun Uhr an, wo wir dicht an das Land von Stevens kamen und, mit nicht geringer Verwunderung, die schwedische Fregatte auf dem Strande stehend erblickten, wo die Sturzwellen sich unaufhörlich darüber her brachen, die Mannschaft aber kümmerlich in den Masten hing.

Ich selbst hatte alle Not und Mühe, einem gleichen Schicksale zu entgehen und über die Landspitze von Stevens hinauszukommen. Endlich zwar gelang es, und ich erreichte die Kiöger Bucht; doch sah ich mich genötigt, vor stehenden Segeln zu ankern und nach und nach mich vor drei Anker zu legen. So dauerte diese peinliche Lage bis zum nächsten Morgen, wo der Wind durch Osten nach Süden lief, und ich meine Notflagge aufsteckte, um Hilfe vom Lande zu erhalten, denn mit meinen Leuten allein wußte ich mir länger nicht zu raten. Glücklicherweise eilten auch auf dies Zeichen zwei Boote mit fünfzehn Mann von Dragoe herbei, mit deren Beistand ich, nachdem ich sämtliche Ankertaue habe kappen müssen, die Reede von Kopenhagen glücklich erreichte. Während ich mich hier nun wieder instand setzte, langte auch das Volk von dem schwedischen Schiffe an, welches gänzlich verloren gegangen war.

Indes setzte ich meine Fahrt ohne weiteren Unfall fort, erreichte Bordeaux am 28. Februar 1780, löschte meine Fracht und war stracks darüber aus, einer neuen nach Amerika habhaft zu werden, wie ich's zuvor mit meinem Reeder verabredet hatte; denn unter der neutralen preußischen Flagge war besonders dahin ein ungeheueres Geld zu verdienen. Bald kam ich auch mit einem Kaufmanne aus Ostende wegen einer Ladung nach der französischen Insel St. Grenada in Westindien überein. Der Kontrakt war bis zur Unterzeichnung fertig, und ich ersuchte den Kaufmann, welcher die Reise in Person mitmachen wollte, zu mir an Bord zu kommen und sich mit eigenen Augen von der Güte und Dauerhaftigkeit des Schiffes sowie von der netten Einrichtung der ihm zugedachten Kajüte zu überzeugen.

Als er des anderen Tages in dieser Absicht bei mir erschien, bemerkte ich freilich an seiner Miene, daß er sich in irgendeiner Erwartung getäuscht sehen müsse, ohne jedoch erraten zu können, woran er eigentlich Anstoß genommen. Dies sollte ich erst von meinem Korrespondenten, Herrn Wesenberg, erfahren. Die ganze Fracht war nämlich zurückgezogen, weil der Kaufmann gesehen hatte, daß mein Schiff nur ein Eindecker sei, welchem er weder die gehörige Sicherheit noch genugsame Bequemlichkeit zutrauen mochte. Hiergegen half kein Protestieren; und ich konnte mich auch um so leichter zufrieden geben, da ich unmittelbar darauf eine Fracht von Wein und Zucker auf Hamburg gewann und mit der Ladung bereits vierzehn Tage nach meiner Ankunft fertig ward.